Wußten Sie, dass die Apotheker Rundschau eine der auflagenstärksten Magazine Deutschlands ist? Wahrscheinlich weil das Blatt kostenlos verteilt wird, schließlich ist es nix anderes als ein Werbemagazin der Pharmaindustrie. Aber man versteht sein Handwerk und verkauft die Pillen, Salben und Einlagen so interessant, dass es zum Lesevergnügen wird. Die Engländer haben den Trick natürlich längst nachgemacht. Vielleicht waren sie sogar die Vorreiter, es würde mich nicht wundern. Eine besonders unterhaltsame Lektüre bietet das Journal of Sexual Medicine seinen Lesern. George hat sich in den Aufmacher vertieft: ‘Regular sex is good for the heart’. Im Untertitel lese ich ‘but only if you’re a man’; das verschweigt er mir. Nun gut, mein Thema ist ein ganz anderes und dazu habe ich jede Menge Fragen. Gut also, dass er da ist. Mich interessiert der Londoner Millennium Dome, der in diesen Tagen seinen zehnten Geburtstag feiert. Sie kennen das Gebäude ganz bestimmt, denn man sieht es schon beim Anflug auf die Stadt. Es ist das große runde Zelt auf der Greenwich Halbinsel, am Südufer der Themse. Es ist besser unter dem Namen ‘O2 Arena’ bekannt.

 

Die O2 Arena ist aus der Luft deutlich zu sehen. Sie steht auf der Greenwich Halbinsel. Links liegt die Isle of Dogs. Darauf sind die markanten Hochhäuser der City errichtet worden. Am rechten Bildrand sieht man die Landebahn des City Airports, aber wir fliegen weiter bis nach Heathrow, weit im Westen Londons.

 

Das kreisrunde Ding ist wirklich riesig. Es soll die Fläche von 12 Fußballfeldern haben oder, was ich mir besser vorstellen kann, man kann bequem den Eiffelturm liegend darin unterbringen. Dabei ist es eigentlich nur ein Zelt, gehalten von starken Stahlseilen. Eine aufregende Konstruktion, die pünktlich am 1. Januar 2000 eingeweiht wurde. Aber das ist doch schon siebzehn Jahre her, wieso feiert man erst jetzt den 10. Jahrestag? Die Frage geht an George, aber der kontert erst mal mit einer Gegenfrage: “Did you know that having sex several times a week can lead to better circulation and healthier blood vessels in men?” “Nein, das habe ich nicht gewußt.” “And heart disease is the biggest killer in Britain.” “Auch ich kann zum Killer werden, wenn du nicht endlich meine Frage beantwortest.” Und so erfahre ich dann doch noch die Geschichte des Millennium Dome, die gar nicht glücklich begann. 

 

Mit der Fähre ins Konzert. Vom Schiff hat man den besten Blick auf die O2 Arena. Und hinten rechts sind die Bankenhochhäuser der City zu sehen.

 

Weder Presse noch Öffentlichkeit waren von dem gigantischen Zeltbau überzeugt. Dann schlug auch noch der Blitz ein und am nächsten Morgen titelte die Zeitung: ‘Even God doesn’t like the Millennnium Dome …’. Nach einem Jahr wurden die Pforten schon wieder geschlossen, allerdings war das auch so geplant. Was sollte nun mit dem provisorischen Bau geschehen? Erst einmal ließ man ihn leer stehen. Trauriger Höhepunkt war dann die kurzfristige Öffnung zum Weihnachtsfest 2003. Es war ein ungewöhnlich kalter Dezember und man ließ Obdachlose in der Halle schlafen. War das nun die Bestimmung der Event Arena? Sicherlich nicht.

Noch vor ca. 15 Jahren war die Greenwich Halbinsel, auf der das Zelt errichtet wurde, übelste Industriegegend Londons. Dort hatte British Gas seine Produktionsstätten und die ganze Gegend war total verseucht. LKW’s mußten durch eine Reifenwaschanlage fahren, bevor sie auf die Straße durften. Ohne Atemschutz konnte dort niemand arbeiten. Das war also nicht gerade der Ort, wo man einen entspannten Abend verbringen möchte. Die Londoner wußten es und blieben fern. Während dessen wurde der kontaminierte Boden ausgetauscht und das ganze Gebiet vollständig saniert. 

 

Der interessantes Anfahrtweg geht durch die Luft. Die Cable Car bietet eine Seilbahnfahrt über die Themse an. Man landet direkt vor der O2 Arena. Leider nicht meine Sache, denn ich bin nicht schwindelfrei. Ansonsten ist die Dingl-Dong bestimmt erste Wahl um ein Rockkonzert anzufliegen. Im Fahrplan sind die ‘flight times’ zu finden.

