Nach zweieinhalb Jahren deutsch-britischer Freundschaft wird es Zeit Bilanz zu ziehen. Hat die Zweisamkeit gehalten? Das kann ich mit einem glatten Yes! beantworten, trotz der Entfernung oder vielleicht gerade deswegen. Wir sehen uns umständehalber eben nicht täglich und finden es noch immer aufregend, wenn man den Tag gemeinsam verbringt. Die Nacht sowieso. Und trotzdem hat sich auch bei uns der Alltag eingeschlichen. Statt Theaterbesuch im Londoner West End, läuft der Fernseher am Samstagabend. Statt uns schick anzuziehen, wählen wir das legere outfit. Und statt im Theatersessel Platz zu nehmen, rollen wir uns lieber wie Nachbarhund Barney gemütlich aufs heimische Sofa. Der Cocktail, der den Abend in der Nachtbar abrundete, wurde gegen Wein und Chips [engl. crisps! Nicht einfach auszusprechen, wenn man den Mund damit gerade voll hat.] getauscht. Aber eigentlich ist das alles in Ordnung, jedenfalls eine Zeit lang, aber die Spanne sollte ein fest definiertes Ende haben. Wir haben uns diesbezüglich auf Anfang Oktober geeinigt, denn dann beginnt die Party- und Einladesaison in London. Dann ist man wieder jedes Wochenende bis kurz vor Weihnachten auf Achse. Zur Zeit aber sind noch Ferien und da wird abends auch mal Telly geguckt. Am Samstag kann das nur BBC1 sein, denn dort wird zur besten Sendezeit ‘Strictly Come Dancing’ gezeigt. Eine must-have-seen show, die jetzt schon seit über zehn Jahren der Publikumsmagnet ist. Jedenfalls bis Lenny dann aufhörte; das war vor einem Jahr.

 

Links der Vorjahressieger Ed Balls (ein prominenter Politiker) und rechts der Profitänzer Len Goodman mit Partnerin.

 

Bei ‘Strictly’, wie es kurz genannt wird, geht es um das Tanzen. Im Stile eines Wettbewerbes, wo natürlich der Zuschauer abstimmen darf, präsentieren sich anfangs zehn Paare.  Nach acht Wochen haben die Zuschauer peu-à-peu die Tänzer abgewählt und es kann zum Finale kommen. Ein Konzept, dass ich eher langweilig finde, denn eigentlich mag ich solche Shows nicht, aber schnell kam ich dahinter, warum das britische ‘Strictly’ wohl eine der beliebtesten Sendungen im ganzen Land ist. ‘Strictly Come Dancing’ ist wunderbar altmodisch, man tanzt verdammt professionell und der Unterhaltungswert ist sensationell hoch. Wem da der Fuß nicht mitwippt, der ist wahrscheinlich schon tot. “Swinging music, super performance, first class entertainment”, so bechreibt es George und deshalb ist er freiwillig mit an Bord, wenn ich den Kasten anmache. Das Konzept ist simpel. Man paart jeweils ein/e Profitänzer mit einem/er Prominenten. Die müssen sich dann in zehn Sendungen vom Langsamen Walzer, über Tango, zum Samba vorarbeiten. Und das wird so erstklassig dargeboten, dass ich mich immer frage, wieviele Stunden die Promis dafür geübt haben. Oder sind das alles begnadete Hobbytänzer?

 

Der Smoking wird nicht immer gebraucht. Links zeigt Ed Balls eine Polka und rechts haben sich Len und seine Kollegen gleich ganz ausgezogen. Es ging da wohl um eine verlorene Wette. Sowas verbucht der Engländer unter ‘spontaner Witzeinlage’, das mag er. Aber nackt am Strand würde er sich niemals präsentieren. Len mit fieser Goldkette, -natürlich nur ein Gag-, aber mit guter Figur. Der Mann ist immerhin fast siebzig Jahre alt.

