England ist den blöden Brexit leid. Cartoonist Matt Pritchard bringt es im Daily Telegraph auf den Punkt.

Die Ferienzeit geht langsam zu Ende. Die deutsche Kanzlerin ist wieder in Berlin und agiert ab sofort im ‘Wahlkampfmodus’. Was immer das sein mag, ich erkläre es mir ähnlich wie die Tasten am iPlayer. Ein Pfeil > bedeutet ‘Vorlauf’, zwei Pfeile >> stehen für ‘schneller Vorlauf’. Also Wahlkampfmodus = zwei Pfeile. Auf jeden Fall ist das Faulenzen vorbei, ab sofort steht der deutsche Politiker wieder in Pflicht und Verantwortung. Das geht natürlich nur mit ernster Mine und tadellosen Auftritt. In England kann man diesen Tugenden wenig abgewinnen und deshalb macht es auch nix, wenn Theresa May aus Italien twittert: “It’s so nice here, we stay another week.” Und das meint sie ernst, sie bleibt mit Ehemann Philip eine vierte Woche in den Bergen. Das ist selbst bzw. gerade für englische Verhältnisse ungewöhnlich lange. Immerhin ist David Davis, der Brexit Sonderminister, wieder in der Downing Street aufgetaucht und so könnten die Verhandlungen mit der EU dann wohl wieder aufgenommen werden. Langsam muß mit dem ‘rum-Geeier ja mal Schluß sein, auch hier gilt Wechsel in den ‘>> Modus’. Und deshalb war ich schon sehr gespannt, mit welchen neuen Ideen Double-D in die Verhandlungen mit Brüssel starten wird. Ein Blick in die Zeitung genügte, um es nachzulesen. O-Ton David Davis: “It’s ‘mad’ that Big Ben’s bongs would be silenced for four years and tells those working on the renovation to ‘just get on with it’.” Wie bitte???

In der ganzen Tageszeitung kein Wort über den Brexit. Keine Zeile über Englands Zukunft. Dafür aber ein Aufschrei der Empörung über die vierjährige Renovierung von Big Ben und seinem Turm. Dass ausgerechnet Davis den Bauarbeitern zuruft, sie sollten mal ein bißchen schneller arbeiten, ist ein Witz in sich. Wenn sich jemand für die Planung Zeit nimmt, dann doch wohl die Brexit Abteilung der englischen Regierung. Aber ich will das gar nicht kritisieren, denn eigentlich gefällt mir ihre unaufgeregte Vorgehensweise recht gut. Sie zeigt deutlich, dass der Engländer die Prioritäten oft ganz anders setzt, als wir es machen würden. Was wir dann natürlich sofort als ‘grottenschlecht und ganz falsch’ einstufen.

 

Big Ben diente schon oft als Filmkulisse. Von Mary Poppins bis James Bond. Die Regierung kommunizierte via Big Ben mit den Erpressern und liess die Glocke um 6 Uhr sieben mal schlagen. Das hätte jeder Londoner sofort gemerkt. Bullshit.

 

