Das schöne Wetter pausiert in London. George behauptet der Brexit sei Schuld. “Quatsch!” “But the weather turns last Wednesday.” “Na ja, das stimmt schon.” Wir wollen trotzdem etwas im Freien am Sonntag unternehmen und streiten noch, ob wir lieber nach Mortlake an der Themse fahren oder einen Abstecher nach Spittalsfield machen. Morgen nachmittag wird das legendäre Ruderbootrennen zwischen Oxford und Cambridge ausgetragen. “This ian event not to be missed”, plädiert George, der klar für Cambridge fiebert. Er hat sich schon mal in der Zeitung den Plan ausgeschnitten, der die besten Zuschauerplätze zeigt. Ich schaue kurz drauf und muß laut lachen. Das ist ja mal wieder typisch, denn ganz nebenbei werden da auch gleich sechszehn Pubs erwähnt, die man unbedingt während des Rennens besuchen sollte. Charmant finde ich allerdings immer wieder, dass der Engländer kein Geheimnis um seine Schwächen macht.

 

 

Gleichzeitig findet ein Ziegenrennen mitten in London, beim Bahnhof Spitalfields statt. Ein Tier wird im dunklen Dress antreten, das ander in hellblau. Das sind die klassischen Farben der beiden Universitäten und jeder weiß was damit gemeint ist. Es könnte ein lustige Sache werden, allerdings alkoholfrei läuft auch das nicht ab.

 

 

Ich bin aber erst einmal mit etwas ganz anderen beschäftigt. Ich will was Gutes tun und habe mich für einen Animal Zoo entschieden, den ich ab sofort finanziell unterstützen werde. Es ist nicht der große Zoo im Regent’s Park, sondern eine kleine Urban Farm in Hounslow. Das liegt im Süden, zwischen Windsor und Richmond. Eigentlich gleich neben dem Flughafen Heathrow. Wir sind manchmal dort, denn George holt sich dort gerne Tipps, beispielsweise für die Bienen. Das Motto der Zoobetreiber, -früher war das der Exotic Zoo London-, lautet: Our mission is to built London’s Largest Rescue Center for smuggled, abused and imported exotic animals. Ein Ziel für das sich auch Prinz Harry engagiert; ich bin also in guter Gesellschaft. 

 

Die Urban Farm in Hanslow liegt gleich neben dem Airport Heathrow. Vor dem Umzug nach Süd-London nannte man sich Tropical Zoo. Gestrandete Tiere werde hier aufgepäppelt. Manche kommen geschmuggelt im Flugzeug nach London. Andere sind sogar im Paket über das Internet gekauft und verschickt worden. Aber auch Schweine, Ponies und Esel sind auf der Urban Farm zu sehen. Man wünscht sich Familien mit Kindern als Gäste.

 

Das Anmeldeformular kann ich online ausfüllen. Ich gebe George’s Adresse an, denn mit meiner Hamburger werden sie nichts anfangen können. Als ich den submit button drücke bekomme ich eine Fehlermeldung. Ich habe ein Pflichtfeld übersehen, das lässt sich schnell korrigieren. Man möchte wissen, welche Anrede ich bevorzuge. Eigentlich halte ich meinen Vornamen für eindeutig weiblich, aber gut, ich kann natürlich ‘Ms’ ankreuzen. Das ist die richtige Bezeichnung für Frauen, die zwar unverheiratet (Miss) sind, aber lieber die Anrede ‘Frau’ (Mrs) hören. Bei den Männern ist es einfach, sie werden immer als ‘Mr’ bezeichnet. So far, so good. Nun nehmen es die Engländer aber ziemlich ernst mit der geschlechterneutralen Behandlung von Mann und Frau, soweit die das wünschen. Das treibt so manche Blüte, die ich nicht mehr gut finde. Beispielsweise wenn ich nur einen Toilettenraum vorfinde, der von beiden Geschlechtern benutzt wird. Ich will weder einem Mann beim Urinieren zusehen, noch soll er mir beim Lippen nachziehen über die Schulter gucken. Aber es setzt sich in London mehr und mehr durch. Und so gibt es doch jetzt tatsächlich auch neue Titel für Mann und Frau. Die Auswahl ist genauso groß wie doof. Ich bin da ganz konservativ. Aber vielleicht gefällt es Ihnen ja? Also wundern Sie sich nicht, wenn Sie in England sind und plötzlich mit diesen Titeln angesprochen werden:

 

Mx Used by those who do not wish their gender to be known.
Misc People who say they have aspects of various genders at various times.
Ind Those who feel they are free of gender entirely
Pr Pronounced ‘per’. Abbreviation for person.
Mre Pronounded ‘mer’. An abbreviation for mystery.
Msr A combination of Miss and Sir

 

Alles klar? Na, dann kommen Sie man gut in den April. Und bei Boots in der High Street, wo wir alles von Zahnpasta bis Aspirin einkaufen, bleibt die Anrede ganz sicher beim bekannten “Hi love”, egal ob ich oder George an der Theke stehen. An der Kasse flötet mir die Verkäuferin dann noch ein lächelndes “Leave yourself the time you need, darling” zu und dann weiß ich oft wirklich nicht, bin ich nun Frau oder Mann?