Der Irrsinn muß beendet werden. Das dachte ich ich mir gestern, als George ganz nebenbei erzählte, er wäre der Queen begegnet. “Today I met the queen, caught in a jam.” Schon wechselte er das Thema. Ich bin noch längst nicht fertig seine Bemerkung Wort für Wort gedanklich zu übersetzten, um sie zu verstehen.

Das man der Königin in London begegnen kann scheint mir durchaus möglich, aber wieso klebte sie in der Marmelade? Hat George im Buckingham Palace gefrühstückt? Oder war Majestät in Eile und liess bei Starbucks halten????? 

Es dauerte ewig, bis ich begriff was er mit “jam” (Marmelade) meinte. Er spricht vom “traffic jam” und das ist der Verkehrsstau, der auch vom royal Royce bewältigt werden muß.

queen
Die Queen steckte auf London’s Straßen fest. Sie nahm es mit Humor.

Es hilft nichts, ich muß mein Englisch verbessern. Noch am Abend meldete ich mich zum Sprachkursus an, der aber erst im Mai losgeht und sich dann bis August hinziehen wird. Dazu George heute morgen: “Bright idea, early enough; we can go on holiday at the end of August.” Wow, der Mann plant langfristig. Meine Laune schnellte schlagartig in ungeahnte Höhen.

Und damit bin ich mitten im Thema dieses Beitrags. Einerseits macht es mir große Freude meine Erlebnisse zu teilen, andererseits gehört das Privatleben ganz bestimmt nicht in’s Internet. Kann ich den Widerspruch lösen? Das schöne Lied von Annett Louisan, das zur Zeit oft im Radio zu hören ist, beschreibt es besser als ich es je sagen könnte:

Annett Louisan
Tolle Sängerin!

Pärchen im Park,
zu viel Information.
Heiratsantrag,
zu viel Information.
Opa im Sarg,
zu viel Information,
für mich zu viel Information.

Woll’n wir das wissen müssen?
woll’n wir das wissen müssen?
Nein woll’n wir nicht.

Ich bin mir dieses Spagats, -London sehr persönlich erleben <=> Web-Blog-, stets bewußt und wäge jeden Beitrag sorgfältig ab. Andererseits will ich mich auch nicht auf einen reinen Touristik-Bericht über London beschränken, das haben andere längst gemacht. Die Wiese ist abgegrast, mir würde schnell ein vielfaches “booooooring” (langweilig) entgegenschallen. Zu Recht. 

Inzwischen hat natürlich auch George mitbekommen, dass sein Name von Zeit zu Zeit auf diesen Seiten auftaucht. Da hat er schon angefragt: “What are you doing there? Do I get soon German fan mail?” “Nein“, kann ich ihm versichern, “da mach dir mal keine Hoffnungen.” 

Und wie ich noch am Beschwichtigen bin, fällt mir die Presse in den Rücken und veröffentlicht einen Beitrag über elf reizende Engländerinnen, die durch zuviel Offenheit hellen Aufruhr verursacht haben. Siegessicher hält er mir die Zeitung vor die Nase. “I wouldn’t be surprised if you can do it alone! But read yourself.”

Dort stand zu lesen: Kürzlich hatten sich im beschaulichen Wellington elf Damen zum Tee getroffen. Wie es alle Engländer regelmäßig und gerne machen, wollten auch sie sich für einen wohltätigen Zweck engagieren. Üblicherweise macht man das, indem man etwas zum Kauf anbietet, und den Erlös dann spendet. Die Frage war also, was konnte man in den Ring werfen? Je attraktiver, desto besser.

wellington
Wellington in der Grafschaft Somerset. Es liegt im Süd-Westen der Insel.

Alle elf Ladies waren in oder um Wellington zur Welt gekommen und hatten dort ihr ganzes Leben verbracht. Was lag also näher, als die Erinnerungen an alte Zeiten mit anderen zu teilen. Gesagt, getan. Jede schrieb eine persönliche Geschichte auf und schon bald hatte man eine Sammlung von gut 75 Seiten, die sich verkaufen liessen.  

writing-club
Der “writing-club” von Wellington. In der Hand der Sammelband ihrer Geschichten.

Nun waren die Damen nicht von gestern, ihnen war klar, dass sie schon ein bißchen was Attraktives bieten müssten. Mit anderen Worten ganz ohne Sex wird es sich nicht verkaufen lassen. Und weil im fernen London gerade der sado-maso Kinofilm “Fifty shades of grey” Besucherstürme verbuchte, fühlte man sich ermutigt auch ein bißchen deutlicher zu werden.

Die Sache sprach sich ‘rum. Noch vor Veröffentlichung der Erinnerungen, trafen sich all abendlich die Männer im Pub und hielten Kriegsrat. Die bange Frage war, woran würden die Frauen sich noch erinnern? Was würden sie preisgeben? Man befürchtete Schlimmstes. Helle Aufregung herrschte in den sonst so ruhigen Häusern von Wellington.

Schließlich verloren die ersten Herren die Nerven. Sie hielten es nicht mehr länger aus. Um das schlechte (?) Gewissen zu besänftigen, legten sie vorab öffentlich Beichte ab. Sie schilderten reuevoll, was ihnen noch aus den wilden Jugendtagen in der Erinnerung spukte.

Man kann sich vorstellen, wie die heutigen Ehefrauen darauf reagierten. Und als dann endlich die Memoiren fertiggestellt waren und zum wohltätigen Zweck zum Verkauf angeboten wurden, stellte sich heraus, dass die Frauen zwar mehr als deutlich formuliert hatten, niemals aber die Namen der Lover im Klartext nannten.

E. L. James, die Autorin von 50-shades-of-grey (ein fürchterlicher Film, abstossend und booooring), wäre wohl in Ohnmacht gefallen, wenn sie in dieser Laien-Fibel geblättert hätte. Dort wurde zum Beispiel über Clive, den “Gibraltian Adonis“, der längere Zeit auf See war, erzählt: “… She had expressly forbidden him from any form of masturbation whilst away. She wanted his ‘little swimmers’ to do their job for a change …” 

Ich hatte genug gelesen. George konnte ich beruhigen. Mein Blog wäre dagegen harmlos wie Disney’s “Küss den Frosch“. – Der Vergleich war vielleicht auch nicht gerade optimal, aber manchmal zahlt sich sein Nicht-Verstehen meiner Sprache auch ganz klar für mich aus.

Fazit: Ich glaube ich kann weitermachen und das freut mich ungemein. Auf ein Neues.