Die Engländer sind unglaublich! Ich bin mal wieder voller Bewunderung, wenn ich mitbekomme, wie sie mit der aktuellen Flutkatastrophe umgehen. Es ist noch schlimmer geworden. Letzte Nacht zog ein Sturm, vom Süd-Westen kommend, über die Insel. Orkan und Sturzregen traf erneut Englands Norden hart.

Kurz vor Weihachten Haus und Habe zu verlieren ist ein Alptraum. Man muß aber auch sagen, dass in England hemmungslos auf Landstrichen gebaut wird, die bekannterweise flutgefährdet sind. Das ist der Grund, warum soviele nicht versichert waren. Keine Assekuranz der Welt ist bereit, das Risiko zu deckeln. 

 

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Der Bach wurde zur reissenden Flut.
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Das Land ist weitflächig überschwemmt

 

Die Angst ist groß vor weiteren Wetterattacken. Und doch erzählen die Menschen sich gerade jetzt Geschichten, die ein bißchen Mut machen. Zum Beispiel das Weihnachtswunder, dass gleich einer ganzen Kuhherde widerfahren ist. Es waren 45 schwarz-weisse Kühe, die vom Bauern nicht mehr gerettet werden konnten. Binnen Minuten wurden sie von einer Flutwelle mitgerissen. Allen war klar, dass die Tiere in den Fluten ertrinken werden. Dann, am nächsten Tag, eine überraschende Nachricht. Ein ganzes Stück flußabwärts fand ein anderer Bauer eine der Kühe auf seiner Wiese stehend wieder. Das Tier war unverletzt. Anhand der Ohrmarke konnte der Besitzer schnell ermittelt werden. Noch am selben Tag standen dann zwei weitere nasse aber unverletzte Kühe auf der fremden Weide. Und tatsächlich passierte das Unfassbare. Bis auf vier Tiere sind alle inzwischen wieder aufgetaucht, das darf man durchaus wörtlich nehmen. Keine einzige ist ernsthaft verletzt, keine hat sich ein Bein gebrochen!

Und eine Kuh hat eine ganz besonders lange Reise gemacht. Sie ist 20 Meilen im Fluß geschwommen, das sind über 30 km (!) und ging dann unverletzt an Land. Man fand sie grasend auf dem Eden Golfplatz in Carlisle stehen. Eigentlich darf da keine Fliege landen, weil aber die unfreiwillige Schwimmerin auch noch hochschwanger ist, hat ihr niemand den Futterplatz streitig gemacht. Wer weiß, vielleicht werden auch die letzen vier Kühe unversehrt gefunden; dann hätte die ganze Herde den wilden Ritt durchs Wasser überlebt.

Richtig englisch wird es dann aber in Peter Clarksons Küche. Der 72-jährige Rentner lebt in Cumbria, also im Zentrum des überfluteten Gebietes. Es ist betroffen, wie fast jeder hier. Das Haus steht gut einen Meter unter Wasser, die Möbel und elektrischen Geräte sind Schrott. Wer weiß, ob und wann man wieder in den durchnäßten Wänden leben kann. Peter ist das absolut klar, aber statt sich der Verzweiflung hinzugeben, versucht er das zu machen, was dem Engländer Pflicht ist: Munter deine Mitmenschen auf. Im Notfall muß man sich auf das beschränken was möglich ist. Aber irgendetwas geht immer, um ein bißchen Freude zu verbreiten.

Peter hat kurzerhand die neue Situation in seinem Erdgeschoss genutzt. Trotz frischen Temperaturen zog er beherzt das Hemd aus und ging einfach mal eine Runde in der Küche schwimmen. Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen, dann wird klar welche herzerwärmende Absicht ihn aktiv werden ließ:

 

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In a bid to cheer up his neighbours in flood-hit Kendal, the former picture framer, 72, demonstrated good old bulldog spirit by swimming a ‘length’. He said: “Many have been left depressed, shattered and in tears by what has happened to their homes and lives over the past five days. My own kitchen is flooded out so I thought it would show some bulldog, Dunkirk spirit if I got my swimming trunks on and stuck two fingers up at Storm Desmond. It raised some laughter and smiles which was the reason as we all desperately need something to grin about. I just felt if we were not careful we would all be too miserable and upset.”

Glauben Sie mir, der Mann meint das ernst. Und das ist genau der Grund, warum ich die Engländer liebe und nicht genug von ihnen bekommen kann.

PS: Es gibt auch Ausnahmen. Da fällt das Weghören nicht schwer. Zum Beispiel wenn George seine neueste Theorie über die Folgen des Klimawechsels zum Besten gibt: “Because of the fat people Britain is slowly sinking into the sea.”

 

Englische Weihnachtsfeiern verlangen Kondition. Nichts für Anfänger.