 

Schnell wurde ich ein bekennender ‘Strictly Come Dancing’ Fan. Die Show hält Werte hoch, die woanders längst eingemottet wurden: klassischer Paartanz, festliche Garderobe, Stil und Eleganz. Und einer verkörperte diese Eigenschaften wie keine zweiter, nämlich Len Goodman. Er war festes Mitglied der Jury, ist selbst ein ‘professional ballroom dancer’ und strahlt in seinem 69. Lebensjahr mehr Erotik aus, als die meistens Männer der nachfolgenden Generation. Lenny war ein Tanzgott und ich war gewiß nicht die einzige, die sich nur allzugerne von ihm hätte bitten lassen. Nun kann ich zum Glück seinen freiwilligen Rückzug aus der Show ziemlich gut verkraften, denn George ist für mich nicht minder attraktiv und der sitzt immerhin ganz real neben mir auf dem Sofa. Ich glaube er weiß meine Begeisterung für Lenny richtig einzuordnen und sieht durchaus seinen Vorteil, wenn ich mich bei ‘Strictly’ sozusagen innerlich schon mal warm laufe. Was er dem TV-Star aber übel nimmt, ist seine späte Hochzeit. Mit 68 Jahren hat der umschwärmte Grand Seigneure der BBC seine langjährige Freundin geheiratet. Sofort habe ich bei George nachgefragt, ob er sich so etwas auch vorstellen könnte und da speiste er mich doch glatt mit einem: ‘it’s a wait-and-see project’ ab. Meinte er damit, dass wir nun warten bis er achtundsechzig wird oder müssen wir erst einmal zehn Jahre durchhalten bis er sich zur folgenschweren Tat entschließen kann? Solange hatte sich nämlich Len Goodman Zeit genommen oder war es vielleicht die Freundin, die nicht wollte? Egal, den beiden wünsche ich einen niemals ganz untergehenden ‘honeymoon’ und ich glaube das haben die auch. 

 

Der Augenblick war gekommen, als Len Goodman sich bei den Zuschauern verabschiedete. Len wurde 1944 in London geboren und hat polnische Wurzeln. Einer seiner Urgroßväter war nach England eingewandert. Len ist ein mitreissender Tänzer und begeisterter Cricket Fan. Im letzten Jahr hat er noch einmal geheiratet. Das glückliche Paar hat sich lange Zeit gelassen. Richtig so.

 

Demnächst beginnt die neue ‘Strictly Come Dancing’ Staffel. Die Engländer können es gar nicht erwarten. Wer wohl diesmal mitmachen wird? Es waren schon tolle Promis dabei. Letztes Jahr legte sich Ed Balls ins Zeug und gewann. Der Mann war unglaublich gut. Eigentlich etwas rundlich, etwas unsportlich, aber dann in der Show unschlagbar. Ich glaube er hat wie ein Leistungssportler trainiert und war sich für keinen Gag zu schade. Ach so, was Sie nicht wissen können, ist der beruflich background des Promis Ed Balls. Der Mann ist Politiker der Labour Partei und war erst Staatssekretär und schließlich Erziehungsminister unter Gordon Brown. Auch nach langen Nachdenken, fällt mir da keine deutsche Parallele ein. Seriöser Sachverstand lässt sich wohl nur in England mit urigen Witz paaren. Wir sehen darin Gegensätze, die sich merkwürdigerweise ausschließen. Stimmt aber nicht, I got my information at first hand.

 

Ed Balls war der große Star im letzten Jahr. Der hatte richtig Spaß an der Show, zusammen mit seiner professionellen Tanzpartnerin. Ich war beeindruckt, denn Ed sah nicht nach einem trainierten Sportler aus. Aber seine Performance war umwerfend gut.

