Christmas is over. Keine Ausrede mehr, das ganze Zeug muss weg. Der Baum, oder was davon übrig ist, kommt an die frische Luft, die Deko wird im Karton verpackt und landet im Keller. Einzig mein Weihnachtsteddy darf bleiben, ich werde ihm die rote Mütze von Kopf trennen, dann ist er zeitlos und muss nicht wieder ins dunkle Loch. Zum Glück hat er zwei formvollendete Ohren, da hat man nicht gespart. Da kann ich ganz entspannt die Trennadel holen und vorsichtig den ‘bobble hat’ entfernen.

Was haben Sie mit ihrem Weihnachtsbaum gemacht? Hat er eine Verabredung mit den Männern von der Müllabfuhr? Oder waren Sie so schlau einen mit Wurzel zu kaufen, der jetzt im Garten weiterwachsen soll. So jedenfalls die Theorie. Einige entsorgen den Baum einfach wild. Ich glaube das geschieht nach Dämmerung, spät am Abend. Da huschen Männer durch die Strassen, schleifen ein schweres Ding hinter sich her und lassen es dann klammheimlich an unbeobachteter Stelle fallen. Andere schmeissen ihn einfach über den Zaun und vertrauen darauf, dass kein Name dran steht. Die Engländer stehen natürlich vor demselben Problem wie wir, haben es aber etwas einfacher. Ihr Weihnachtsbaum teilte schon ab 1. Dezember die warme Stube mit ihnen und deshalb ist jetzt, nach gut sechs Wochen, nicht mehr viel von ihm übrig. Ein schlanker Stamm, ein paar dürre Zweige, mehr oder weniger nadellos. So etwas kann man leicht in eine Ecke stellen und für immer vergessen.

 

London hat Ausdauer, wenn es um Weihachten geht. Märkte werden Mitte November und bleiben bis Mitte Januar geöffnet. Aber in diesen Tagen ist geht eine Beleuchtung nach der anderen aus. Schluss mit der Festiv Season, ab Montag widmet man sich anderen Dingen. Beispielsweise dem Brexit. Es wird höchste Zeit.

 

Ein Londoner hatte offensichtlich den Weihnachtsbaum auf dem Weg zur Gym*) mitnehmen müssen. Das ist die Sporthalle, wo man sich abends trifft. Nicht unbedingt zum radeln, aber auf jeden Fall mit den Kumpels. Kann ich mir genau vorstellen wie das lief und wie ihm noch hinterher gerufen wurde: “Darling, put out the rubbish”. Schon schnappte er sich den Baum und zog los. Aber was macht man dann damit, wenn man es eilig hat und eigentlich auf dem Weg zum Bahnhof ist? Nun, man trägt den traurigen Rest des Christbaums erst einmal unterm Arm, bis sich eine Gelegenheit findet ihn irgendwo loszuwerden. So wird es gewesen sein. Um Punkt 18:28 Uhr stoppte die Overground kurz vor dem Bahnhof Highbury & Islington. Der Zug war voll, es war Feierabend und die Londoner waren auf ihrem Heimweg. Ein Stop fehlte gerade noch, sowas kann dauern. Meistens ist ein ‘Signalfehler’ Schuld, was immer das sein mag. Aber diesmal war die Ursache nicht in der Technik sondern auf dem Gleisbett zu suchen. Zum Glück war niemand hineingefallen, was in London nur allzu oft passiert. Und doch lag da etwas Großes, Dunkles, was durchaus ein Mensch hätte sein können. Im Licht einer Taschenlampe wurde klar, was es war. Dort lag doch tatsächlich ein Weihnachtsbaum! Wie um alles in der Welt war der dort hingekommen? Die Pendler nahmen es mit Humor. Erst lasen sie die Nachricht auf der Anzeigetafel mit Staunen und dann mit einem breiten Grinsen. Prima, das Jahr 2019 beginnt genauso verrückt wie erhofft.

*) Das ‘Gymnasium’ war die Sportstätte im alten Griechenland, wo die männliche Jugend nackt trainierte. Die Engländer haben das Wort übernommen, benutzten es in der Kurzform ‘Gym’ und trainieren meistens angezogen, jedenfalls anfangs der Stunde. Später kann sich so manches entwickeln, denn natürlich kann dort auch Bier getrunken werden.