Jetzt wird es doch noch Winter. Sibirische Kälte wurde uns angekündigt und heute morgen konnte ich mich davon überzeugen. Dabei sind es nur vier Grad minus, bei Windstille. Aber so schlimm wird es nicht werden. Ich glaube es ist ein letztes Aufbäumen, über Nacht wird Väterchen Frost die Puste ausgehen und dann ist es geschafft, dann kommt der Frühling. Die kalte Luft wird weiter nach Westen ziehen, man hat die Londoner schon einmal vorgewarnt. Am Dienstag morgen wird Schnee den Verkehr zum Erliegen bringen, obwohl kaum mehr als wenige Zentimeter erwartet werden. Aber der Engländer hat es nun mal nicht so mit dem Winterwetter und fährt gerne ganzjährig auf Sommerreifen durch die Gegend. Das kommt man dann bei Eis und Schnee schnell ins Schliddern, aber meistens bleibt es beim Blechschaden. Während wir von weisser Pracht sprechen, sehen die Londoner dem kurzen Wintereinbruch höchst ängstlich entgegen. Die passende Schlagzeile ist schon gefunden: The beast from the east! Mal wieder ein wunderbares Wortspiel, immerhin haben sie zu solchen Witzen noch Lust.

 

Heute morgen am Wohldorfer Mühlenteich. Nun friert es doch noch zu. Hoffentlich nur eine kurze Episode.

 

Gehen wir doch wenigsten gedanklich schon mal dem Frühling entgegen. Kurz vor Ostern, am 29. März wird sich die Ankündigung vom britischen Austritt aus der EU jähren. Dann bleiben den Engländern nur noch 12 Monate Zeit, um den Übergang zu regeln. Und tatsächlich ist das passiert, was man eigentlich erwarten konnte; sie haben keinen Plan. Bis heute nicht. Langsam läuft die Zeit davon und deshalb wurde jetzt ‘Kriegsrat’ gehalten. Die komplette Regierung traf sich auf dem Landsitz der Premierministerin. Die Tageszeitung Daily Telegraph veröffentlichte dazu ein schönes Photo.

 

Die Brexit Hausarbeiten wurden in großer Runde am Kamin gemacht. Ein Arbeitswochenende auf dem Landsitz des Premiers wird von den meisten als Strafarbeit gewertet. Aber das war es wohl auch, schließlich wird es höchste Zeit mal zu Potte zu kommen. Theresa May (1) und David Davis (2) leiten die Tagung.

 

Beim ersten Blick hatte ich sie, Theresa May, gar nicht erkannt. Stattdessen kam mir Miss Marpel in den Sinn, die am Ende immer alle Verdächtigen um sich schart und dann haarklein und messerscharf erklärt, wer der Mörder ist. Vielleicht war es in Chequers ähnlich, so heißt das Landhaus, das der Premierministerin gehört. Also nicht ihr persönlich, sondern der Amtsperson. Seit Jahrzehnten ziehen sich die Premiers hierhin zurück, um Wichtiges auszubrüten. Der Landsitz liegt im Nord-Westen von London und ist für Theresa May schnell erreichbar. Denn sie lebt mit ihrem Mann in Maidenhead, wenn sie nicht in Downing Street übernachtet, und braucht schätzungsweise 45 Minuten bis zum Chequers Court, wie das Anwesen offiziell heißt. 

 

Die Regierung ist am runden Tisch versammelt. Auch das Foto wurde in Chequers aufgenommen. Übrigens der pausbackige Mann vorne rechts, ist kein eingeladener Komiker. Er heißte Michael Gove, ist Umweltminister und sieht immer so aus, als hätte er gerade einen Drops verschluckt.

 

Leider wurden keine Details veröffentlicht, aber immerhin hat man stramme neun Stunden debattiert. Eine bemerkenswerte Leistung, jedenfalls für Engländer. Wer jemals das Vergnügen hatte sich mit den Briten geschäftlich zu treffen, kennt ihre ausgeprägte Abneigung gegen solche Gespräche. Da schleicht man lieber in endlosen Runden um den heißen Brei, redet über das Wetter oder die völlig überfüllten Bahnen und vermeidet das ‘auf den Punkt’ kommen, wie der Teufel das Weihwasser. Wenn dann jemand den Vorschlag macht: “Let’s talk about the contract”, dann friert die ganze Szene schlagartig ein. Da herrscht dann Stille und Starre. Und weil ich das ganz gut kenne, kann ich mir lebhaft vorstellen, womit die hochkarätige Runde ihre Zeit verbracht hat. Ich denke es hat lange gedauert, bis irgendjemand das Wort ‘Brexit’ in den Mund nahm. Aber ich kritisiere nicht, ganz im Gegenteil, denn mir ist dieses Verhalten ziemlich sympatisch. Wenn die Lage schon hoffnungslos ist, dann sollte doch wenigsten die Stimmung gut sein. Darauf einen drink, cheers.

 

Der Landsitz Chequers Court war lange im Privatbesitz und wurde dann der britischen Regierung geschenkt. Die nahm dankend an. Von außen sieht das Haus wenig einladend aus und tatsächlich wurde es auch zeitweise als Gefängnis genutzt. Es liegt in der Nähe von Wendover, sehr diskret versteckt. Wenn das Schild ‘World’s End’ in Sicht kommt, geht es links ab. Ich wittere mal wieder britischen Humor.