Mich hat die emotionale Argumentation gegen die lange Renovierungszeit von Big Ben neugierig gemacht. Es war das heutige Topthema aller Nachrichten. In der Tat fragte man sich, wieso die Instandsetzung des Turmes und der Uhr vier volle Jahre dauern soll. Und warum die Glocken die ganze Zeit schweigen müssen. Sie sollen nämlich nicht restauriert werden. Aber bis auf ganz wenige Ausnahmen, wie Remembrance Day (11. Nov.) und New Years Eve, wird Stille herrschen. Der Grund ist der Lärmpegel, den sie verursachen. Big Ben macht einen solchen Krach, dass die Arbeiter Gehörschäden davon tragen würden. Sie könnten zwar Ohrstöpsel benutzen, aber dann können sie sich auch untereinander nicht mehr verständigen. Das geht also nicht. Und die lange Umbauzeit wird von den Verantwortlichen (ein Parlamentsausschuß unter Leitung des Speaker John Bercow) mit den geplanten Arbeiten begründet. Irgendwie etwas vage, denn es gibt wohl keinen echten Projektplan. So kann man nur einige Highlights nennen, darunter eine (!) Besuchertoilette. Nun ja, eine solche gibt es bisher tatsächlich nicht. Ein weiterer Punkt im Bauplan ist die Installation eines Personenaufzugs in den Elizabeth Tower. Bisher laufen die Besucher die elf Stockwerke zu Fuß hoch. Der Lift ist allerdings gar nicht für faule Touristen gedacht, sondern nur für den medizinschen Notfall. Falls jemanden die Puste ausgehen sollte, -ich hätte größtes Verständnis-,  dann kann der alarmierte Rettungsdienst die/den Verletzte/n per Lift nach unten befördern. Irgendwie leuchtet das Argument aber niemanden ein, denn der geplante Aufzug kann aus bautechnischen Gründen nicht die volle Höhe des Turmes erreichen und damit auch nicht die Besucher im oberen Uhrenstübchen.

 

Die vier Zifferblätter werden rückwärtig von Lampen angestrahlt. Dann scheinen die 312 Opalscheiben im warmen gelben Licht durch die dunkle Nacht. Hoffentlich bleibt wenigstens das während der Bauszeit erhalten. Ich fürchte aber eher nicht, denn die Lampen sollen ausgestauscht werden.

 

Die Londoner sind nicht nur sauer, sondern zutiefst beunruhigt. Ihre Gefühle formulieren sie klipp und klar: “The decision to silence Big Ben for four years was described as “entirely bonkers” last night as senior MPs demanded a rethink.” Das darf man mit ‘bescheuerte Idee’ übersetzten und hinter MP verbirgt sich der Abgeordnete (Member of Parliament). Also eine Staatsangelegenheit. Mit Stirnrunzeln stellt man den merkwürdigen Aufzug infrage: “What is the point in putting in a lift that will only go as far as three quarters of the way up?” Und dann bringt es einer auf den Punkt: “Big Ben is terribly important to the mental well-being of the nation.” Und genau so ist es. Dem kann ich voll zustimmen. Der Glockenschlag kann kilometerweit gehört werden und jeder Londoner, der in diesem Umkreis lebt ist tot traurig, dass ein ‘guter Freund’ für Jahre stumm bleiben soll. Das will niemand hinnehmen. Übrigens auch Maggies Besitzer nicht, denn die Hundedame kennt den sechs-Uhr-abends Glockenschlag und weiß das dann ihr Fressnapf gefüllt wird. Darauf wartet sie eigentlich den ganzen Nachmittag und man macht sich große Sorgen um Maggie, wenn Big Ben verstummen wird. Ehrlich, die schlaue Spaniel Dame kann bis sechs zählen.

 

Nett, aber leider nicht das Original. Hier klettert Peter Pan auf dem Disney Big Ben herum.

 

