Die Londoner haben Sommerferien. Wer kann fährt an die See. Die Stadt ist trotzdem voll, gerappelt voll. Die Touristen sind da und bewegen sich zu Fuß oder per Sightseeing-Bus von Bauwerk zu Bauwerk. In den Pubs höre ich jetzt öfter mal fröhliche Leute in Deutsch reden, aber eigentlich können sie alle Englisch und das nutzt der Einheimische. Dem Engländer kommt es einfach nicht in den Sinn, das ihn irgendjemand nicht verstehen könnte.

Themen für diesen Blog habe ich genug. Aber wenn möglich suche ich nach nicht ganz so alltäglichen Dingen und da ist mir George immer eine Hilfe. “Hast du ein Idee für meinen nächsten Blog-Beitrag?” “No” ruft er mir zu und eilt Richtung Garten. Das Wetter lockt. Dann aber kehrt er um und sagt mit breiten Grinsen: Falls deine Leser London besuchen, und auch das House of Parliament sich ansehen wollen, dann sollten sie dort bitte nicht sterben. Es ist verboten.

Das sind Momente, wo ich nicht weiß, ob ich falsch übersetze oder ob sich mir wieder mal der besondere englische Humor nicht erschließt. Warum darf man im Parlament nicht sterben? Glaubst du jemand versucht auf diese Weise dich persönlich kennenzulernen? Oder worauf spielst du hier an???

Weit gefehlt! Er macht keinen Witz, wenn er mir erzählt: “It’s illegal to die in the House of Parliament. It’s because the building is a palace and if you die in a palace you are entitled to a state funeral! As far how such an offence would be punished, that is unclear.”

Ja, das Gesetz ist gültig. Wer in einem Palast stirbt, bekommt ein Staatsbegräbnis. Also falls Sie interessiert sind, dann buchen Sie das last ticket nach London …

Und damit sind wir mitten in den vielen uralten Regeln und Vorschriften, die heute noch rechtskräftig sind und gerne mal Kopfschütteln hervorrufen. Eines dieser Gesetze betrifft die Schwäne auf der Themse. Sie stehen unter dem Schutz der Königin, ja sie sind ihr Eigentum. Auf der Strecke zwischen London und Henley (berühmter Regatta-Ort, westlich von London) genießt jeder Schwan royalen Schutz. Genaugenommen teilt sich das Königshaus den Tierbesitz mit zwei anderen Körperschaften, nämlich mit den Zünften der Weinhändler und der Färber. Aber nur das Königshaus nimmt seine Rechte und Pflichten gegenüber den Wasservögeln wahr.

The Queen’s Swan Warden mit Feder an der Mütze. Schicke Uniform, aber unpraktisch. Die Schwäne sind nicht stubenrein.

Immer in der zweiten Julihälfte werden die Schwäne gezählt, gemessen, gewogen und beringt. Die Altvögel sind in der Mauser und der Nachwuchs lernt erst noch das Fliegen. Da hat man Chancen die großen und schweren Vögel zu fangen. Ein prachtvolles Schauspiel spielt sich da täglich, einige Wochen lang auf dem Fluß ab.

Das will ich natürlich auch sehen und so stehen wir einige Tage später an der Themse, zusammen mit Menschen aus aller Welt, die extra hierhergekommen sind. Ich muß schmunzeln, denn mir ist alles mehr als vertraut, ich sage nur Alsterschwäne. Sie genießen in Hamburg einen ähnlichen Schutz. In Hamburg oder London geht es vorrangig um den Tierschutz, aber die Engländer wissen den notwendigen Einsatz spektakulärer zu inszenieren.

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Eines der royalen Bote mit dem Wappen E II R. Es steht für Elisabeth II. Regina. Die meisten Ruderer sind Pensionäre. Der Job ist begehrt.

Wenn The Queen’s Swan Warden seine kleine Ruderbootflotte ablegen lässt, dann ist das schon ein Schauspiel. Alle Mann in prachtvoller Uniform, der Boss mit einer langen weissen Schwanenfeder am Hut. Auch mit an Bord ist ein Veterinär, ein hochkarätiger Professor der Zoologie von der Universität in Oxford.

