Endlich! Seit zwei Jahren versuche ich George davon zu überzeugen, dass ein Weekend in der Einsamkeit der Scotish Highlands sehr romantisch sein kann. “No, no, never. Too cold, too lonely, and so boring.” Da ist nix zu machen, der Mann will einfach nicht über den Hadrian’s Wall ziehen. Jetzt hat das Schicksal entschieden. Eine Einladung zu einem forensischen Symposium liegt auf dem Tisch und weil er um einen Vortrag gebeten wurde, kann er schlecht absagen. Solche Fachkongresse sind eher langweilig, ziehen sich meist über ein Wochenende und setzen eine gute körperliche Kondition voraus, denn der Abend endet meistens in der Hotelbar. Damit ich ihn gar nicht erst unter falschen Verdacht stelle, darf ich mit und kann mich auf ein Hotel der Spitzenklasse freuen. Auch wenn ich tagsüber alleine bin, wird mir sicher nicht langweilig. Während George etwas über den Gebrauch von ‘Post Mortem Drug Levels’ erzählen wird, kann ich mich im Spa runderneuern lassen. Herrliche Aussichten.

 

In Schottland liegt Schee. Ein richtiges Castle wartet auf uns; innen ein Luxushotel. Egal wie teuer die Suite, auf bunte Muster mag der Brite nicht verzichten. Tapeten sind fast immer großzügig gemustert. Mich erinnert es an meine Kindheit. Ich finde es ganz lustig, solange wir es nicht zu Hause an die Wand kleben.

 

Wir fliegen von London nach Edinburgh. Ich wundere mich, dass wir eine Stunde und zwanzig Minuten für den Flug brauchen. Das ist fast dieselbe Zeit wie von Hamburg nach London (90 Minuten). Man holt uns ab und nun fahren wir noch einmal gut 100 Kilometer nordwärts, bis wir fast schon an der Atlantikküste sind. Der Ort heißt Torlundy, liegt mitten in der fantastischen, aber einsamen schottischen Landschaft, und besteht im wesentlichen aus einem gut restaurierten Schloß. Dort werden wir das Wochenende verbringen. Schottischer geht’s nicht, denke ich mir, als wir ins wirklich luxoriöse Zimmer kommen. Ein Doppelbett mit großkarierten Paradekissen und schottisch gemusterter Tagesdecke. Farblich perfekt abgestimmt. Umrahmt von einem schweren Betthimmel, der passend zum Vorhang mit einem auffälligen Blätterornament geschmückt ist. Der edle Sofabezug zeigt satt rote Streifen auf beigen Grund. Dasselbe Muster schmückt den bequemen Ohrensessel, dort aber mit einem zusätzlichen blauen Strich. Die Tapete ist lindgrün gestreift und der Teppich, zum Glück, nur einfarbig senf-braun. Das hört sich bunt an und sieht doch sehr edel aus. Allerdings würde ich mir selbst die Farb- und Musterauswahl nicht zutrauen, da kann man schnell daneben greifen.

 

George hält Vorträge und ich mache interessante Beobachtungen im See, vor dem Castle Hotel. Ich halte alles akribisch in meinem Skizzenblock fest. Er verlangt Beweise; die kann er bekommen.

 

Im letzten Moment ändert George seinen Vortrag. Es referiert wahrlich nicht zum ersten Mal über sein Fachgebiet und hat deshalb wohl gut ein dutzend Themen abrufbereit im Kopf. Statt ‘Drug Level Tools’ jetzt also ‘Identification Science’. Das ist ein weites Feld, da kann er wie ein Hase von brauchbarer Spur zu Spur springen. Was ihm allerdings noch fehlt ist ein witziger Einstieg. Der Engländer begrüßt seine Zuhörer stets mit einem guten Gag. Sobald der Saal lacht, ist die Schlacht gewonnen. Ich bin zwar so gut wie nie dabei, glaube aber dass das typisch englisch ist.  Deutsche Akademiker bevorzugen ein andächtig schweigendes Publikum. Wahrheit und Humor kriegen sie nicht unter einen Hut. Der Engländer aber tut alles, um die Stimmung anzukurbeln. Wenn sich der erste die Lachtränen vom Gesicht wischt und ein Kollege um Sauerstoff bittet, weil ihm die Luft weg bleibt, dann entwickelt sich der britische Medizinerkongress ganz wie gewünscht.

