Letzte Woche war ich in der Londoner City unterwegs und kam in den Berufsverkehr. In der Tube standen die Leute dicht gedrängt im Gang, jeder passte aber auf, dass er ja nicht den Nebenmann berührte. Auch nicht an den Stangen, den sogenannten ‘poles’, wo alle einen festen Halt suchen. Körperkontakt in der Öffentlichkeit! Um Gottes Willen nein, das geht gar nicht. Der Zug rattert Richtung Barnet, bald bin ich zuhause. Auf einmal singen ein paar Leute: “Happy birthday to you …”. Ich konnte sie nicht sehen, sie waren weiter hinten im Wagon, hinter all den Pendlern versteckt, die auch nach Hause möchten. Es war ungewöhnlich aber nett, alles harmonisch. Ein Mann neben mir zeigt ein Lächeln, guckt dann aber schnell zum Boden und fixiert dort die eigenen Fußspitzen bis er endlich aussteigen kann. Die anderen Fahrgäste schauen weiter in ihre Tachenbücher, die sie schon die ganze Fahrt aufgeschlagen in der einen freien Hand halten. Ich merke ihnen an, wie sie sich bemühen bloß keine Reaktion zu zeigen. Weder verbal, geschweige denn per Augenkontakt. Da sind die Engländer merkwürdig, in der U-Bahn stellen sie sich kollektiv tot. Oder tun zumindest so, als wären sie ferngesteuerte Roboter. 

 

Die Londoner Underground wird Tube genannt. Die Bahnsteige sind oft schmal und voller Pendler. Aber die Züge verkehren im 3-Minutentakt, man muß nie lange warten. Eigentlich ist das U-Bahn Fahren in London ziemlich einfach. Jedenfalls für mich als Hamburgerin.

 

George fährt selten mit der Underground, er leistet sich die teuere C-Plakette am Auto, die ihn als City Maut Zahler ausweist. Damit kann er dann ganztägig durch London brummen. Das ist zwar auch nicht schneller als zu Fuß zu gehen, aber man sitzt wenigstens, wenn auch nur hinterm Steuer. Am Montag morgen war er aber mit einem Kollegen sehr früh unterwegs und kam schon im Berufsverkehr zurück nach Hause. Er sprang am King’s Cross Bahnhof einfach in die Tube, die ihn in 16 Minuten nach Hampstead bringen würde. Mit dem Auto hätte er dafür mindestens 45 Minuten gebraucht. Von unterwegs hat er sich kurz bei mir gemeldet, damit ich das Frühstück rechtzeitig fertig habe. Das war so gegen halb zehn. Um kurz vor zwölf war er dann da, stellte sich in die Tür und brüllte los: “How on earth can this still be going on from 9.45 this morning! Completely unacceptable!” “Hallo Schatz, schön dich zu sehen.” “We were trapped on stationary Tube trains between stations for more than an hour because of the power failure.” Oha, der Mann war gestrandet. Den Ärger konnte ich verstehen, denn sein Zug war einfach zwischen zwei Stationen stehen geblieben und es dauerte fast eine Stunde bis die Reise weiterging. Die Waggons waren natürlich nicht klimatisiert, dafür aber voll bis auf den letzten Platz. Er hat die Situation britisch gemeistert, also keine Mine verzogen und sich stur auf die Schweißperlen konzentriert, die ihm den Rücken runterliefen. Er hätte sich auch die Jacke ausziehen können, den Kragen öffnen, die Krawatte lockern und vielleicht sogar die Manschetten hochkrempeln können. Aber nix da, das wäre ganz und gar unenglisch gewesen. Ganz schlechte Manieren. Statt dessen holt er das jetzt alles in der Küche nach. In Windeseile entledigt er sich eines Teiles seiner Klamotten und steht mit nackten Oberkörper vor mir. “Willst du so bleiben?” 

 

Zuhause macht sich der Engländer gerne frei. In der TV-Kultserie ‘Friday night dinner’ wurde das zum zentralen Thema gemacht. Feinster britischer Humor.