 

Doch es lässt sich toppen. Gestern wurde bekannt, dass erstmals ein Geistlicher mitmachen wird. Wohlgemerkt ein aktiver Reverend (Pfarrer) der Anglikanischen Kirche. Er hat sich extra einen Aushilfsvikar geholt, damit er für die samstäglichen Shows Zeit hat. Er hält sich selbst nur für einen durchschnittlichen Tänzer, meint aber mit viel Training auch den Paso Doble und den Jive stemmen zu können. Selbst der American Smooth lässt ihn nicht zittern. Nicht schlecht für einen wahren Gottesmann. Ich glaube das wird ganz schön lustig werden, denn seine spontane Performance beim Fototermin lässt auf vergnügte TV-Abende hoffen. Und vielleicht sollte ich den deutschen Lesern auch noch erklären, dass man sich stets themenbeozogen anzuziehen hat. Also beim Rock and Roll wird ein schrilles outfit erwartet. Der Reverend wurde danach gefragt und sagte: “I can imagine wearing a diamante dog collar at the ready”. Also meine Erwartungen hat das ziemlich hoch geschraubt und ich glaube ich werde für ihn stimmen. 

 

Rev Richard Coles könnte der neue Star von Strictly Come Dancing werden. Der Gottesmann nimmt die Sache mit Humor. Seine Vorgesetzten finden an der Teilnamen nichts anstössiges. Warum auch? Schließlich ist die Queen das Oberhaupt der Anglikanischen Kirche und die hat schon einige der Juroren mit einem Orden ausgezeichnet. Man weiß, dass auch sie zu den treuen Strictly Fans gehört, die am Samstagabend einschalten und mit dem Fuß im Takt wippen.

 

Somit wird dann wohl der Start in die Londoner Theatersaison im West End wieder ohne uns stattfinden. Es sein denn, wir mischen uns schon am Freitag unter die theatregoers. George ist nicht abgeneigt, denn er würde gerne mal wieder ein bißchen mehr mit mir unternehmen. Sich Eintrittskarten zu besorgen, ist in London höchst unkompliziert. Man kann sich eigentlich ganz kurzfristig entscheiden. Es gibt einen zentralen Ticketverkauf auf dem Leicester Square, der Karten für alle Häuser anbietet. Die Mitarbeiter sind nett, kompetent und informieren einen stets nach besten Wissen. Wir trudeln dort oft erst kurz vor 19:00 Uhr ein und bekommen dann fast noch immer für alle Shows die gewünschten Eintrittskarten. Die Vorstellungen beginnen meistens um 20:00 Uhr, manchmal auch schon eine halbe Stunde früher. Aber das macht nix, denn die Theater liegen im West End Tür an Tür und der Ticketverkauf findet genau im Zentrum statt. So muß man also nur wenige Schritte gehen, um das ausgesuchte Theater zu erreichen. Manche Vorstellungen sind allerdings wochenlang ausverkauft. Das gilt gerade auch für Musicals. Da lohnt es ich vorab im Internet nachzuschauen und gleich dort online zu bestellen. Auf jeden Fall lohnt sich der Besuch des West Ends, gelegen zwischen Covent Garden, Soho und Kensington. Sozusagen gleich hinter dem Trafalgar Square bzw. Piccadilly Circus. Mancher Besucher bucht sich hier ein günstiges, aber sehr schlichtes Hotelzimmer für eine Nacht (ca. 80 Euro) und amüsiert sich dann im stets quicklebendigen Herzen von London. Für jung gebliebene durchaus ein Option, denn für den Flug gibt man auch nicht viel mehr aus, wenn man rechtzeitig bucht und Kompromisse in Sachen Komfort eingeht. Aber weil man für ein Wochenende nur wenig Gepäck mitnimmt, reicht der Basistarif aus, und mal ehrlich, einen 90-minütigen Flug kann man leicht und locker ohne Essen und Trinken überleben. Also, warum nicht mal ein ganz verrücktes weekend planen? Ich glaube genau das werden wir jetzt auch machen. See you.

 

Eine Auswahl der wichtigsten Theater im Londoner West End. Mitten drin liegt der Leicester Square mit dem zentralen Ticketverkauf; ein Kiosk mitten auf dem Platz.