Endlich wieder in London! Die gar nicht so kleine Propellermaschine (!) der BA muß auf dem Vorfeld von Heathrow parken. Ich nutze die kurze Strecke vom Flieger zum Bus um erst einmal ganz tief einzuatmen. Blase die Backen auf und merke wie mein Herz schneller schlägt. London tut mir gut, hier fühle ich mich pudelwohl.

Ich habe kein Gepäck, denn ich bleibe nur über’s Wochenende. George wollte längst wieder in Hamburg sein, aber er hat viel zu tun. Sein Job ist nur schwer zu planen. Mir wurde die Zwangspause zu lang und so habe ich mich ruckzuck auf den Weg gemacht. George zeigte keinen Widerstand.

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George at work. Im “cutting-room” gibt es keine geregelten Arbeitszeiten.

Ich gehe also an den Gepäckbändern vorbei, gleich zu den Rolltreppen, die mich downstairs zur Tube bringen. In einer Stunde könnte ich in Hampstead sein. Zweimal muß ich umsteigen, aber das ist kein Hindernis, denn die Victoria und die Nothern Line fahren um diese Zeit ca. alle 4-5 Minuten.

Aber erst einmal steige ich in die Piccadilly Line ein und fahre bis Hyde Park Corner. Das ist mitten im vornehmsten London: Belgrave. Ganz in der Nähe ist die Deutsche Botschaft. Ich gehe aber Richtung Norden, immer am Hyde Park entlang und komme in den Stadtteil Mayfair. Auch dort sind die Häuser nicht bezahlbar.

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Deutsche Botschaft am Belgrave Square 21–23. Einer der Botschafter war Friedrich Sthamer. Sein Name ist in den Walddörfern gut bekannt. Wie die Engländer ihn wohl ausgesprochen haben?

Am nordöstlichen Ende, kurz vor Marble Arch, passiere ich die weltbekannte Speakers Corner. Wenn ich etwas zu sagen hätte, könnte ich es hier öffentlich kund tun. Ein Schild weist darauf hin, dass man weder die Königin noch die königliche Familie erwähnen darf. Ansonsten ist alles erlaubt.

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Kurz in die Oxford Street und dann in die Baker Street einbiegen. Klar, am Ende findet man das Sherlock Holmes Museum. Jetzt bin ich schon am südlichen Ende des Regent’s Parks und könnte eigentlich am London Zoo vorbei nach Hampstedt gehen. Aber ich will nicht übertreiben. Der Bus fährt genauso häufig wie die U-Bahn und der bringt mich ganz bequem zu George, nach Hause.

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Die Adresse kennt jeder: 221b Baker Street London NW1

Ein bißchen stolz berichte ich von meinem Fußweg. Ich finde mich langsam ganz gut zurecht. Hingegegen kann ich mir in Hamburg-Volksdorf um’s Verrecken die Straßennamen nicht merken!?! Ich sollte mal so tun als wäre ich zum ersten Mal in Hamburg. Dann sieht alles vielleicht noch viel interessanter aus.

Gerne möchte ich die Londoner Nachbarn, Freunde und Bekannten treffen. Also gehen wir am Abend in den Pub. Dort sind sie alle versammelt. Ein kurzes, aber trotzdem herzliches Hallo reicht den Engländern, und weil ich es weiß, plumpse ich beglückt in einen der Sessel.  Dort harre ich erst einmal der Dinge.

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Unser Pub: The Garden Gate – the best hangout in Hampstead

Alle, oder wenigsten sehr viele Engländer, sind exzellente Erzähler. Es scheint ihnen angeboren zu sein. Allerdings brauchen und nutzen sie diese Fähigkeit auch reichlich, denn es ist eine der tragenden Säulen der social togetherness.

Ich halte mich ganz zurück und hänge den Männern und Frauen an den Lippen, die hier die hohe Kunst des story-tellers zelebrieren. Der Wahrheitsgehalt der Geschichten ist unwichtig, es kommt nur darauf an im richtigen Moment die richtige Story parat zu haben. Man muß sie brillant gut erzählen können und sie soll voller Selbstironie und Witz sein. Kurz, man muß ein Entertainer sein und das können die meisten aus dem Stehgreif. Beste Unterhaltung.

Ich hatte immer geglaubt, Englisch wäre eine sehr einfache, also wortarme Sprache. Das Gegenteil ist der Fall. Im Englischen benutzt man ca. 500.000 Wörter, im Deutschen sind es ca. 185.000! Das hätte ich anders vermutet.

By the way, ich fürchte ich benutze davon zur Zeit ca. 0,01%!!! Good grief!

humourAbends, schon längst wieder zu Hause, reden wir noch über die Kunst des Geschichtenerzählens. Die ist auch im Berufsleben zwingend notwendig. Der Engländer will unterhalten werden, egal ob im Pub oder Meeting. George kann das recht gut, kommt damit aber bei seinen deutschen Kollegen nicht immer an. Es ist ihm egal und ich bestärke ihn, seinen good sense of humour beizubehalten.

Ich selbst rede zwar viel und gern, aber die Story oder gar der Witz gelingen mir selten. Oft fällt mir gar nichts ein oder ich vermassel die Pointe. Kaum gesagt, schon hat George wieder eine passende Geschichte parat. Sie ist nicht von ihm, aber sehr witzig und beschreibt die deutsche (meine) Befindlichkeit exakt: “Most people at a funeral would rather be in the coffin than saying the eulogy.

“Die meisten Gäste bei einer Beerdigungsfeier würden lieber im Sarg liegen, als dass sie die Grabrede halten müssen.”

Und dann habe ich an diesem Abend doch noch meine englischen Kenntnisse ausbauen können. Und das in einem sehr wichtigen Punkt: Die Entschuldigung. Auch wenn Sie kein Wort Englisch können, merken Sie sich wenigstens “sorry” und sagen sie es regelmäßig. Man wird Sie mögen. – Der Engländer entschuldigt sich permanent. Von morgens bis abends. Privat und unter Fremden. Ich bin mir gar nichts sicher, was George morgens als erstes zu mir sagt? Falls, es eine Entschuldigung ist, dann hoffentlich ein “excuse me” und kein “sorry” 😉

Endlich habe ich den Unterschied begriffen. Man hört beide Ausdrücke gleich häufig über den Tag verteilt. Ein “excuse me” ist immer dann angebracht, wenn man vorauseilend sich entschuldigen will. Sich zum Beispiel vorbeidrängelt oder das Salz haben will. Ein “sorry” wird im Nachhinein gesagt. Da ist die “Tat” dann schon geschehen.

Wenn ich z.B. George beim Tanzen mal wieder auf die Zehen trete, dann sage ich “sorry“. Und witzigerweise antwortet er auch mit “sorry“. Denn er entschuldigt sich sogar gleich doppelt bei mir; einmal weil er seinen Fuß genau dorthin stellte, wo ich hin wollte, und zum anderen weil er mich in die Verlegenheit brachte, dass ich mich jetzt bei ihm entschuldigen muß! Ja, so sind die Regeln. Hört sich kompliziert an, ist aber eigentlich nur ständig wiederholtes Ritual. Für den ganz großen Auftritt benutzt man am besten: “Excuse me. I’m terribly sorry to bother you but I wonder if you would mind helping me, of course only as long it’s no trouble. Pleeease.”

Das sollte reichen, um sich anschließend wie ein Wildschwein durch den Acker zu graben.

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Bild/Cartoon: www.wildschweine.net