Es ist wie verhext. An diesem Wochenende gibt es nur noch Tickets für Flüge von London nach Hamburg. Für mich die falsche Richtung. Enttäuscht gebe ich auf; es scheint zwecklos zu sein. Schließlich hat George die rettende Idee; für ihn stimmt die Route. Also wird er erstmals (!) bei mir zu Besuch sein.

Er braucht Abwechslung. In London wurde ein Massengrab mit rund 3.000 Skeletten gefunden. Die müssen jetzt zusammengepuzzelt werden. Da freut man sich über jede Hilfe und arbeitet interdisziplinär.

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Archäologen arbeiten an der Liverpool Street Station an einem Massengrab.

Bei Bauarbeiten am Bahnhof Liverpool Street, mitten in der Londoner City, stieß man auf die Knochenfunde. Es sind Opfer der großen Pestepidemie, die 1665 in London wütete. Man vermutet noch bis zu 100.000 Leichen im Boden der Stadt zu finden. Da wird dann ja noch einiges zu tun sein.

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Opfer der Pest. Hier handelt es sich um erwachsene Menschen. Alles weitere wird im Labor geklärt, z.B. Geschlecht, Alter, Gesundheitszustand …

Rund sechzig Archäologen arbeiten rund um die Uhr vor Ort, an sechs Tagen in der Woche. Die Baustelle blockiert den Verkehr und muß deshalb so schnell wie möglich beendet werden. 

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Hauptsache es bleibt kein Teil übrig.

Wenn am Fundort alles fotografiert ist, werden die Überreste in Laboren untersucht. Man fügt die Knochen zu Skeletten zusammen, nicht immer einfach, weil manche Knochenfunde unsortiert sind. Liegt schließlich alles am richtigen Platz, sollte kein Teil übrig sein. Es ist erstaunlich was alles nach 400 Jahren noch gefunden werden kann. Eine spannende Arbeit. Dazu hätte ich auch Lust.

* * *

Komischerweise beschäftigt auch mich ein “Knochenproblem” in dieser Woche. Aber zunächst weiß ich von diesem Zusammenhang noch gar nichts. Als George sein Kommen ankündigt, scheint mir der Augenblick gekommen zu sein, ein “Outing” nachzuholen. So ganz nebenbei erwähne ich also meinen “Asperger”; eine leichte Autismusvariante und warte gespannt auf seine Reaktion.

Und die fällt nun ganz anders als erwartet aus. Es sagt nur: “I know. I had noticed it before.”  “Ach, ja? Und woran hast du es bemerkt?” “Your fingers. The D2/D4 ratio is definitely.” Jetzt bin ich platt. Was haben denn meine Finger mit einem Asperger-Syndrom zu tun? Ich bin nicht körperlich krank, sondern weiche in einigen Verhaltensmustern von der Masse ab. Z.B. habe ich ein fotografisches Gedächtnis, was nicht immer vorteilhaft ist. Aber wie kann man das an meinen Fingern erkennen?

Ich bin ich ganz Ohr. Was ist mit D2/D4 Ratio gemeint? George erklärt es mir. Es handelt sich um das Längenverhältnis zwischen dem Zeigefinger (D2) und dem Ringfinger (D4). Im englischen (med.) “digit” genannt.

Bei Männern ist das Verhältnis <1 und bei Frauen >1. Also bei Männern ist der Ringfinger länger als der Zeigefinger und bei Frauen ist der Ringfinger kürzer oder maximal gleichlang. Das Längenverhältnis wird bereits im Mutterleib ausgebildet und ändert sich nie mehr. 

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Mein Ringfinger ist deutlich zu lang.

Meine Finger sind also “falsch”. Als Frau sollte mein Ringfinger den Zeigefinger in der Länge nicht überragen.

Man darf annehmen, dass ich während der fetalen Entwicklung viel männliches Hormon erhalten habe. Tatsächlich war meine Mutter, als sie mit mir schwanger war, starken Stress ausgesetzt. Das treibt den Testoteronspiegel nach oben. 

Der Überschuss an “männlicher” Chemie in den ersten Monaten hat Folgen. Die Mädchen, die dem ausgesetzt sind,  fallen in späteren Jahren gegenüber Geschlechtsgenossinnen durch eine hohe Durchsetzungsfähigkeit und viel Selbstbewußtsein auf. Fast immer haben sie ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Asperger-Syndrom. Seit Frauen sich emanzipiert haben ist das “männliche” Verhalten sicherlich viel anerkannter als in früheren Jahrzehnten.

Von diesen Zusammenhängen hatte ich noch nie gehört, aber es leuchtete mir sofort ein und ich war sehr verblüfft. Wer von Asperger oder Autismus betroffen ist, hat es wirklich schwer (in Deutschland) bis eine Diagnose gestellt wird. Ich war schon fast 50 Jahre alt, bis ich endlich davon erfuhr. Eine Befreiung, weil ich immer wußte, dass ich anders bin, es aber nicht erklären konnte. In England geht man viel lockerer mit alternativen Diagnosen und Heilmethoden um, als es in Deutschland üblich ist. Man traut sich neue Wege zu gehen und stellt das Wohlbefinden des Patienten in den Mittelpunkt. 

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So ist es “richtig”. Der weibliche Ringfinger ist kürzer als der Zeigefinger.

Lange habe ich noch über die mir neuen Zusammenhänge nachgedacht. Vor allem fragte ich mich wie es denn bei Zwillingen ist. Wenn es ein Junge und ein Mädchen ist, muß doch eigentlich einer zu kurz kommen?

Auf jeden Fall bin ich froh, dass wir das beredet haben und nun kann George nach Hamburg kommen. Was er wohl noch so alles entdeckt hat? Ich bin gespannt.

Und weil wir in Deutschland sind und es oft zu genau nehmen, schnell noch einen Hinweis: Das ist hier kein medizinischer Blog. Schauen Sie sich ruhig mal auf die Finger und vergleichen sie. Aber bitte keine voreiligen Rückschlüsse ziehen!