 

Dann entschloss sich die Regierung, damals unter der Leitung von Tony Blair, zu einer ziemlichen Wahnsinnstat. Man nahm jede Menge Geld in die Hand und beauftragte einen Architekten den Millennium Dome wiederzubeleben. Von außen sieht es noch immer wie ein Zeltbau aus, aber tatsächlich hat man ein vollständiges Gebäude hineingebaut. Die Arena, dort wo Künstler aus aller Welt fast täglich auftreten, ist nur ein Teil des Komplexes. Daneben gibt es Kinos und unzählige Restaurants, Pubs und Bars. Wer per Auto kommt, fährt durch den Blackwall Tunnel unter der Themse durch und landet direkt im kostenfreien Parkgeschoss. Weil die meisten Underground fahren, wurde auch gleich eine nagelneue Station (North Greenwich, Jubilee Line) vor die Tür gebaut. Ich aber bevorzuge die Anreise per Schiff, mit dem Thames Clipper, einer Fährverbindung ab Westminster Palace. Diese Schiffe fahren alle zwanzig Minuten bis spät abends, sind preisgünstig und bieten die beste Sicht auf die Stadt. Man kennt sie auch unter dem Namen ‘River Bus’. Sie sind Teil des öffentlichen Verkehrsverbundes TfL.

 

Die Themse hat nicht nur zahlreiche Brücken sondern auch einige Unterquerungen. Das hier ist der Blackwall Tunnel, der einen direkt zur O2 Arena am Südufer des Flusses führt.

 

Am 24. Juni 2007 öffnete der Millennium Dome ein zweites Mal seine Türen. Jetzt unter dem Namen ‘O2 Arena’, obwohl der eigentliche Besitzer seit damals die Fa. AEG ist. Nein, das sind nicht die Deutschen Werke, sondern eine amerikanische Entertainment Gesellschaft (Anschutz). Das erste Konzert wurde mit dem Musiker Bon Jovi auf der Bühne gefeiert und seitdem ist die Arena eine einzige Erfolgsgeschichte. Es gibt kaum jemanden, der dort noch nicht die Massen begeistert hat. Ob nun die Rolling Stones spielten oder Michael Jackson eine Presskonferenz hielt. Ich erlebte vor zwei Jahren den gealterten Paul McCartney auf der Bühne, der aber noch immer hinreissend gute Musik macht. Während der Olympiade 2012 diente die Halle den Turnern. Und zwischendurch gibt es immer wieder Sportgroßveranstaltungen, wie Boxkämpfe oder Eishockeyspiele, die genauso ausverkauft sind, wie Konzerte von Adele.

 

Man muß mich lange überreden, damit ich zum Live Konzert mitkomme. Aber wenn man dann in der Arena steht, reisst einen die Stimmung einfach mit. Ein Künstler in der Mitte und rundherum kocht der Saal.

 

Die Presse urteilt längst einstimmig begeistert über den Muskiktempel der Extraklasse. ‘It is London’s answer to the Eiffel Tower’ oder ‘We will say to ourselves with pride: this is our Dome, Britain’s Dome. And believe me, it will be the envy of the world.’, wie es Tony Blair im Februar 1998 formulierte. Damit hat er Recht behalten. – Ich habe mir den Besuch des Konzertes von Neil Diamond gewünscht. Mit viel Aufwand hat George Karten bekommen, Ende Oktober ist es soweit. Erst danach erfuhr ich, dass Neil bereits einen Monat vorher in Hamburg Station machen wird. Macht nix, denn der Mann ist so gut, auf den warte ich so lange wie es dann eben sein muß. George hat sein Magazin zur Seite gelegt und scheint wieder real anwesend zu sein. Jedenfalls schaut er hoch und beginnt eine Unterhaltung: “How will we do it from now on?” “Reden wir noch immer vom Sex?” “Of course. The best results were found in men claiming to have sex at least twice a week, and the poorest in men having the fun less than once a month.” Das ist eine weite Spanne, also schlage ich mal den goldenen Mittelweg vor. Während der heißen Sommermonate sollte einmal die Woche plus Rasenmähen reichen. So kommst du locker auf die gewünschten Effekte und alles ist bestens durchblutet. Er stimmt strahlend zu. “Wonderful, so everything in our garden is lovely and hunky dory.” Genau, alles ist in Butter.