Ich habe zum Glück den Daily Telegraph dabei. Dort werden wir den richtigen Einstieg für George’s Vortrag finden. Gestern wurde Donald Trump in sein Amt eingeführt und natürlich hat Cartoonist Matt Pritchard die Gelegenheit genutzt. Ich mache George eine Kopie des gezeichneten Witzes und damit kann er starten. Die Schlacht ist so gut wie gewonnen.

Wenn ich aus dem Fenster schaue, -eine gold gestrichene Badewanne steht frei vor einem solchen-, dann sehe ich das Meer bis zum Horizont. Ganz hinten könnte eine Landschaft im Nebel versteckt sein. Ich tippe auf Neufundland, aber George erzählt mir später, dass es wohl eher die Isle of Mull gewesen wäre. Ein in der Sonne glänzender See streckt sich malerisch schön in die Landschaft, liegt aber auf der anderen Seite des Hotels. Wann immer ich ihn sehen kann, schiebe ich mir die Brille auf die Nase. Irgendwo da draußen muß Nessie zu finden sein. Wenn sie auftaucht will ich es nicht verpassen.

Aber auch hier bringt mich George auf den Boden der Tatsachen zurück. Nessie lebt weiter nördlich. Wir sind hier am Loch Linuhe. Dann kommt Loch Lochy und erst dahinter Loch Ness. Aber irgendwie hängen die alle zusammen und ziehen sich schnurgerade durch das Land. Tatsächlich ist die ganze nördliche Landmasse gar nicht mehr britisches Mutterland, sondern Ur-Amerikanischer Boden. Irgendwann vor Jahrmillionen Jahren hatte sich dieses Stück losgerissen, war quer über den Atlantik getrieben und dann hier im Schottischen Norden gegen die Insel gestoßen. Da ging es dann nicht mehr weiter und so wuchs man schließlich zusammmen. So gesehen war meine Vermutung in der Wanne goldrichtig: Da ganz hinten am Horizont war nämlich doch Neufundland, auch wenn man es heute Schottland nennt.

Meine Nessie-Skizze, die ich gleich nach Sichtung angefertigt hatte, überzeugt George noch weniger. Er hat zwar keine Zweifel an meiner Beobachtung, aber meine Schlußfolgerung “.. das kann nur Nessie gewesen sein”, lässt er nicht gelten. Weiß er doch nur zu gut aus eigener Erfahrung, wie schnell Zeugen sich täuschen lassen. Er schaut sich die Skizze ein zweites Mal an, kneift die Augen zusammen und greift zum Stift. Schwungvoll ergänzt er meinen handgefertigten Beweis.

 

 

 

Da klopft der Zimmerservice, der bestellte Afternoon Tea wird serviert. Wir lassen bitten. Und als der Kellner alles aufgebaut hat und sein diskret gereichtes Trinkgeld wegsteckt, da will ich dann auch mal sehen, was man denn hier so zum Tee anbietet. Wow! Das haut mich wirklich um. Ein fürstlich gedeckter Tisch wurde uns in Windeseile kredenzt. Wir lassen es uns schmecken und hoffen, dass Nessie noch lange unentdeckt bleibt. Es gibt zwar tausend gute Gründe das schottische Hochland zu besuchen, aber sie ist sozusagen das Sahnehäubchen im Schottenurlaub. “Let’s start with tea for two.” “Eine gute Idee.”