Ich besuche Engländer gerne privat Zuhause. Leider erhält man nur selten Einladungen in die eigenen vier Wände. Aber bei Fraser und seiner Frau Mary ist das anders. Sie leben in einer geräumigen Altbauwohnung, ziemlich zentral in London, ganz in der Nähe der Baker Street. Ja, dort hat Sherlock Holmes gewohnt; natürlich nur fiktiv. In der berühmten No. 221b ist heute ein Museum untergebracht und dort bin ich auch mit George verabredet.

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Fraser und Mary sind gute Freunde von ihm; sie haben sich schon als Studenten kennengelernt. So sind wir herzlich willkommen und ich fühle mich sofort wohl. Sie haben auch ihre Kinder und Enkel eingeladen. Wir dürfen also an einem richtigen Familienkaffeetrinken teilnehmen und das ist in England oft ein sehr amüsanter Nachmittag.

Grund sind die sprachlichen Fähigkeiten des Engländers. Es gehört zum guten Ton witzige Antworten zu geben, allerdings nicht inhaltlich sondern formal. Ich habe lange gebraucht es einigermaßen zu durchschauen.

In Deutschland ist es üblich den Witz durch den Inhalt zu transportieren. Also man erzählt einen Witz oder man gibt eine lustige Geschichte zum Besten. 

In England steckt der Witz direkt in der Wortwahl. Das Gesagte ist meistens ganz neutral, aber durch die Wahl der Worte, wird es witzig. 

Ich will es mal an einem Beispiel verständlich machen. Der Deutsche scherzt ungefähr so: “Kennt ihr den schon? Ein Arzt, eine Lehrerin und ein Dobermann treffen sich …” Der Engländer witzelt nahtlos in der Unterhaltung. Als ich Fraser frage, welcher Platz am Tisch seiner sei, antwortet er: “This is the chair my ass collapsed in” und plaudert munter weiter, als wäre nichts gewesen. Natürlich ist diese Wortwahl nicht seine alltägliche, das ist ja gerade der Clou.

Die anderen grinsen, ich brauche länger um zu verstehen, und bekomme deshalb auch erst zwischen dem ersten und zweiten Stück Apfelkuchen einen solchen Lachanfall, dass ich das Zimmer verlassen muß. Keiner begreift warum mich die spontan gewählte Formulierung so amüsiert, ich kann mich gar nicht mehr einkriegen. Der collapsing ass beschäftigt mein Gehirn noch den ganzen Tag; es will diesen neuen Begriff unbedingt einsortieren. Der Verstand gibt erst Ruhe, wenn er endlich ein Etikett drauf kleben kann.

So langsam verstehe ich den englischen Humor ohne “Übersetzung” und damit meine ich nicht die fremde Sprache sondern Gehirn/Bauch. Ich begreife den Witz direkt, ohne nachzudenken, gleich in der Seele. Bestätigt fühle ich mich auch durch Cartoonist Matt, der einen Tag nach meinem Blogbeitrag denselben Inhalt zum Thema genommen hat. Auch ihm war dieselbe, eigentlich ganz unwichtige, und sehr kurze Meldung über den Schwan aufgefallen, die ich im vorherigen Beitrag zum Thema gemacht hatte. Sowas freut mich dann natürlich ganz besonders.

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Quelle: Daily Telegraph

Meine Einschätzung, das wettermäßige Katastrophenwarnungen eigentlich nur deshalb regelmäßig verbreitet werden, um den Leuten Stoff für den small-talk zu liefern, bestätigt sich ebenfalls an diesem Nachmittag. Irgendwie kreist unser Gespräch über Wintereinbruch und Eiseskälte, ähnlich wie der Schwan ‘Broken Record‘ bei seinem Anflug über England.

Mary erzählt von zwei fast erfrorenen Igeln, die sie mal einige Wochen lang aufgepäppelt hatten und die die Namen Tomato und Ketchup erhielten. Auf sowas muß man auch erst einmal kommen. Und George gibt Bauernregeln zum Besten: Squirrels gathering nuts in a flurry will cause snow to gather in a hurry. Ich erweise mich als Spielverderber und bemerke, dass Eichhörnchen es immer eilig mit dem Nüsseverstecken haben. Sonst kommt ein anderer und klaut sie weg. 

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Das Foto wurde zum diesjährigen Foto Award eingereicht; einen Preis hätte es verdient. Leider ist mir der Name des Fotografen entfallen. Sorry.

Abends, wieder Zuhause, stehe ich suchend vor dem Kleiderschrank. Am Wochenende sind wie wieder eingeladen, dann aber mit allem Drum und Dran. Elegante Abendveranstaltung; erst Diner dann Dancing. Da stellt sich die Frage: Was soll ich anziehen? Für George ist es einfach und er sieht die Lösung für mich genauso simpel: “You should be dressed to kill”. Der nächste Wortwitz, von dem ich heute wohl einige Dutzend genießen durfte. Natürlich weiß ich was er meint, gebe aber zu Bedenken dass ein tiefes Dekolleté bis zum Nabel bei mir nicht die Wirkung haben dürfte, die gewünscht wird. Also antworte ich: “with 60 I’ m past the FIRST flush of youth” und mit dieser bodenlosen Untertreibung bekomme ich ihn zum Lächeln. Lesson learnt – britischer Humor ist gar nicht so schwer.