… und damit dröge. Der Brexit liegt wie eine dunkle Gewitterwolke über dem Land. Bisher hörte man nur in der Ferne hin und wieder ein dumpfes Grummeln, aber jetzt zucken auch schon mal die Blitze über den Nachthimmel von London. Und in der Royal Albert Hall hat es sogar eingeschlagen. Da treffen sich in diesen Wochen all abendlich die Musikfreunde zum BBC-Proms Konzert. Mal hört man klassische Werke, mal swingenden Jazz oder auch bekannte Lieder aus Musicals. Die Stimmung ist immer heiter, immer fröhlich und das Haus stets ausverkauft. Die Preise sind moderat, man läuft sich ganz langsam zum großen Finale warm und genießt bis dahin die zahlreichen Veranstaltungen.

 

 

Auch während der Promenadenkonzerte, jetzt in den Sommerferien, bringt der eine oder andere Zuhörer gerne seine Flagge mit. Die ganze Atmosphäre ist gelockert, die Kleidung eher sommerlich als festlich und die Künstler sind immer für ein Gespräch am Rande der Darbietung offen. Aber diesmal scheint alles dem drohenden EU-Austritt untergeordnet zu sein. Das begann schon beim Eröffnungskonzert der diesjährigen Saison. Der Pianist Igor Levit ließ es sich nicht nehmen ausgerechnet Beethovens ‘Ode an die Freude’ anzustimmen. Am Revers trug er einen EU-Button und jedem war klar, dass er das Werk als ‘Europa-Hymne’ verstanden wissen wollte. Dann folgte Daniel Barenboim mit einer spontanen Ansprache an die Zuhörer. Darin warnte er die Briten vor nationalen Alleingängen und sprach von “isolationist tendencies”. Das kam weder bei den Besuchern noch beim Veranstalter gut an. Viele teilten zwar seine Ansicht, aber man wollte die Promenaden-Konzerte nicht zur Platform für politische Meinungsäußerungen machen. 

Zwischendurch probte Theresa May’s Urlaubsvertreter den Aufstand in Downing Street 10. Während seine Chefin mit ihrem Ehemann Philip einen zweiwöchigen Urlaub in der Schweiz genoß, nutzte ihr Stellvertreter und Schatzkanzler, Philip Hammond, die Gelegenheit und interpretierte ihre Politik gegenüber der Presse neu. Ziemlich unfair, no cricket. Und bei uns Zuhause ist das Thema auch eher kein Starter für einen harmonischen Abend. Obwohl wir uns in der Sache einig sind, Great Britain gehört zu Europa. George: “People have called me a Brexit bore but if someone could convince me there was a good plan for Brexit I might change my mind. But they haven’t so I’m going to keep on.”

 

Theresa May mit Ehemann Philip im Urlaub. Schweiz und Norditalien stehen auf der Reiseliste. Hoffentlich laufen sie nicht dem schlecht gelaunte Ehepaar Merkel/Sauer über den Weg. Dann ist die gute Laune futsch.

 

Gestern dann ein trauriger Höhepunkt in der Royal Albert Hall. Einige Konzertbesucher hatten Europaflaggen dabei, die sie über die Brüstung hängten. Nichts ungewöhnliches, wenn auch eher am letzten Abend erwünscht. Meist wird es toleriert, aber diesmal wurde die Fahne als rotes Tuch betrachtet. Die Saalaufsicht schritt ein, die Flaggen, alle blau mit EU-Sternen, mußten entfernt und wieder in die Taschen verstaut werden. Selbst eingerollte Fähnchen wurden nicht geduldet. Ein untypisches Vorgehen, aber irgendwie auch verständlich. Die Besucher erwarteten einen fröhlichen, unbeschwerten Abend. Sie wollten Freude tanken, Musik genießen, Spaß haben. Da sind irgendwelche politischen Statements störend, weil unpassend. Egal, ob nun verbal vom Dirigenten vorgetragen, oder indirekt durch eindeutige Symbole zur Schau gestellt. Ich kann das gut verstehen und begrüße deshalb die konsequente Vorgehensweise der Veranstalter. Die übrigens betonen, dass das Mitbringen von Flaggen grundsätzlich erlaubt ist, allerdings auf die letzte Nacht beschränkt sein sollte. Was mir allerdings Sorgen macht, ist die Tatsache, dass das Thema ‘Brexit/Europa’ inzwischen schnell zum Streit führt. Langsam wird die Haut dünn, die Nerven liegen blank und weit und breit scheint niemand von den politisch Verantwortlichen eine Ahnung zu haben, wohin man steuern will. Das könnte ein turbulenter Herbst werden, nicht nur am Samstag, den 9. September, wenn es wieder heißt ‘Last Night of the Proms’.

 

 

 

Nachtrag: Eine lebhafte Diskussion setzte schnell nach Veröffentlichung des Beitrages ein. Darunter eine bemerkenswerte Zuschrift: “I think the union flag is far better known as a marketing symbol now days. Where ever you go in the world you’ll see it on everything from t-shirts to pillows.” Da mußte ich breit schmunzeln. Wenn irgendein Land seine Flagge zum Verkaufssymbol gemacht hat, denn würde ich auf UK tippen. Ich jedenfalls schlafe inzwischen wohlig eingerollt in einer Bettdecke mit dem Union Jack Bezug. In meiner Küche hängen rot-weiß-blaue Küchentücher, den Duschvorhang ziert eine UK-Fahne und im Wohnzimmer ist die britische Nationalflagge zwar kleiner und dezenter, dafür aber gleich mehrfach zu sehen. Und wo George den Union Jack überall zur Schau stellt, möchte ich hier lieber gar nicht erwähnen.

 

 

Abschließend noch etwas für Neunmalkluge, sogenannte smart alecks. Mit der nachfolgenden Weisheit, die ich hier exklusiv verrate, können Sie sich in England gleich als Deutscher zu erkennen geben. Man wird Ihnen ungläubig zuhören und Sie können sich in ihrer Weisheit sonnen. (But so boring.) Die Bezeichnung ‘Union Jack’ ist meisten falsch! Die Nationalflagge der Briten heißt ‘Union Flag’!! Es sein denn, man zeigt sie an Bord eins Schiffes auf hoher See. Dann hängt die Flagge normalerweise am Heck, an einem schräg angebrachten Holzstab. Und dieser Stab wird in der Marine als ‘Jack’ bezeichnet. – Wenn Sie das in der Pub Runde zum Besten gegeben haben, schauen Sie in ein Dutzend fragender Augen. Keiner weiß, ob er jetzt lachen soll oder ob da noch eine Pointe folgt. Ich hatte mir natürlich für die Blokes eine parat gelegt und schloß meinen Vortrag mit: “Quod erat demonstrandum”. Der Einzige der noch reagieren konnte war George; er ist inzwischen an meine angeborene Erklärungslust gewöhnt. Er hob sein Pint of Beer und antwortete: “Gaudium totalis calamitosa”. Ich strahlte ihn an, wenigstens einer der mich versteht.