feuerIch komme gerade vom Briefkasten. Seit Jahren habe ich nichts mehr mit der analogen Post verschickt und jetzt gleich zweimal in einer Woche. Ich habe die Briefwahl genutzt und mein JA zur Olympiade in Hamburg abgeschickt. Und ich bitte alle anderen Wahlberechtigten es auch zu tun. Lasst uns die Chance nutzen im Jahre 2024 das Großereignis nach Hamburg zu holen. Es wird die Stadt verändern, ob alles gelingt weiß ich nicht. Eines aber ist gewiß, wenn wir jetzt aus Angst vor Was-auch-immer Nein sagen, dann ist die einmalige Gelegenheit vertan. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ein mutiges JA zur rechten Zeit ein ganzes Leben verändern kann. Ich habe das Wagnis bis heute nicht bereut. Und George scheint die Reklamationsfrist auch ohne Sorge verstreichen zu lassen.

Veränderungen machen durchaus Spaß. Auch ich bin gerade von Phase eins zu zwei gewechselt. Das passierte so ganz im Stillen, ohne Planung. I’m switching up to the next gear, erklärte ich George, als ich die Bohrmaschine ansetzte, um das erste Loch zu bohren. Er ist ein geschickter Handwerker, aber die Grobmechanik überlässt er mir. Ich glaube er hat dazu keine Lust. Mir ist es recht, ich kann das. Ich habe mal ein ganzes Jahr auf einer Großbaustelle verbracht. Das war in meiner Lehrzeit, also 70er Jahre. Damals noch sehr ungewöhnlich; ich glaube ich war die erste weibliche “Bauarbeiterin”. Mit etwas Hilfe könnte ich heute noch Stahlzargen fachgerecht aufstellen. 

Längst habe ich mich bei George in London häuslich eingerichtet. Die Hälfte seiner Schränke sind mit meinen Sachen gefüllt. Im Bad findet er Fläschchen und Tiegel, die er bislang bestenfalls vom Eintüten für die Asservatenkammer kannte,  und meinen PC habe ich zwar noch provisorisch aber dauerhaft in seinem Wohnzimmer aufgestellt. Jetzt aber, in Phase zwei, bohre ich Löcher in die Wände und versenke Dübel, um meine Möbel fest zu verankern. So fest, dass man meinen könnte es sollte für immer sein. George lässt mich gewähren. Er liest irgendwelche Papiere und hat sich dabei ‘lässig’ aufs Sofa gelegt, nur um deutlich zu machen, dass er sich ganz und gar heraushalten wird. Gut so, denn jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Heaven helps those who helthemselves; ich glaube so übersetzt man es.

Die Queen im freien Fall. Vermutlich ist Angela Merkel auch 2024 noch Kanzlerin, sie wird dann diesen Part übernehmen müssen.

Baumaschinenlärm war in den letzten Wochen oft bei uns zu hören. George hat jede freie Minute im Gartenschuppen gewerkelt. Dort steht eine uralte Drehbank, die er zu benutzen weiß. All das tote Holz, das er im Sommer rund um London gesammelt hat, ist inzwischen trocken genug, um eine neue Form zu bekommen. Eine stattliche Zahl von Gebrauchs- bis Kunstgegenständen hat er erschaffen. Etliche Teller, auch Schalen und Kerzenständer. Einer ist fast einen Meter hoch, ein prachtvolles Ding, das einen Platz neben dem Kamin bekommen wird. Alles andere wird verkauft. Erst dachte ich mich verhört zu haben, und fragte lieber nach. Als George es mir dann genauer erklärt, merkte ich mal wieder, dass es noch viele Nischen in der englische Seele gibt, von denen ich keine Ahnung habe.

Geplant ist ein privater Verkauf. Der gehört inzwischen zur Vorweihnachtszeit und jährt sich nun zum dritten Mal. Der Erlös wird gespendet. Charity Parties gehören zum englischen Advent wie bei uns der Kranz.  Einige professionelle Handwerker und Hobbykünstler haben sich angemeldet, alle sind aus dem nachbarschaftlichen Bekanntenkreis. Sie werden ein ganzes Wochenende lang ihre Werke ausstellen und zum Kauf anbieten. Es sind Goldschmiedearbeiten, Schmuck, Seidenmalerei, auch Wollsocken und Schals, sogar Ölbilder und mannshohe Gartenskulpturen. Das alles wird einen ganzen Sonntag zu sehen und zu kaufen sein. Dazu gibt es natürlich Tee und Sandwiches. Und weil wir am meisten Platz im Haus haben, wird es wieder bei uns stattfinden! You have nothing against, do you? Nee, ähhhh, wie …. ???

Was soll’s. Wahrscheinlich wird es lustig. Warum sollte George sich jedes Jahr die Mühe machen, wenn er den erwarteten Erlös seiner Holzarbeiten, vielleicht um die 200 Euro, auch einfach überweisen könnte. Da ist bestimmt ein Mehrwert zu holen. Ich lass’ mich überraschen.

