Noch gibt es Clubs in London die Frauen den Zutritt verwehren. Ich spreche von den Orten, wo sich gut situierte Männer treffen, um bei einem Glas Brandy die Tageszeitung zu lesen. Gesprochen wird selten, man kennt sich, hat dieselbe Uni besucht und ist jetzt Rechtsanwalt, Arzt oder Politiker.

Im vornehmen St. James’s ist das Londoner “Clubland” zu finden. Wo sich Regent Street und Pall Mall kreuzen, dort sind die Clubs der Londoner Gesellschaft, sehr diskret oft in der ersten Etage der prachtvollen Häuser zu finden. Zutritt nur für Mitglieder.

George kennt die Clubs, sei es als Mitglied oder Gast. An diesen Orten knüpft er/man sein Netzwerk. Hier werden soziale Kontakte gepflegt und gehegt. Und hier entfaltet die englische Spießigkeit ihre schönsten Blüten. Behaupte ich.

boris johnson
Kennen Sie diesen Herren? Sein wilder Blondschopf ist sein Markenzeichen. Nein, kein Sportler und auch kein Sänger. Das Foto zeigt Boris Johnson, den Londoner Bürgermeister. Wenn Sie ihm schreiben wollen, dürfen Sie ihn, wie jeden anderen, beim Vornamen nennen.

George lässt den Akademiker dort wo er hingehört, im ‘lab’, wie das forensische Institut kurz genannt wird. Das Ansehen eines Mediziners ist in der englischen Bevölkerung kein besonderes. Man hält den Beruf des Arztes für das was er ist: eine qualifizierte Arbeit. Halbgötter in weiss sind unbekannt. Übrigens benutzt man auch nicht den Doktortitel, wenn man den Arzt begrüßt.

Ich bin es natürlich gewohnt Medizinern größten Respekt zu zollen, wenn man allerdings mit einem zusammen wohnt, egalisiert sich das schnell. Zum Beispiel dann wenn er mir erklärt, warum es auch heute noch richtig ist den Frauen die Mitgliedschaft im Club zu verwehren. “We have the right to be boring” ist sein Hauptargument. Er gibt also zu, dass die Gentlemen sich im Club treffen, um dort ein kultiviertes Schläfchen zu halten und anschliessend erfrischt und voller Elan in ihrem Office, Kanzlei oder Praxis zu erscheinen und den Boss zu präsentieren.

Yes from time to time men need a restful, idle, male conversation. It’s a peculiar pleasure.” Er stimmt auch sofort zu, dass er Männer ab einem gewissen Alter meint. Junge Männer gehen in den Pub und reden über Fußball. Er aber sucht die angenehme Konversation mit einem Altersgenossen, der ihm verzeiht wenn er seine Anekdote zum dritten Mal erzählt.

Mann relaxed im Ledersessel und liest die Zeitung. Leise raschelt das Papier beim Umblättern, ansonsten Totenstille. Gentlemen’s Club.

Sobald eine Frau auftaucht ist die Ruhe vorbei. Dann will Mann zeigen was er kann und also dreht er auf. Full throttle. Und Schuld daran sind nur die Frauen, denn “women theirselves are lively and amusing, so we up our game.

Eine tolle Theorie. Das kann ja nur ironisch gemeint sein, aber George verzieht keine Miene. Die Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen und bohre nach.

George schwärmt inwischen über die angenehmen Seiten eines vormittäglichen Club-Besuches: “It fulfils a social function. It’s a place where solitary elderly men, bachelors or widowers, can go for the comfort of routine and desultory chat.” Ich wende ein, das kannst du auch im Pub haben und er stimmt sofort zu. Langsam frage ich mich was macht der Mann tagsüber? Ich stellte ihn mir immer pausenlos tätig vor, mutig dem Tod das letzte Geheimnis zu entreissen … [Ich sollte weniger ‘Silent Witness’ sehen; phantasievoller wurde die Arbeit eines forensic pathologist noch nie im TV gezeigt.]

Der Garrick Club in Covent Garden nimmt bis heute keine Frauen auf. Sie dürfen aber als Gast mit an die Bar genommen werden.

