Das war haarscharf am Abgrund vorbei. Die Regierung (deutsche) hat gerade noch mal die Kurve gekriegt. Mal sehen wie lange der Frieden hält. Schade, dass wir keine Wettbüros neben den Supermärkten haben. Auf was könnte man nicht alles setzen: Rücktritt von Seehofer (jetzt wirklich), Vertrauensfrage der Kanzlerin (mit Niederlage), neue Forderungen der SPD (jetzt sind wir dran) … Ich weiß nicht ob Sie es bei der medialen Turbulenz überhaupt mitbekommen haben, aber gestern war die englische Premierministerin, Theresa May, zum Kurzbesuch im deutschen Kanzleramt. Selbst ihre in London gebliebenen Kabinettsmitglieder waren überrascht, denn man hatte aus guten Grund wenig Aufhebens um die Dienstreise gemacht. Für Theresa May geht es nämlich heute um alles, mal wieder wackelt ihre Autorität gewaltig und deshalb wird heute mit ganz harten Bandagen gekämpft. ‘The winner takes it all’, heißt das Tagesmotto. Natürlich geht es um den Brexit, allerdings ist man zeitlich nun wirklich auf dem allerletzten Drücker und deshalb müssen Entscheidungen her. Blöd ist nur, das die Premierministerin einen ganz neuen Plan vorlegen wird, einen den bis gestern abend noch kein Politiker kannte. Doch, eine wurde vorab eingeweiht, ausgerechnet die deutsche Bundeskanzlerin. Das wurde in England als Affront verstanden.

 

Er war es. Nein, er war es. David Cameron hat das Referendum ausgerufen und sich nach dem unerwarteten Ergebnis aus dem Staub gemacht. Boris Johnson wurde zum Außenminister gemacht. Belohnung? Oder wollte Frau May ihren vielleicht potentesten Gegner (gleiche Partei!) besänftigen?

 

Das heutige, entscheidende Treffen findet in Chequers statt, ein Herrensitz auf dem Lande, wohin man sich zurückzieht, wenn man ohne Presse Klartext reden will. Frau May hat ihre komplette Regierungsmanschaft dort antanzen lassen, die eigentlich nur eine Entscheidung zu treffen haben: Zustimmung oder Ablehnung. Es sickerte durch, dass ihr neuer, dritter Brexitplan, der bereits nächste Woche der EU vorgelegt werden muß, eine kuschelweich gespülte Version ist. Man ist jetzt bereit, allen EU Forderungen nachzukommen, also auf alles zu verzichten, was den Briten wichtig war. Es wird weder Grenzkontrollen geben, noch Einreisebeschränkungen, man unterwirft sich freiwillig den EU-Handelsrichtlinien und verzichtet ausdrücklich auf ein separates Abkommen mit den USA. Ich glaube das einzige das bleibt, ist das Recht ab sofort wieder einen blauen statt burgunderroten Pass einzuführen. Pikanterweise hat eine französische Firma die Ausschreibung gewonnen und hat die Druckmaschinen bereits warm laufen lassen.

Das ist schon ein sehr merkwürdiger Scheidungsvertrag, aber wegen der drängenden Zeit muß die Entscheidung heute fallen. In Deutschland würde das bedeuten, dass man bis tief in die Nacht verhandelt, dann auf den Samstagmorgen vertagt und das Spiel bis in den frühen Montagmorgen fortsetzt, um dann völlig übernachtet das hart errungende Ergebnis in die hingehaltenen Mikrophone zu brabbeln. Eine Kömodie die längst nur noch langweilt und auf die hoffentlich niemand mehr hereinfällt. Oder glauben Sie noch immer, dass es bei dieser geplanten Dramaturgie um Inhalte oder gar das Wohl des Volkes geht?

 

Ich kann verstehen, dass die Kanzlerin müde ist. Ich fand den Krisengipfel auch zum Einschlafen. Aber Achtung, wer müde ist macht Fehler.

 

Ganz anders der Engländer, der hat die Lektion ‘Zeitmanagement’, die heute jeder Büroangestellte zu lernen hat, schon mit der Muttermilch eingesogen. Wir haben immerhin Freitag, das Wochenende steht vor der Tür und morgen spielt England um den Einzug in das Viertelfinale. Da wird man den Nachmittagstee, der in England um vier Uhr eingeschenkt wird, abwarten, um sich dann auf den Heimweg zu machen. Ob Frau May dann noch Premierministerin ist, ist aktuell (13:35 Uhr) ungewiss. Man kann aber ziemlich sicher davon ausgehen, dass einige Minister zurücktreten werden. Auch da unterscheidet sich die englische Variante von der deutschen. Man droht nicht mit dem eigenen Rücktritt, man bietet auch nicht den Rücktritt vom Rücktritt an, nein, man macht es einfach, man tritt zurück. Fertig. Theresa May hat heute morgen, zu Beginn des Treffens gesagt, dass sie zwei flüchtige Minister verkraften kann, wenn sich mehr anschließen, dann muß sie ein Warnung ihrerseits aussprechen. Wenn auch nur ganz ungern, denn das ist eigentlich ziemlich unhöflich, aber wie gesagt, die Zeit drängt. Ihre Worte zu Begrüßung lauteten: “Dear Cabinet ministers, you will be replaced by a ‘talented new generation’ and quickly forgotten if you resign over Brexit.” Das nenne ich mal ein klare Ansage.

 

Das Landhaus Chequers ist ein uraltes, von Innen wohl sehr feines, Landhaus. Da bleibt man sich treu, Regierungsgebäude sind stets stilvoll antik. Sie wurden technisch kaum nachgerüstet, da muß man sich auf rustikale Ausstattung gefasst machen.

 

Und dass sie das ernst meinte, wurde durch eine Information unterstrichen, die jedem Teilnehmer auf den Tisch gelegt wurde. Der Inhalt ist zum Schreien komisch, eben typisch englisch:

Liebe deutschen Spitzenpolitiker, wenn ihr euer nächstes Krisentreffen veranstaltet und uns über Stunden via TV daran zwangsteilhaben lässt, dann baut doch bitte auch ein paar lustige Momente ein, damit die Stimmung nicht ganz abschmiert. Ideen könntet ihr euch bei euren englischen Kollegen holen und ich bin mir sicher, die deutsche Verfassung bietet genug Spielraum, um ein paar Jokes einzubauen. Vielen Dank, eure Wählerin Brigitte Peters.