Die zweite Hitzewelle wabert durch London. Heute sollen es noch einmal 37 °C werden, genau wie in Hamburg, Berlin oder Köln. Da sogar bis an die 40 °C. Trotzdem geht der Engländer schon sehr besonders mit den Wetterkapriolen um, – oder sind es inzwischen normale Sommertemperaturen?-, denn ab heute wird vor dem Totalausfall des Zugverkehrs gewarnt. Man ist fest davon überzeugt, dass drei Tage Hitze für die Schienen zu viel sind und deshalb erwartet man in Kürze gestrandete Züge, die widerstandslos ins Gleisbett einsinken. Der Engländer schätzt solche Gedankenspiele, irgendwie reizt ihn das Katastrophenszenario. Nicht, dass er irgendetwas vorbeugend unternehmen würde, das liegt ihm ganz fern, aber er mag gerne wetten und sucht deshalb immer nach Gründen, um in den nächsten Betting Shop zu eilen. I bet five pounds on the roof collapse. Alright, I’m in.

 

Sommerhitze an der Themse, Southbank. Aber vorsicht, gestern sind drei Menschen im Fluß ertrunken. Einer nahe Westminster Bridge, die anderen auch mitten in London. Wer ins Wasser fällt, und die Treppen können sehr glitschig sein, hat kaum eine Chance, denn die Strömung ist gewaltig. Dort freiwillig baden zu gehen ist lebensgefährlich.

 

Die Nächte sind tropisch. George strahlt Hitze wie ein geöffneter Backofen ab, also schlafen wir getrennt. Das mag er nicht, er fügt sich aber den Ratschlägen, die im Radio bekannt gemacht wurden: ‘Keep the windows closed and no cuddling.’ Morgens hat er schlechte Laune und beschwert sich bei mir: “If you can’t sleep, maybe you should try adopting an optimistic, can-do attitude.” Witzbold. Damit spielt er natürlich auf die politische Lage an, die sich gestern dramatisch geändert hat. Boris Johnson wurde von der Queen als Prime Minister*) benannt und begann noch am selben Tag mit dem Großreinemachen. Reihenweise Rausschmisse, etliche Rücktritte, aber auch viel Entschlossenheit. Schon am Abend stand fest, wer in seinem Kabinett sein wird. Von seinem Antrittsbesuch bei der Königin habe ich nur Fotos gesehen, dort macht er einen artigen Diener und scheint sich vorher noch schnell die Haare gekämmt zu haben. Anschließend patschte er erst mal ins Fettnäpfchen, weil er verriet, was die Königin zu ihm sagte. Ich finde das nicht schlimm, denn ich glaube nicht, dass er Staatsgeheimnisse ausplaudern wird. Sie soll die Unterhaltung mit einer höchst berechtigten Feststellung gestartet haben: “I don’t know why anyone would want the job.”

*) Her Majesties Vierzehnter, kein Wunder, dass es mit Frau May schiefging.

 

Foto vom Antrittsbesuch bei der Queen. Lustig, vorm Kamin steht ein Dyson Cooler. Im Winter hat sie dort einen kleinen Heizofen stehen. Irgendwie sehr normal und liebenswert. Andere würden sicherlich den Klimafachmann bemühen und eine sündhaft teure Anlage einbauen lassen. Lustig auch die Handtasche am Arm, schließlich ist man im Wohnzimmer.

 

Man mag zur Person des Boris Johnson stehen wie man will, eines lässt sich nicht verleugnen. Er hat es geschafft, die Menschen mit seiner Antrittsrede zu begeistern. Es war, als würde sich ein zäher, grauer Nebel, nach drei endlosen Jahren, endlich auflösen. Boris präsentierte die Ur-Tugenden der Briten: Wortwitz und ansteckende Zuversicht. Erst als ich seiner Ansprache in der Downing Street lauschte und sie später noch einmal nachlas, wurde mir klar, wie fade Theresa May und auch ihr stets zugeknöpfter Schatzmeister sich präsentiert hatten. Ich genoss die wunderbare Wort-Akrobatik, des Boris Johnson. Die Rhetorik, die ich beim Engländer so liebe und seine Fähigkeit beim Zuhörer witzige Bilder im Kopf entstehen zu lassen, indem er mit den Worten spielt und Anstöße in die Richtung gibt, wo man unweigerlich lachen muss (… never mind the backstop, the buck stops here.).  Er wies darauf hin, dass die ‘doubters, the doomsters and the gloomsters’ falsch gelegen hätten und setzte nach mit den Worten: “The people who bet against Britain are going to lose their shirts.” Damit traf er ins Schwarze und in die Herzen der Menschen. Aber er hatte auch sachlich viel zu bieten, sprach genau die Punkte an, die im Argen liegen und versprach Besserung. Und zwar ab sofort, ab dem nächsten Arbeitstag. Das war überzeugend, auf jeden Fall mutmachend und auch das ist eine urenglische Eigenschaft. 

Das Parlament geht jetzt erst einmal in die Sommerferien. Morgen ist der letzte Arbeitstag, dann trifft man sich erst wieder Anfang September. Für den Premier und sein Kabinett dürfte der Fahrplan anders aussehen. Sie haben nur noch rund 100 Tage Zeit, dann ist der nächste Brexit Termin fällig. Ich kann mir vorstellen, dass es noch einmal eine Verlängerung geben wird, aber diesmal mit Fahrplan, konkreten Forderungen und Wünschen. Die Regierung ist nicht länger auf Autopilot und das fühlt sich ungeheuer befreiend an. Fast scheint es mir egal zu sein, wohin gesteuert wird, wichtig ist das Gefühl, dass überhaupt wieder ein Kurs verfolgt wird. Es müssen jetzt Abmachungen im Detail getroffen werden und der gute Wille ist sicherlich auf beiden Seiten vorhanden. End well, all good? Ich wünsche es den britischen Freunden und mir.

 

Im London Zoo, im Regents Park, kann man es aushalten. Die Tiger nehmen ein kühles Bad und die Löwen lecken an den Eis Lollis, die man ihnen mit Fleisch Einlage zubereitet hat. Übrigens finden an den Wochenenden, mittags + nachmittags, open air Konzerte im Park statt. Kostenfrei.