Wenn ich auch noch nicht viel von George weiß, so war ich mir doch sicher, daß er sich alleine an- und auskleiden kann. Schließlich lebt auch er, -genau wie ich-, seit Jahrzehnten alleine. Junggesellen (“bachelor” klingt in meinen Ohren noch  netter) müssen über eine breite Palette von Fähigkeiten verfügen, um die vielen Herausforderungen des Lebens alleine zu meistern. Ankleiden gehört sicherlich dazu.

An diesem Morgen war ich noch im Bad, als ich ein dumpfes Poltern hörte. Gleich danach ein lauterer Schlag, gefolgt von einem hellen Scheppern. Das stammte von einem Metallteller, der gerade durch die Luft gewirbelt war und nun über den Holzboden kullerte. Das wußte ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Ich legte mein Handtuch zur Seite und steckte meinen Kopf durch die Tür. Am Ende des Flurs liegt die Tür zum Schlafzimmer. Sie stand weit offen und gerade als ich dorthin sah, hüpfte George in bizarren Sprüngen vorbei. Nur einen Augenblick später tauchte er erneute im Türrahmen auf. Diesmal schoß er blitzschnell diagonal durch die Luft und landete kurz danach mitten im Bett.

!!*@!* “That just cor be true. I feel muself loike a beginner. *@!?* 

“Interesting” schoß mir durch den Kopf. Und das war ziemlich komisch, denn es war eine ur-englische Reaktion. Ich schien also gut zu funktionieren, aber was um alles in der Welt stellte George an? Ich beschloß nachzusehen.

Er lag rücklings im Bett, gefesselt in der eigenen Jeans! Einen Augenblick wägte ich ab, welche Optionen diese Situation bot, entschloss mich dann aber natürlich sofort zum “loving help and support”.

George hatte es geschafft, den rechten Fuß bombenfest im engen Hosenbein zu verkeilen, während die linke Röhre schon halb angezogen war. Es ging nichts mehr. Mit viel Fingerspitzengefühl machte ich ihn darauf aufmerksam, daß es einfacher ist, wenn man den Fuß vor dem Anziehen nach vorne streckt. Dann flutscht es besser. Ich bekam ihn schnell frei. Kommentarlos zog er seine Hose hoch und schloß sie, ohne weitere Zwischenfälle zu provozieren.

Zum Glück ist der Engländer durch und durch optimistisch. Ein “it could have been worse” genügte ihm, um wieder in gut gelauntes Fahrwasser zu wechseln.

Ich war in’s Bad zurückgegangen, schaute in den Spiegel und sagte mir: “So wird es also sein, falls unsere Beziehung noch länger anhalten sollte.”

Engländer tragen Jeans längst nicht so häufig wie wir. Am Arbeitsplatz, jedenfalls wenn es ein Büro ist, undenkbar. Aber auch in der spare time sind Cord- oder bequeme Stoffhosen die erste Wahl. Ich hatte auf Cord wohl mit hochgezogener Augenbraue reagiert und schon nahm das Schicksal seinen Lauf.

Nun war aber alles geschafft, der Tag konnte starten. Wir hatten Zeit und die Sonne schien. Warum also nicht einfach mal an die Küste fahren und Seeluft geniessen. Der Ausflug an die seaside gehört zum festen Programm des Londoners. Nach Brighton sind es 100 km, davon fährt man die ersten dreißig durch’s südliche London. Es sei denn man umkurvt die City und fädelt sich gleich auf die M25 ein. Das kann aber ein böser Fehler sein, denn die Ringautobahn, rund um London, ist als größter Parkplatz der Welt bekannt.

m25
Die/der M25. Das spontane Fahrbahnwechseln ist normal. Der Blinker wird nie betätigt. Maximal Geschwindigkeit 112 km/h. Tatsächlich schafft man selten mehr als 10 km/h.

Am besten fährt man mit der Bahn. Das tolle in London ist, dass gut 20 Bahnhöfe (tube) auch einen Fernzuganschluss haben. Wir können also vor der Tür in die Northernline einsteigen, wechseln unterwegs in die Southern, und sind 90 Minuten später an der Küste! Bequemer geht’s nicht. Aber wir haben das Auto gewählt, denn in dieser Jahreszeit fahren die Züge nicht so oft wie in der Sommersaison.