Worüber unterhalten sich denn die Männer so, wenn sie in ganz entspannter, frauenfreier Atmosphäre zusammenkommen? Sex, Geld, Weiber? “No, no, no! Perhaps about the gas bill or what they pay for their broadband.” “Und wahrscheinlich wie weit sie das Kreuzworträtsel im Telegraph heute morgen lösen konnten”, provoziere ich ihn. “Boring maybe, but some time in the future I may be glad to be put up for membership of this club.

Fast hätte ich ihn jetzt in den Arm genommen, getröstet und einen alternativen Plan für die Zukunft unterbreitet, aber in letzter Sekunde habe ich es gesehen. Ein Zucken um den Mundwinkel. George spielt Komödie, verar…. mich. Ich lasse ihn gewähren, ihm macht es Spaß und mir ehrlich gesagt auch. Also setze ich einen drauf, stimme ihn zu und kündige an: “I’ll not a stay-at-home grandmother keeping the home fire burning while you meet your old-mates at the club.

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Den Eaton Place gibt es wirklich. Im Stadtteil Belgravia zu finden. Hier wurde ‘Upstairs-Downstairs’ gedreht. Bei uns hier der TV-Erfolg ‘Das Haus am Eaton Place’.

Lange Pause, George muß sich neu sortieren. Genug Zeit um über eine Statistik zu berichten.

Letzte Woche wurde eine Untersuchung veröffentlicht, die an den Tag brachte, dass Männer 900 extra Meilen [fast 1.500 km] in ihrem Leben zurücklegen, nur weil sie nicht zugeben wollen, dass sie sich gerade verfranzt haben. Frauen pflegen in solchen Situationen nach dem Weg zu fragen, Männer beharren auf ihren angeborenen Orientierungssinn. Selbst die Benutzung des Navis lehnen sie strikt ab.

George gibt zu, dass auch er die 900 Extra-Miles zurückgelegt hat, just because men are too stubborn to ask the way. Aber noch lieber würde er wissen, wieviele Extra-Meilen er in seinem Leben gegangen ist, weil ihn jemand in die falsche Richtung geschickt hat. “Must be more than 900.” Und das ist der Grund, warum er nicht fragt. Poor boy! “Maybe women have more success because they have an instinct for choosing the right people to ask.

Dabei fällt mir ein, hätte er mich im letzten Dezember nicht nach dem Weg gefragt, hätten wir uns nie kennengelernt. Sein Instinkt scheint also doch noch zu funktionieren.

George ändert seinen Standpunkt und kommt damit automatisch zur Frage, wieviele Leute wohl wieviele Meilen zurückgelegt haben, weil er sie in die Irre geschickt hat? Die Antwort ‘ich weiß es nicht’ würde ihm/man ja niemals über die Lippen kommen.  “There was a Frenchman at the South London traffic lights who took the wrong turning because I tried to explain in French. And a woman I sent to the pet shop when she wanted the vet. Or the family to whom I muddled up ‘Avenue’ and ‘Hill’. And so on.

Jetzt im August ist vieles anders als sonst. Es ist Ferienzeit und in vielen Geschäften stehen Aushilfen hinterm Tresen, weil die Besitzer mit ihren Familien an die Küsten gefahren sind. George muß mehr als sonst arbeiten und macht alle Wochenenden Bereitschaftsdienst statt Besuche in Hamburg. Ich bin zur Inaktivität verdammt, weil ich nicht laufen kann. Eigentlich eine prima Gelegenheit etwas zu ändern. Sich seiner Gewohnheiten bewußt werden und einfach mal einen neuen Weg einschlagen. Wer weiß wohin einen das führt?

Ich werde aber schon aufpassen, dass wir dieselbe Route nehmen. Das wird nicht schwer sein, George ist ganz froh wenn ich mich ans Steuer setze. Dann muß er niemanden nach dem Weg fragen und wahrscheinlich kommen wir sogar früher an. Wie sagt Enno der Taxifahrer morgens immer so schön im NDR-Radio? “Mein Schleichweg ist kürzer als Luftlinie”.