Jawohl, die Uhr zeigt fünf vor zwölf. Und zwar nicht irgendeine, sondern die mit dem weltberühmten Bonnnnnngggg! Big Ben wird sich ab nächsten Montag in Schweigen hüllen. Die Glocken, eigentlich der ganze Turm, muß von Grund auf renoviert werden. Und deshalb wird man den Glockenklang für volle vier Jahre (!) nicht mehr hören können. Was für eine niederschmetternde Nachricht, nicht nur für Londons Besucher. Einen Trost gibt es aber doch, denn es wurde fest versprochen, dass Big Ben am New Years Eve das neue Jahr einläuten wird. Also ein Grund mehr auch dieses Jahr den Sylvesterabend in London zu verbringen. Ich glaube, wenn am nächsten Montag, Big Ben zum letzen Mal um zwölf Uhr mittags die Stundenzahl läutet, wird mancher Londoner sich eine Träne wegwischen. Das wird ein emotionaler Abschied werden. Offiziell heißt es: The Elizabeth Tower is completed some time in 2021. Ja, nicht wundern, gemeint ist Big Ben. Der Turm, in dem die Glocke hängt, wurde der Queen zu Ehren umbenannt. Und der Name passte ja auch ganz gut, denn der größere Turm am anderen Ende des Westminster Palace hieß schon immer Victoria Tower, und damit sind dann die beiden wichtigsten englischen Königinnen namentlich vereint. (Für ganz Schlaue: Ja, es gab eine dritte, Queen Anne.) Einen Trost habe ich für London Touristen, die ihre Reise in den nächsten drei bis vier Jahren geplant haben. Man hat versprochen, dass immer eine der vier Ziffernblätter intakt sein wird und dass diese Uhr auch die richtige Zeit anzeigt. Also ein Foto sollte möglich sein, wenn man auch ein bißchen um Big Ben herumlaufen muß. Aber die Gegend ist von allen Seiten voller interessanter Entdeckungen, jedenfalls für Fotografen.

 

 

Vor ein paar Tagen schrieb ich über den Reverend, der an der neuen Staffel von ‘Strictly Come Dancing’ teilnehmen wird. Ich habe dabei glatt etwas vergessen, was ich unbedingt noch loswerden will. Können Sie sich noch an das Gesangsduo ‘The Communards’ erinnern? Zwei britische Popsänger, die in den achtziger Jahren die Charts stürmten (z.B. mit ‘Don’t leave me this way’). Ja und einer von den beiden war Richard Coles, der dann Theologie studierte, heute von der Kanzel predigt und demnächst das Tanzbein schwingen wird. Der Mann führt wirklich ein buntes Leben, ich glaube da kann ich noch einiges lernen. Von mir bekommt er jetzt schon mal einen ‘Thumb up’ gezeigt. 

Und weil ich heute keinen roten Faden verfolge, kann ich inhaltlich gleich zum nächsten Sprung ansetzen, nämlich zu den klassischen sprachlichen Mißverständnissen. Die kommen bei uns noch täglich vor, obwohl George ganz gut Deutsch spricht und ich das Englische immerhin gut verstehe. Wenn wir aber Idioms benutzen, dann kann es eng werden. Wenn ich beispielsweise fluchend ‘Mäuse melken will’, dann versteht er zwar die einzelnen Worte, aber nicht die Gesamtbedeutung. Gut, ein Blick auf mein hochrotes Gesicht verrät ihm in welche Richtung sich die Unterhaltung bewegt. – Jetzt aber passierte es ausgerechnet einer Amerikanerin, dass sie die englische Bezeichnung ‘cat’s eye’ ins falsche Halsloch bekam. Erstaunlich, aber Amerikanisch ist nun mal kein Englisch. Die Dame war als Urlauberin im ländlichen Süden der englischen Insel unterwegs, wo sie sich ein Auto gemietet hatte und kreuz und quer durch die Landschaft fuhr. Dabei fiel ihr ein Warnschild auf, dass man zur Zeit auf vielen Schnell- und Landstraßen entdecken kann:

 

 

Sie nahm die Botschaft wörtlich. Mir wäre das nicht passiert, denn erstens habe ich schon einmal einen Beitrag über die Katzenaugen veröffentlicht (=> Snug in a rug like a bug) und zweitens bezeichnen wir in Deutschland reflektierende Schilder mit demselben Wortbild. Engländer und Deutsche verstehen unter ‘cat’s eyes’ Reflektoren, die einem nachts auf stockdunkler Straße den Weg weisen, indem sie das eigene Scheinwerferlicht zurückwerfen. In England werden diese ‘Katzenaugen’ direkt in die Fahrbahn eingelassen. Und in Amerika nutzt man dieselbe Technik auf den endlosen Highways, aber dort bezeichnet man die Dinger aber als Botts’ Dots, turtles or buttons. Da hätte ich dann dumm geguckt, -George übrigens auch-, und wir hätten beide nicht gewußt was gemeint ist. 

Auf jeden Fall war die Amerikanerin völlig ensetzt über die Grausamkeit der Südengländer im Umgang mit Katzen. Sie glaubte wirklich man würde den Tieren die Augen herausreißen und auf die Straße werfen, oder so etwas ähnliches. Das passiert, wenn Touristen sich nicht auf ihr Reiseland vorbereiten. Ausgerechnet die Engländer, die für ihre Tierliebe bekannt sind und wo sich die Schwiegermütter längst hinter Hund und Katze einreihen müssen. Jedenfalls wenn es um die soziale Wichtigkeit innerhalb der Familie geht. Aber unabhängig von der geschockten USA Lady hat man in England aus Gründen, die mir nicht ganz klar sind, tatsächlich eine neue Bezeichnung für die Reflektoren eingeführt. Wahrscheinlich um keinen Ärger mit dem Tierschutzbund zu bekommen. Ab sofort heißen die Lichter offiziell Road Studs [Bolzen, Stift]. Und das ist nun wieder ein Begriff mit dem George nix anfangen kann. Ich sowieso nicht. Also irgendwie auch keine glückliche Lösung.  

 

Links: So sehen die Cat’s Eyes aus, die in die Fahrbahn eingebaut sind. Nachts reflektieren sie das Fahrlicht der Autos. – Rechts: Ab sofort heißen die Dinger ‘Road Studs’. Kein Engländer weiß was damit gemeint ist.

 

Fast hätte ich den heutigen Beitrag so sang- und klanglos beendet, das kommt George mit einer superguten Nachricht rüber. Erst kann ich es gar nicht glauben, aber ich habe mich überzeugt und er hat tatsächlich Recht. Er hat mitbekommen, dass ich Big Ben’s Bongs vermissen werde und wußte mich zu trösten. Denn der Schlauberger hat herausgefunden, dass man Alexa (das ist der sprachgesteuerte Medien Computer von Amazon) in allen kritischen Lebenslagen um Hilfe bitten kann. Das Wunderding kann wirklich alles und auf Befehl lässt Alexa auch den Originalklang der Londoner Glocken ertönen. Hurra, gerettet. Ab sofort kann ich also auch in Hamburg den mir längst vertrauten Westminsterschlag lauschen, wenn ich morgens aufwache. Ein simples ‘Alexa, spiele Big Ben’ genügt. Ding, dong, ding, dong …

 

Zum Mitpfeifen im 6/4 Takt: Big Ben’s Originalsound zur vollen Stunde.