Wir waren gut 2 Stunden unterwegs, zuckelten durch hügelige Landschaften, und hielten wo immer ich wollte 😉 Brighton ist das größte und bekannteste Seebad der Insel, aber jetzt im Winter natürlich nur spärlich besucht. Ein netter Fleck, voller viktorianischen Charmes.

pier

Kaum angekommen, gönnten wir uns ein wirklich gutes Essen. Als Vorspeise eine Hummer-Jakobsmuschel Terrine, dann fangfrischer Wolfsbarsch, zum Abschluß Käsekuchen. Die auch sehr leckeren Schoko-Karamel-Baiser, liess ich links liegen. Ich wußte, daß sie wie ein Knallbonbon explodieren, sobald man sich ihnen mit der Gabel nähert. Den Gag hatten wir schon. Das war auf dem charity-event, zu dem die überaus reizende Helen Seward eingeladen hatte. Es ging um die Rettung der im Aussterben begriffenen Welsh Corgi Pembroke. Eine Hunderasse, die inzwischen wohl mehrheitlich im Haushalt der Queen lebt. Ich hatte ja sehr gehofft, ihr dort zu begegnen; natürlich inkognito. Zum Glück war aber keine Königin anwesend, denn mir ploppten die Baiser reihenweise vom Teller.

Zurück nach Brighton, wo wir inzwischen gut gesättigt, ziemlich faul in den bequemen Stühlen hingen. Das Restaurant lag an der Promenade mit Blick auf’s weite Wasser. Was will man mehr. Zum Fisch tranken wir einige Gläser Wein, da war aber die Entscheidung, auch die Nacht in Brighton zu verbringen, längst gefallen.

lochsteinAm nächsten Morgen gingen wir am Strand entlang. Immer auf der Suche nach Steinen mit einem Loch in der Mitte. Sie bringen Glück.

Das Wetter war schön geblieben, die Sonne schien, aber natürlich war der Wind kalt. Noch war Januar. Nur die Badehäuschen, die am Strand Seite an Seite aufgereiht nebeneinander stehen, leuchteten uns farbenfroh entgegen. Ich genoß den Spaziergang mit allen Sinnen. 

Von George erfuhr ich dann, dass jedes Badehäuschen einen stolzen Eigentümer hat. Ich hatte gedacht, die Kurverwaltung würde sie aufstellen, um den Gästen eine Umkleidekabine zu gönnen. 

An dieser Stelle muß ich einfach noch mal die natural shyness der Engländer erwähnen. Und die mich, by the way, immer noch sehr amüsiert. Sorry, never again. Oberstes Gebot: niemals FKK. Und Sauna nur in Badehose bzw. -anzug. Da ist es naheliegend, dass man sich am Strand diskret zurückzieht, bevor man die nassen Klamotten abstreift.

Aber mit meiner Vermutung lag ich weit daneben. Hier geht es nicht um’s An- oder Auskleiden. Diese Häuschen haben einen ganz anderen Zweck. Sie sind das Sommerglück des Inselbewohners. Sie werden zu hohen Preisen gehandelt, hier im schicken Brighton bestimmt in der Preislage eines gut ausgestatteten Kleinwagens. Die Wartelisten sind trotzdem lang. Einen Augenblick befürchtete ich, George zieht jetzt einen Schlüssel aus der Tasche und präsentiert mir stolz unser neues Feriendomizil. Zum Glück nicht.

haus

Aber meine ironische Kritik ist voreilig. – Wir gehen die bunten Reihen entlang und tatsächlich sitzt vor einer der Hütten ein älteres Ehepaar, sicherlich schon weit über siebzig. Beide lächeln uns überaus freundlich an. Dick eingemummelt in flauschigen Decken, trotzen sie dem Seewind und genießen das Leben. Sie sind glücklich. Das sieht man sofort.

Die Frau steht auf, um in der engen Hütte das Teewasser aufzusetzen. Mehr braucht der Engländer nicht, um das Leben zu genießen. – Ich bin noch nicht weit gereist, aber ich habe noch nie so viele glückliche Menschen getroffen, wie hier.  Mir ist aufgefallen, dass Engländer stets lächeln, wenn sie sich begegnen. Diese Freundlichkeit begleitet dann das ganze Gespräch. Egal, ob Mann oder Frau, egal ob jung oder alt, egal wo oder wann. Das ist kein aufgesetztes Grinsen, sondern da zeigt sich eine warmherzige Seele und signalisiert ihr Interesse am Anderen. 

Wir gingen weiter den Strand entlang. George erzählte vom bekannten Pier, der mit der Zeit verfiel, dann gleich zweimal brannte und schließlich vom Sturm zerlegt wurde. Er versank am 12. Juni 2004 im Meer. Das konnte ich mir merken, an dem Tag feierte ich meinen 50. Geburtstag.

Längst hatte ich meine Hand in seine gelegt, als ich mich noch einmal zu dem Badehäuschen umsah. Da saßen die beiden Alten vor der geöffneten Tür, hielten den warmen Teebecher in der Hand, erinnerten sich an gemeinsam Erlebtes und zelebrierten ihr Lebensglück. – Ich schaute George von der Seite an, dachte mir, daß mit dem Anziehen wird er schon noch lernen, und dann… ? Ja, warum eigentlich nicht. 

1 Kommentar

  1. Die tägliche Prise gute Laune für mich!

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