 

“I hate the Tube. While twiddling my thumbs in the tunnel wasn’t an enjoyable experience. And then the smell of cheesy crisps from the bloke who took food on the tube. Believe me that was hell.” Eigentlich ist die Londoner Underground eine schnelle und preiswerte Art die Stadt zu erkunden. Mit dem Bus ist man deutlich länger unterwegs. Obwohl ich eigentlich mehr der Bus-Typ bin, denn ich liebe es gerade im Sommer auf dem Oberdeck zu sitzten und mir all die schönen Häuser runderherum anzusehen. Aber für täglich ist die Bahn besser oder man geht gleich zu Fuß. Weil aber die U-Bahnen oft sehr voll sind, sollte man gerade auch als Tourist ein paar Dinge vermeiden, die einem garantiert keine Sympathien einbringen. Als erstes sollte man darauf achten kein Hindernis für andere zu sein. Während man sich beispielsweise brav in die Schlange vor den Sperren einreiht, nutzt man die Zeit und kramt schon mal rechtzeitig nach der Oyster Card. Fängt man damit erst an, wenn man bereits dran ist, wird sich zwar niemand laut beschweren, aber Sie blockieren damit ganz London und das lässt man Sie auch fühlen.

 

Am Bahnhof sind Zugangssperren. Die Leute legen ihre Fahrkarte (Oyster Card) auf den gelben Leseknopf, dann öffnet die Sperre und man kann zum Bahnsteig durchgehen.

 

Touristen haben ja oft Rucksäcke bei sich. Oder sogar Koffer. Das ist ein Problem, denn in der Tube ist für jeden Fahrgast genau soviel Platz vorgesehen, wie ein normal gewachsener Mensch stehend braucht. Also nimmt Ihr Reisegepäck einem anderen Passagier den Platz weg. Ein Rucksack gehört deshalb spätestens beim Einsteigen vom Rücken genommen. Halten Sie ihn in der Hand oder setzten Sie sich meinetwegen drauf, damit signalisieren Sie Kompromissbereitschaft und das wird man mögen. Falls Sie zu zweit unterwegs sind, dann bitte keine lauten Unterhaltungen. Auch nicht ins Handy sabbeln. Während der Fahrt gilt strikte WhatsApp Benutzung. Ein WLAN ist in den meisten Linien verfügbar. Der Londoner wird Ihnen die Stille danken. Und Sie wissen ja, niemals einen anderen Fahrgast in die Augen sehen. Geschweige denn eine Unterhaltung beginnen. Nie. Never.

 

“Ich könnte schwören, ich hätte da eben Sherlock gesehen.” “You did, darling, you did.”

 

George fügt noch seinen Ärger über Frauen mit übergroßen Handtaschen hinzu: “The bane of my life are women with enormous leather shoulder bag things which they insist on having over their shoulders as they pass down the aisle of the train. They are clouting everyone round the back of the head as they pass. Take that bloody bag off your shoulder and carry it in your hand!” Da hat er natürlich recht und überhaupt gelten in London wie überall die Regeln der Höflichkeit und Umsicht. Selbstverständlich steht man auf, wenn ein älterer Mensch einen Sitzplatz braucht. Dasselbe gilt für Schwangere … “… but pregnant women also need to learn to be polite. They can’t bark orders to get up. Some people have lower back pain and other more serious issues than being pregnant.” “Na, du muß das ja wissen. Aber du solltest es einer Schwangeren nicht laut sagen. Die wird dir was erzählen, von wegen Rückenschmerzen.” – Es ist zwar inzwischen Mittag geworden, aber das hält den Engländer nicht davon ab ein herzhaftes Frühstück mit Schinken, Ei und Würstchen zu verdrücken. Immerhin hat George inzwischen ein T-Shirt gefunden und übergestreift. Ich mag ihn leiden. Er hat kräftige Arme, sie sind braungebrannt und für sein Alter ist er ein attraktiver Mann. Aber niemals würde er so in die Stadt gehen. Ohne Krawatte? Nein, das geht nicht. Man muß doch die Mindestregeln des guten Benehmens einhalten und dazu gehört auch eine ‘anständige’ Kleidung. Ich akzeptiere es, finde es ganz lustig, und weiß es ausgesprochen zu schätzen, dass in den eigenen vier Wänden den Emotionen freier Lauf gelassen wird. Aber ich bin auch jemand, der es gerne hat, wenn die Dinge geregelt sind. Wie sagte schon mein Großvater: “Never brown in town.” Und damit war der Anzug gemeint.