Meine Regale sind festgeschraubt, die Schreibtischplatte ruht jetzt auf massiven Winkeln, da wackelt nichts mehr. Das Werkzeug ist weggeräumt und alles glänzt. Weil George seinen Sofaplatz gerade geräumt hat, mache ich es mir in seinem Nest bequem. Sogar die Zeitung liegt noch auf dem Tisch. Dort werden die brandneuen Wortkreationen 2015 vorgestellt. Das interessiert mich. Welcher Begriff hat das Rennen gemacht? Und werde ich ihn verstehen? Laut Collins Dictionary ist der binge-watcher das Wort des Jahres 2015. Mit watcher kann nur ein TV-Zuschauer gemeint sein und das Wort binge ist mir als binge-drinker geläufig. Das ist die englische Bezeichnung für einen ‘Kampftrinker’. Also für jemanden, der etwas exzessiv konsumiert. Dann wird ein binge-watcher jemand sein, der stundenlang vor dem Fernseher sitzt. Not quite, schaltet sich George ein. Er hat Kaffee gekocht, lässt mir den Sofaplatz, beansprucht aber seine Hälfte zurück. Ein binge-watcher zeichnet sich dadurch aus, dass er/sie eine Serie in einem Stück sieht. Also sechs Folgen Downton Abbey ohne Pause. Das ist technisch erst möglich, seitdem es Videotheken gibt. Es sei denn man hat die Staffel auf DVD im Schrank stehen.

Auch das Wort ‘manspreading‘ wurde prämiert; sie finden es in keinem Wörterbuch, denn es ist auch eine brandneuer, inzwischen oft benutzter Begriff. Gemeint ist die breitbeinige Sitzweise vieler Männer. Und dann mögen die Engländer noch ganz besonders gerne das Wort dadbod. Damit bezeichnet man (männliche) Körper, die lange keine Sonne gesehen haben. Das kommt dann wohl von dead body oder Daddy’s body?

neighborhood
Die Serie ‘Bad Neighbors’ ist gerade sehr beliebt. Was Seth Rogen uns hier zeigt ist ein klassischer dadbod.

Gleich darunter steht etwas über steigenden Hausschuhverkauf. Interessant darin ein Satz, der meine Einschätzung über englischen Wohnkomfort untermauert: “… the slipper sales were declining, claiming that a rise in shag-pile carpets and underfloor heating – increasingly popular among wealthier homeowners – meant more … Hier steht also schwarz auf weiß, dass Langflor-Teppiche und/oder Fußbodenheizungen nur in den Häusern der Reichen zu finden sind! Stimmt, bei den meisten liegen harte Nadelfilzfliesen oder einfach nur Linoleum auf dem Boden. Der einzige Raum mit flokatiartigen Bodenbelag sind die Badezimmer! Damit will man wohl die fehlende Heizung ausgleichen, wobei ich nicht wissen möchte, was so alles in dem fellartigen Teppich lebt. Bei George allerdings sieht es ziemlich “deutsch” aus, ich vermisse hier nichts. Freue mich aber über deutschen Wohnkomfort deutlich mehr als früher.

Weil keiner von uns nachgibt, wird es langsam auf dem Sofa eng. Wenn zwei ausgewachsene Menschen sich dieselbe Ecke aussuchen, reicht der Platz nicht. “Was du da machst ist manspreading im Liegen”. Keine Reaktion. Er schiebt sich die Brille zurecht und liest weiter sein New England Journal of Medicine Reports. Der Inhalt interessiert ihn wenig, aber er kann sich für den Augenblick wichtig machen. Mir fällt ein Witz ein, den ich im TV gesehen habe und der paßt hervorragend: “The journal reports..” und ich zeige dabei auf sein Fachblatt “..that nine of ten doctors agree that one of ten doctors is an idiot.” Was jetzt folgt ist für die Öffentlichkeit ungeeignet. Deshalb verabschiede ich mich schon mal an dieser Stelle. Bye-bye, see you. 

 

Word of the year 2015.

Über 70% der Engländer sind dafür, dass diese neuen Wortschöpfungen in den offiziellen Sprachschatz aufgenommen werden. Das hätte ich nicht erwartet, ich dachte man wäre da konservativer. Verlaß ist aber auf die Formulierung, die ist mal wieder englisch absurd. Man sagt nicht, die Worte sollten in den englischen Duden aufgenommen werden, sondern man plädiert für ihre offizielle Zulassung im Scrabble. Bingo, das ist der Ritterschlag.

The full list of words and definitions.

  1. Binge-watch: to watch a large number of television programmes (especially all the shows from one series) in succession.
  2. Clean eating: following a diet that contains only natural foods, and is low in sugar, salt, and fat.
  3. Contactless: referring to payments, smart cards, etc that utilise RFID (radio-frequency identity) technology and do not require a PIN or signature from the customer.
  4. Corbynomics: the economic policies advocated by the UK Labour leader Jeremy Corbyn.
  5. Dadbod: an untoned and slightly plump male physique, especially one considered attractive.
  6. Ghosting: ending a relationship by ignoring all communication from the other person.
  7. Manspreading: the act or an instance of a male passenger in a bus or train splaying his legs in a way that denies space to the passenger sitting next to him.
  8. Shaming: attempting to embarrass a person or group by drawing attention to their perceived offence, especially on social media.
  9. Swipe: to move a finger across a touchscreen on a mobile phone in order to approve (swipe right) or dismiss (swipe left) an image.
  10. Transgender: of or relating to a person whose gender identity does not fully correspond to the sex assigned to them at birth.