Ich bin mit George verabredet. Punkt 2 Uhr mittags, am meeting point, in der St Pancras Station. Das ist leicht zu finden, man kann sich nicht verfehlen, und so klappt es dann auch ganz easy mit dem Treffen. Wir sind mitten in London; St Pancras liegt direkt neben King’s Cross, dem Londoner “Hauptbahnhof”.

St Pancras ist ein wunderschöner alter, viktorianischer Bau. Er erinnert mich an die Häuser, die ich in der Kindheit mit meinem Anker Steinbaukasten baute. Ich kann mich gar nicht sattsehen. Zwei große Statuen fallen mir besonders in’s Auge:

duo
Links schaut John Betjeman zur Decke empor, rechts verabschiedet sich das Pärchen am Meeting Point in St Pancras

Sollte ich mich jemals endgültig aus London veraschieden müssen, dann sicher nicht hier. Wer könnte vor diesem Liebespaar seine Tränen  zurückhalten? Mir würde es gewiss nicht gelingen.

paul-day
Abschied am Bahnhof. Für wie lange?

Von St Pancras startet übrigens auch der Eurostar. Er verkehrt zwischen Paris und London, mit Halt in Brüssel. Weitere Anbindungen sind geplant. Ab 2016 soll ein ICE von Köln bzw. Frankfurt nach London fahren! Das macht meine Route von Hamburg nach London zwar auch nicht kürzer, aber immerhin ein Anfang.

Wenn wir schon mal hier sind, nehmen wir uns die Zeit und sehen uns den Bahnhof genauer an. Manchmal denke ich ein déjà-vue zu erleben; einiges kommt mir merkwürdig bekannt vor. Später fällt der Groschen, als George mir erzählt, dass einige Harry-Potter-Szenen hier gedreht wurden. War da nicht der Bahnsteig 9 1/2? Sollte ich einfach mal durch einen Mauerpfeiler laufen? Lieber nicht, es geht bestimmt schief.

Schnell noch einen Satz zu John Betjeman, der auf der Empore lebensgroß in Bronze gegossen steht. Er war ein Literat, bezeichnete sich selbst als “poet and hack”, also als “Dichter und Arbeitspferd”. Betjeman war einer der Gründer der Victorianischen Gesellschaft und setzte sich mit viel Energie für den Erhalt des Bauwerks St Pancras ein. Er hatte Erfolg. Wenn ich mich hier umsehe, kann ich nur sagen “Gott, sei Dank”.

George war vormittags bei Gericht. Nein, nicht ‘in den Schranken’ stehend. Weil er dort regelmäßig Gast der Anklage oder auch der Verteidigung ist, weiß ich inzwischen, daß er an diesen Tagen morgens ganz sicher den Nadelstreifen gewählt hat. Zweimal falle ich darauf nicht herein. Also habe auch ich mein outfit angepasst; upsize geht immer. So laufen wir also hoch elegant gekleidet durch Bloomsbury, vorbei an der University. Sollte gerade ein Standesbeamter Zeit haben, wäre jetzt eine gute Gelegenheit.

uni-campus
University of London. Campus in Bloomsbury.

Unser Ziel ist das British Museum, es kommt schon bald in Sicht. Es reiht sich nahtlos an die Gebäude der Universität.  Das Museum hat sich zur Aufgabe gemacht die gesamte (!) Kulturgeschichte der Menschheit vom Anfang bis in die Gegenwart zu dokumentieren. Ein ambitioniertes Unterfangen.

Wegen der räumlichen Größe, der thematischen Spannweite und der unfassbar grossen Anzahl an Exponaten, ist es ganz unmöglich auch nur einen flüchtigen Überblick über die Schätze zu bekommen, die hier gezeigt werden. Übrigens, wie in allen Londoner Museen kostenlos! Das begeistert mich jedemal auf’s Neue und deshalb werde ich es auch immer wieder erwähnen. 

museum
3-D-Modell des British Museum.

Man müsste sich wohl wochenlang in dem Gebäude aufhalten, um alleine nur einmal alle Räume betreten zu haben. Wir gehen nicht ganz auf’s Geratewohl zur (kostenpflichtigen) Themenausstellung “Eight Mummies“.

Das war ein Wunsch von George und dem gebe ich gerne nach. Mediziner haben nun mal einen anderen Blick auf Körper, Geist und Seele. Ich freue mich, daran teilhaben zu können.

mumieIn dieser Ausstellung werden, wie der Titel schon verrät, acht in Ägypten gefundene Mumien sehr detailliert vorgestellt. Man erfährt ihr geschätztes Alter, das Geschlecht, was man in ihren Mägen fand, wie der Zahnstatus war, ob und welche Verletzungen oder Krankheiten sie hatten usw.

Mit anderen Worten sie werden aus der Sicht des Gerichtsmediziners vorgestellt. Eine ziemlich spannende Sache. Schon bald sauge ich die vielen Informationen, die zu jedem Exponat angeboten werden, wie ein nasser Schwamm auf. Was ich nicht erklärt finde, kann George mir beantworten. Wir halten uns hier Stunden auf ohne es zu merken.

Bevor wir dann die City verlassen, um nach Hause zu fahren, wollen wir noch etwas essen. London lädt immer ein, sei es zum Schlemmen oder Trinken, zum Unter-die-Leute-gehen, zum Feiern oder Tanzen.

Wir entscheiden uns schnell für die Indische Küche. Das Angebot ist in London riesengroß. Von den curry-houses bis zum top-eleganten Inder in der Regent Street reicht die weit gefächerte Palette. Der Besuch ist immer eine aufregende Sache. Man taucht mit allen Sinnen in eine andere Welt ein.

indisch
Die indische Küche ist ein Erlebnis für alle Sinne. Die Farben, die Gewürze, der Duft …

Ich beginne das Probieren mit einer Bombay Tomato Soup und werde dann ganz vegetarische fortsetzen.

Fleischfrei heißt aber nicht ungewürzt. Das Essen ist so scharf, dass ich das Gefühl habe, die Zahnfüllungen werden flüssig. Trotzdem schmeckt es fantastisch. Gewürze werden geboten, die ich nie geschmeckt habe und nicht zu beschreiben weiß. Lassen wir es also bei der Untertreibung: LECKER. 

Während ich meine vegetable goodies in yogurt and chutney dressing stippe, bearbeitet George die lamb knuckles in sun-dried Kashmiri spices. Dabei erklärt er mir sehr anschaulich, wie man einen Leichnam effizient “entsaftet”, um eine brauchbar Mumie zu erhalten. Zum Glück bin ich diesbezüglich ziemlich schmerzfrei und höre interessiert zu. Als er thematisch von der Bauchhöhle zum Schädel wechselt, ziehe ich nach und wechsel meinerseits das Thema. “Two strong whisky, please“. Und so wurde es dann noch ein richtig netter Abend in London.