Das Attentat auf der Westminster Bridge ist noch nicht verdaut. Es ist gerade drei Tage her und die Bilder sind noch zu frisch. Die Toten sind noch nicht beerdigt worden. Dankbar nahm man in England die Anteilnahme der europäischen Nachbarn wahr, die ihre baulichen Wahrzeichen in den Farben des Union Jack einhüllten. Noch sind die Motive des Attentäters nicht vollständig geklärt, es fällt aber auf, dass der Mann mit 52 Jahren relativ alt für einen ‘verführten Terroristen’ war. Möglicherweise spielen private Ereignisse eine wichtige Rolle; die Tochter des Mannes wurde bei einem brutalen Autounfall schwerst verletzt. Ich will nicht spekulieren, sondern lieber gleich den Bogen zu den Ereignissen am heutigen Samstag schlagen. Tausende Londoner sind seit Mittag auf der Straße, um gegen den Brexit zu protestieren.

Die Menschenmenge, die sich am Hyde Park gesammelt hat, ist gewaltig. Man schätzt, dass hier bis zu 20.000 Menschen zusammengekommen sind. Die Polizei hat noch weiträumiger als üblich abgesperrt; die Autofahrer pendeln zwischen Verständnis und Nervenzusammenbruch. Das Wetter ist warm, die Sonne strahlt. Man formiert sich auf der Park Lane, um den Protestmarsch zu starten. Das ist die elegante Straße entlang am Hyde Park, beginnend am Marble Arch und im Garten des Buckingham Palace endend. Dort wird man in das Regierungsviertel abbiegen, denn der Westminster Palace ist das Ziel.

Ganz so glatt wie gedacht, wird der Brexit also nicht starten können. Da gibt es doch mehr Protest in der Bevölkerung als man wahrhaben wollte. Auf einigen Plakaten erkennt man das Gesicht von David Cameron, darunter die Aufforderung ‘Wanted’. Aus meiner Sicht gerechtfertigt, denn der Ex-Premier hätte niemals das Volk über eine so komplexe Frage abstimmen lassen dürfen. Und wir wollen nicht vergessen, dass es damals in erster Linie um seine Wiederwahl ging. Nie im Leben hätte man mit einer Mehrheit gegen die EU gerechnet. Trotzdem war das ein Spiel mit dem Feuer und unverantwortlich.

 

 

Aber so sind sie (leider), die Engländer. Das Abwiegen von verschiedenen, möglichen Szenarien, ist nicht ihr Fall. Abläufe konsequent in der Theorie zu Ende zu denken, interessiert sie wenig. Das zeigt sich nun auch bei der Einführung der neuen 1 Pound Münze. Nächsten Dienstag kommt das Geldstück mit dem markanten 12-seitigen Rand in den Umlauf. Es ersetzt die alte, kreisrunde Pound Coin, die zwar noch sechs Monate gültiges Zahlungsmittel ist, aber ab sofort massiv aus dem Verkehr gezogen wird. Und wo ist das Problem? Ja, wie ich es schon vermutet hatte, bei den Automaten. Die Bahn kann nicht rechtzeitig umstellen und den Supermärkten geht es nicht anders. Tesco, einer der größten Discounter, hat jetzt eine typisch englische Lösung gefunden. Man hat tausende von Einkaufwagen pfandfrei gemacht. Mal sehen wie viele Kunden das nutzen und mit dem Ding gleich nach Hause holpern. Nun bin ich gespannt was British Railway machen wird? Wird man das Ticket ohne Zahlung ziehen können? Ich habe schon mal den kleinen Koffer gepackt, so eine kostenlose Rundreise, einmal um die Insel, lasse ich mir doch nicht entgehen.

 

So viele EU-Flaggen habe ich noch nie in London gesehen. Tatsächlich wurde die blaue Flagge mit den Sternen selten gehisst. Auch ein Zeichen dafür, dass man sich nie wirklich dazugehörig fühlte.

 

Im TV werden die Bilder des EU-Protestes gezeigt, dazwischen immer mal wieder Nachricht rund um Europa. Die feiern sich gerade selbst in Rom und das wird natürlich auch in der BBC gezeigt. Die zwischengeschalteten Diskussionen mit Fachleuten sind, wie immer in England, handfest, real und mitten aus dem Alltag gegriffen. Da wird vor den Folgen des EU-Austritts gewarnt, allerdings mit Konsequenzen, die ich bisher völlig übersehen hatte. Die Schokoladenindustrie droht damit, dass der Brexit die Produktionskosten erhöhen wird. Die schmerzhafte Wahl heißt: Entweder höhere Preise oder kleinere Schokoriegel. Da richtet sich George vor Schreck erst einmal im Sessel auf. “Sorry? Come again?” Damit hat er nicht gerechnet und nun reicht es ihm. “Come on let’s go. We go protest against Brexit. Hurry, I don’t want to be late.” – Na also, ich wußte doch, dass ich mich auf ihn verlassen kann. 

 

Wie kriegt man das Eckige in das Runde? – Und ist es Ihnen auch schon aufgefallen? In UK sind die Schweizer Schokoriegel neuerdings ganz anders geformt als früher. Da ist viel mehr Tal als Berg.