Ich bin oft in London aber leider immer nur wenige Tage. Die Hotels sind teuer und ich bin zu alt um mich noch im Budget Hotel wohlzufühlen. Also muß ich Kompromisse machen und schon nach fünf oder sechs Übernachtungen wieder den Koffer packen. Gerne würde ich länger bleiben, am liebsten mal einen ganzen Sommer. Am letzten Tag sitzt mir der Abschiedskummer regelmäßig im Bauch und ich laufe dann ziemlich bedröppelt durch die Straßen. Meist fliege ich schon mittags heim, weil ich mir nicht mehr Abschiedsschmerz gönnen will. An diesem letzen Tag tröstet mich rein gar nix. Der letzte Vormittag läuft immer gleich ab: Zuerst zieht es mich zum Trafalgar Square, dort bleibe ich einige Zeit, setzte mich auf die kalte aber durchaus bequeme Granitbank, die rundherum zum Pausieren einlädt. Von dort schaue ich dem Verkehr zu, sehe den unzähligen roten Bussen hinterher, und schließlich schweift mein Blick die Whitehall hinunter. Dort, ganz hinten, sehe ich Big Ben, der nun schon so lange schweigt. Dann starte ich zu einer letzten Abschiedsrunde. Noch einmal laufe ich die Mall hinunter, diese breiten Prachtstraße, die direkt auf den Buckingham Palace zuläuft. Links der Green Park und rechts St James’s. Ich will möglichst wenigen Leuten begegnen und biege deshalb rechtzeitig ab, denn wie immer stehen bereits unzählige Touristen vor dem Palastgitter. Ein paar Stufen muß ich hochsteigen, um in das elegante St James’s einzubiegen.

 

Das Denkmal zeigt Elizabeth und dahinter ihren Ehemann King Georg VI. Erst dachte ich man hätte der Queen Mother eine Taube auf den Hut modelliert, das wäre ein guter Witz gewesen, aber es täuscht. Es sind nur drei ziemlich große Federn.

 

Viele der Häuser an dieser Seite, zwischen Green Park und Pall Mall, haben eine makellos weisse Fassade, -ich vermute Portland Stone-, sie sind sehr groß und sicherlich unbezahlbar. Vermutlich wohnt hier ausser Prince Charles und seiner Frau niemand mehr privat (das Clarence House, wo die beiden leben, wenn sie in London sind, liegt nur ein paar Meter entfernt). Einige Clubs sind noch immer hier angesiedelt und früher war in einem der Stadtvillen die deutsche Botschaft untergebracht, aber das war vor dem Krieg und fand natürlich 1939 ein abruptes Ende. Trotzdem wird die Geschichte bzw. der Mieter öfters mal in Anekdoten erwähnt. Grund ist der Schäferhund des damaligen Botschafters. Als das Tier starb, wurde es hier in London im Garten begraben. Kurz später musste der Botschafter London verlassen. Aber die Grabstätte seines Hundes ist noch zu sehen und zeigt mal wieder die Tierliebe der Engländer. Man hat zwar die Nazis verabscheut aber das hinderte sie nicht daran, dem Tier die Begräbnisstätte zu lassen und sogar zu pflegen. Bis heute. 

 

 

Lange waren diese prachtvollen Häuser, genannt Carlton Terraces, tatsächlich von Privatleuten bewohnt. Dann aber konnten keine Mieter mehr gefunden werden, vermutlich war der Preis einfach zu hoch, und fast hätte man die Anlage abgerissen. Aber man entschied sich glücklicherweise anders und siedelte nach und nach Behörden, Firmen, Botschaften und Gentlemen Clubs hier an. Dann aber passierte es doch. Der Krieg war ausgebrochen und die Deutsche Luftwaffe bombardierte London ab September 1940 täglich, meistens in der Nacht. Das Bombardement, von den Londonern ‘The Blitz’ genannt, hielt Monate an und zerstörte weite Teile von Westminster, der City of London, Lambeth und die Isle of Dogs. Selbst der Buckingham Palace wurde getroffen und leider auch die Carlton Terraces. Aber die Londoner bauten alles wieder auf und man kann ihnen nicht genug dafür danken. Hätten sie es nicht getan oder sich für eine radikale Neugestaltung entschieden, dann würde die Londoner Innenstadt heute ganz anders aussehen. 

 

Das ist eines der Stadthäuser an den Carlton Gardens. Früher stand hier ein königlicher Palast, von dem aber nichts mehr übrig ist. Jedenfalls nicht hier. Nur einige seiner Säulen haben der Zeit überdauert und stehen nun vor dem Eingang zur National Gallery am Trafalgar Square.

 

Diese düsteren Gedanken gingen mir an meinem Abschiedstag zwar nicht durch den Kopf, aber meine Stimmung war doch eher gedämpft. Ich machte noch ein paar Fotos, las die großen Namen der Männer, die hier einmal wohnten und an die heute eine Plakette erinnert, und versuchte ansonsten so wenige wie möglich aufzufallen. Mir war schon klar, dass ich hier auf ‘hoheitlichen Gebiet’ unterwegs war, wo hinter den Scheiben hohe Staatsbeamte, vielleicht sogar Minister, ihrer Arbeit nachgingen. Aber niemand hielt mich auf, niemand verbot mir das Fotografieren. Da sind die Londoner sehr tolerant, wenn man sich diskret verhält. – Vor dem Haus Nr 1 in der Strasse Carlton Gardens blieb ich kurz stehen. Einfach noch einmal die Atmosphäre einatmen, britische Lebensart begreifen. Am nächsten Tag, als ich schon wieder in Hamburg war, staunte ich nicht schlecht. In der Zeitung war ein Bild von Boris Johnson, britischer Aussenminister und ehemaliger Bürgermeister von London, der genau an dieser Stelle wartend steht. Er war mit dem amerikanischen Amtskollegen Rex Tillerson verabredet. Keine 24 Stunden vorher, hatte ich meine Fotos hier gemacht. Ist wohl ganz gut, dass ich einen Tag früher dort war, denn man will ja nicht stören.

 

Aussenminister Treffen: Boris Johnson wartet auf Rex Tillerson vor No 1, Carlton Gardens.