Meile für Meile suchen sie die Themse nach Schwänen ab. Die grauen Jungvögel sind nicht ganz so leicht auszumachen. Wenn ein Tier entdeckt wird, schallt der Ruf “All Up” über das Wasser und die Ruderboote kreisen den Vogel ein. Dann geht es schnell. Man zieht ihn aus dem Wasser, wiegt und misst ihn, untersucht den Vogel auf Verletzungen und beringt ihn schließlich. It’s not half as traumatic as it looks, versichert mir George. Woher weiß er das?

Frisch beringt plumpsen die jungen Schwäne zurück in’s Themsewasser.

Jeden Nachmittag kehren die Royal Swan Marker in ihren Ruderbooten in das Schwanenreservat nahe Windsor zurück. Nächsten Morgen geht es dann weiter. Die Schwäne wurden früher (ganz früher) gegessen. Sie galten als Delikatesse; ich habe aber gehört, sie sollen wie fischige Gans schmecken. Heute isst keiner mehr die Schwäne und ich denke sie waren aufgrund ihres Gewichts besonders begehrt. Auf jeden Fall ist das Jagen der Tiere bei Strafe (Verliess im Tower, dann wahlweise köpfen oder erhängen) verboten.

Inzwischen wird es richtig voll. Um uns drängen sich die Schaulustigen, jeder will ein Foto machen. Die Leute kommen aus allen Ländern, dagegen scheinen die Ansässigen kaum Notiz zu nehmen. Sie haben ihre Landsitze verrammelt. Wir verlassen das Themseufer und gehen zum Auto zurück. George murmelt: “And close up, I have to say, they do look quite tasty …” Darauf reagiere ich mal lieber gar nicht.

Ich erzähle von unseren Alsterschwänen, dass sie dem Senat gehören, und wenn sie die Stadt verlassen, dann wird Hamburg untergehen. Ich erzähle ihm von den verwandten Singschwänen, die ganz in der Nähe seiner Hamburger Wohnung zu finden sind. Sie sind alle Nachfahren eines Pärchens, das dem Hamburger Senat gleich nach dem Krieg von einem norwegischen Diplomaten geschenkt worden ist. Oft sehe ich Singschwäne auf dem Wohldorfer Mühlenteich schwimmen. Sie sind kleiner und haben einen gelben Schnabel.

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Schwäne in Hamburg-Wohldorf. Neben den Höckerschwänen, die auch in London ansässig sind, leben hier auch Singschwäne. Sie verstehen sich gut untereinander.

George hört interessiert zu, ohne zu antworten. Nach einer Pause präsentiert er einen neuen Gedanken: Delfine und Wale gehören auch dem Königshaus. Was soll das jetzt heißen? Nun, falls man einen gestrandeten Wal an der britischen Küste findet, dann darf man ihn nicht einfach in die Badetasche stecken und mitnehmen. Jedenfalls nicht im Stück. Der Kopf ist umgehend dem König zu übergeben und der Schwanz gehört der Königin. Das Gesetz wurde zu Zeiten gemacht, als noch keine Queen regierte. Deshalb weiß man nicht so genau, wie es aktuell anzuwenden ist. Ich würde es den Windsors selbst überlassen, ich bin sicher sie werden sich schnell einig. Oder, vielleicht noch besser, man tut so als hätte man gar nichts gesehen, wenn mal wieder ein Blauwal, an der Düne, mausetot auf dem Rücken liegt.

George nickt anerkennend. So machen wir es. Und schon hält er an einem netten Gartenrestaurant und fragt mich erwartungsvoll: Wie wäre es mit Ente? Thanks, currently I would prefer a vegetarian dish.

* * *

dolphinKaum habe ich diesen Beitrag geschrieben, da grabbelt mir George die Zeitung vom 15. Juli heraus und zeigt auf einen Artikel unter “Vermischtes”. Dort steht, dass ein Delfin in Bridgewater, Somerset, gestrandet ist. Das tote Tier ist fast fünf Meilen landeinwärts geschwommen und dann am Ufer des Flusses verendet. Nun, die Helfer, die ihm leider nicht mehr helfen konnten, werden wohl wissen was jetzt zu machen ist. In den nächsten Tagen wird dann wohl ein Eilpaket im Buckingham Palast ankommen.