Von Anfang an lief es mit Big Ben unrund. Als die Glocke 1856 in Stockton-on-Tees gegossen wurde, mußte sie anschließend hunderte von Kilometern bis nach London transportiert werden. Erst mit dem Frachtsegler über die offene See und schließlich die Themse hinauf. In Lambeth wurde die 13 Tonnen schwere Glocke an Land gesetzt. Dann transportierte man Big Ben über die Westminster Bridge zum Nordufer, und spannte dazu 16 weisse Pferde vor den Karren. Als man das Ungetüm endlich in den Turm gehievt und sicher eingehängt hatte, passierte das Unglück. Die Glocke bekam noch in der Testphase einen Riss im Mantel und war damit unbrauchbar. Im April 1858 war dann die Ersatzglocke fertig. Diesmal hatte man eine Giesserei in Whitechapel gewählt und damit einen viel kürzeren Transportweg. Aber es war wie verhext, denn kaum hing Big Ben II im Turm, schon klang auch der ganz verstimmt. Wieder hatte sich ein Riß gebildet, diesmal nur ein kleiner, aber zumindest optisch vorhanden. Man reagierte auf urenglische Weise, so wie es jeder Do-It-Youself Mann noch heute praktiziert, wenn er zu Hause handwerkert. Man drehte die Glocke ein kleines Stück weiter, so dass der Haarriß nicht mehr vom Klöppel angeschlagen wurde, tauschte den vorsichtshalber noch gegen einen deutlich leichteren Hammer, und erklärte den Auftrag als erledigt. Prima, funktionierte, klang sogar gut. Am 11. Juli 1859 feierliche Einweihung von Big Ben II. Ding-dong-ding-dong. Und dann? Nun Sie ahnen es, oder? Schon im September hatte sich der kleine Riß zum großen entwickelt. Die Glocke war unbrauchbar geworden und Big Ben sah einer vierjährigen Schweigephase entgegen. Was da also heute bimmelt und ab nächsten Montag erneut vier Jahre lang schweigen soll, ist in Wahrheit Big Ben III.

 

 

Wollen wir mal hoffen, dass die heutigen Politiker es besser machen. Also nicht nur den ‘Riss’ nach hinten drehen, sondern den Turm von Grund auf renovieren. Und dass das Zeit in Anspruch nimmt, kann man sich vorstellen. Aber vermutlich werden die Handwerker keine 24 Stunden durch arbeiten und deshalb stellt sich eine sehr naheliegende Frage: “Why can’t Big Ben ring out from 5pm to 7am when building work has ceased for the day?” Falls dazu eine Umfrage gestartet wird, werde ich mich sofort beteiligen. Schließlich habe ich den Flug nach London bereits gebucht und erstmals werde ich in einem Hotel übernachten, weil George zur selben Zeit auf Reisen ist. Bei der Auswahl des Hotels war mir der Standort ganz wichtig. Ich wollte unbedingt morgens vom Glockenschlag geweckt werden. Ehrlich gesagt wäre es schon ein große Enttäuschung, wenn ich Big Ben nicht hören kann. Fast so schlimm wie die Tatsache, dass ich mich erstmals alleine in London zurechtfinden muß. Zum Glück wartet eine London erfahrene Freundin auf mich. Mal sehen was alles passiert, auf jeden Fall werde anschließend bestimmt viel zu berichten haben.

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Ein anderes Großprojekt ist übrigens endgültig vom Tisch. Die Garden Bridge wird zu teuer und findet keine Unterstützung beim jetzigen Londoner Bürgermeister Sadiq Khan. Der will verständlicherweise das Prestigeprojekt seines Vorgängers Boris Johnson nicht länger supporten. Die Londoner sehen es mit gemischten Gefühlen. Die Kosten werden auf mindestens 200 Millionen Pfund geschätzt, davon ist ein gutes Drittel bereits durch Spenden gesammelt worden, aber ohne Frage hat die Brücke keinen realen Nennwert. Sie ist einfach schön, originell und naturverbunden. Man kann sie zwar zu Fuß queren, aber notwendig ist sie sicherlich nicht. Trotzdem, sie hat Stil und sie bietet Lebensqualtität, mit anderen Worten: sie wäre sehr britisch. Man ist ein bißchen traurig, denn viele hätten das grüne Wunder gerne gesehen. Wer weiß, vielleicht ist die Sache nur aufgeschoben. Denn auch der Engländer kennt den Spruch: Postponed is not abondoned.

 

 

Der Kommentar der Londoner lautet: “It is a sad day for London because it is sending out a message to the world that we can no longer deliver such exciting projects.” Ach, so düster würde ich es nicht interpretieren, liebe Engländer. Aber versucht doch erst einmal Big Ben in Schuss zu kriegen und dann sehen wir weiter. Stand da nicht auch noch die Total-Renovierung im Westminster und Buckingham Palace an? Step by step, ihr schafft das schon.