Ich fange an mich zu wiederholen. Zitiere mich manchmal schon selbst?! Man kann es nicht leugnen, dieser Blog ist viel umfangreicher als jemals geplant oder erwartet. Eigentlich Grund zur Freude, aber es macht mir auch ein bißchen Angst, denn ich fürchte das Ende naht. Mir macht das Schreiben Spaß, den Lesern scheint es zu gefallen, und doch wird der Tag kommen, an dem nur noch Wiederholungen möglich sind. Warten wir ab.

Wenn dann aber eine meiner Geschichten eine Fortsetzung findet, dann freut es mich ungemein. Eine schönere Bestätigung kann ich mir gar nicht wünschen. Und so kann ich heute Neues über die Disco-Cattles berichten. Erinnern Sie sich? Bei einer Autotour trafen wir auf Milchvieh in knallgelben Warnwesten. Sie waren den Tieren zum Schutz übergestreift worden, denn immer wieder kam es zu Unfällen mit Autofahrern. Keine Frage, die Menschen waren viel zu schnell unterwegs, aber leidtragend waren immer nur die Tiere.

 

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Ich hatte die reflektierenden Westen eher für einen Witz gehalten, aber weit gefehlt. Das Prinzip hat sich bewährt und wird jetzt arten-übergreifend angewendet. – In und um Dartmoor leben Ponys. Sie verbringen die meiste Zeit des Jahres im Freien und auch bei ihnen sind die Weiden nicht eingezäunt. Im letzten Jahr wurden fast 60 Pferde angefahren und die Zahl ist steigend. So hat man die Idee der besseren Nacht-Sichtbarkeit aufgenommen und verbessert. Statt Warnwesten wurde den Ponys beidseitig ein Farbstreifen aufgesprüht.

 

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Die Farbe kann nachts gut von Autofahrern im Scheinwerferlicht gesehen werden. Ein Farmer sagte mir: “It’s really bright blue reflective paint, mixed with beads.”  Damit wies er auf kleine Kügelchen hin, die der klebenden Farbe beigemischt werden und die eine längere Haftung und noch bessere Reflexion garantieren sollen. 

 

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Das Sprayen der Pferde geht schnell, ist kostengünstiger als Westen zu kaufen und hat doch einen Haken: Zweimal im Jahr wechseln Ponys ihr Fell! Man hofft eine Farbe zu finden, die die Haare für immer an der Haut festkleben, -soweit das gesundheitlich nicht schadet-, ansonsten muß man nachfärben. Statt Reifenwechsel müssen die Ponys dann zum Nachlackieren. 

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George kommt früh nach Hause und erzählt den neuesten Klatsch aus dem Kollegenkreis. Von wegen nur Frauen tratschen. Das wüßte ich aber! Okay, zuhören tue ich gerne und mit aller Aufmerksamkeit. Aber natürlich nur um Land und Leute besser kennenzulernen (ha, ha, fairy tale). Diesmal muß ich aber wirklich schmunzeln, denn ich fühle mich zutiefst in meiner Einschätzung der englischen Mentalität bestätigt. 

George erwähnt nebenbei, dass die Ehe eines Kollegen wohl endgültig den Bach runtergegangen ist. Das ist wirklich nichts besonderes, kommt verdammt häufig vor, weil der Job einfach nicht familien-freundlich ist. Eine Scheidung wird (noch) nicht erwägt, ist aber auch nicht auszuschließen. Was mir nun an seinem Bericht auffällt ist die Wortwahl. Marriage-crisis, marital row oder gar separation kommt ihm nicht über die Lippen. Das wäre für das Englische Gemüt zu krass. Man möchte es stets harmonisch haben und diese Worte stören da gewaltig. In Deutschland würde man die Eheprobleme zur privaten Angelegenheit erklären und nach außen so tun, als wäre alles in Butter. Geht in England leider nicht, denn das Privatleben spielt sich überwiegend im öffentlichen Pub ab. Was also tun? Der schlaue Engländer löst das Problem einfach auf verbaler Ebene. Da ist er nie verlegen. Statt Ehekrach, Trennung oder gar Scheidung spricht er von cold-love. In dieser Bezeichnung steckt immer noch der Begriff LOVE und das ist viel optimistischer als alles andere. Machen wir nicht jeden Morgen die Erfahrung, dass es gar nicht lange dauert bis das kalte Wasser sich bereits lauwarm anfühlt. Cold-love birgt Hoffnung, Trennung ist finaler Tiefpunkt.

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Und noch einen meiner früheren Beiträge muß ich ergänzen bzw. komplett revidieren. Es gibt sie nämlich doch. England hat eine Freikörperkultur! Ich konnte es gar nicht glauben, als ich von den Nackten im White House Club erfuhr.

 

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In einer exklusiven Parkanlage, tümmeln sich sportbegeistere Männer und Frauen splitternackt! Sie schwimmen im großzügigen Außenpool oder spielen Tennis im Partner-Doppel-Modus.

Ein punktgenauer Aufschlag auf das Mittel- / Grundlinieneck geschlagen, könnte schmerzhaft werden, gibt George zu bedenken. Der es wissen muß, denn er hat einen mördermäßigen Service auf dem Tenniscourt anzubieten. Daher auch sein Nickname: Bangle (angle = Winkel, hier unvorhersehbarer Absprungwinkel des Balles und B = Kürzel, das ich nicht verrate).

 

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Die Nackten sind in Aufruhr, gleich nebenan soll ein Hochhaus gebaut werden. Deutlich höher als die dichte Hecke, mit freier Sicht auf den Tennisplatz. George grinst und gibt seinen Gedanken freien Lauf: “Sitting on the balcony, in the left hand a pair of binoculars while the right hand is playing the balls.”

Kommentarlos angel ich mir das Notebook heran. Der Nudisten-Club ist in Surrey und ich weiß mal wieder nicht wo das sein könnte. Um so größer meine Überraschung, dass der Club im südlichen London liegt, zwar am Stadtrand aber noch innerhalb der M25-Ringautobahn. 

 

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Quelle: Google-Map. Alles innerhalb der M25-Autobahn ist Greater-London.

 

“Weißt du dass es keine 20 km nach Surrey sind? Da können wir am Wochenende hinfahren und mal gucken, ob es einen Schnuppertag gibt. Es scheinen alles ältere Paare zu sein, da passen wir prima rein.” Klar, das war von mir nicht ganz ernst gemeint, eine Provokation muntert von Zeit zu Zeit auf. Aber George ist für einen Augenblick schockiert – out of order. Seine warm-braunen Augen werden dunkel-schwarz; entweder Ärger oder womöglich Angst? Jetzt mache ich den Sack zu, indem ich ihn tröstend in die Arme nehme und alles als dummen Scherz entlarve. Große Erleichterung bei ihm. Was er gar nicht mitbekommen hat, das unser Spiel längst begonnen hat. Es steht 15:0 für mich. Game, set and match.