Heute erzähle ich mal ein Märchen. Obwohl so ganz passt der Einstieg nicht, denn erstens ist die Geschichte wahr und zweitens hat sie sich nicht vor langer Zeit, sondern im Sommer 2017 zugetragen. Aber die Story ist märchenhaft, mit allen nötigen Zutaten: Da gibt es ein liebes Kind, einen schneeweißen Schwan, eine richtige Königin und ein Happy End. Fangen wir an. Ich will von der fünfjährigen Lindsay erzählen, die ein ungewöhnliches Lieblingstier hat. Sie mag Schwäne. Die schönen weißen Alsterschwäne, wie wir sie in Hamburg nennen. Schon den ganzen Sommer lang lag sie ihrer Mutter in den Ohren. “Mum can we have a swan? Pleeeeeeeease.” Als dann Mitte Juli die jährliche Zählaktion der Themseschwäne begann, hörte Lindsay’s Mutter von dem alten, noch immer gültigen Gesetz, das da sagt: Alle Schwäne gehören der Königin. Sie dürfen weder gejagt noch gefangen oder gar gegessen werden. Eigentum der Queen! Das gilt übrigens auch für Delphine und Wale. Als Lindsay das erfuhr war sie zwar traurig aber auch einsichtig.

 

Einmal im Jahr zählt die Queen nach ob noch alle da sind. Normalerweise machen das wunderhübsch uniformierten Helfer beim jährlichen Swan Upping auf der Themse. Aber manchmal kommt die Chefin auch selbst vorbei.

 

Ein paar Tage später liegt ein handgeschriebener Brief in der royalen Post in London. Adressiert an: The Queen, Buckingham Palace. Das reicht für eine korrekte Zustellung völlig aus. Die Anschrift ist eindeutig, denn es gibt nur einen Palast und eine Königin. In dem Brief erklärt Lindsay dann der Monarchin ihre Liebe zu den Schwänen und das sie inzwischen weiß, dass die ihr alle gehören. Mum told me … Dann fährt sie fort: “So may I borrow a swan for the weekend? I promise you to take good care by keeping it in the bath.” 

 

So oder ähnlich wird es auch bei Lindsay angefangen haben. Sie liebt die Schwäne über alles.

 

Eine so freundliche Anfrage muß eine Antwort bekommen. Die wurde von der privaten Sekretärin geschrieben, nachdem die Königin sie genau instruiert hatte. Darin erfährt Lindsay: ‘The Queen has taken carful note of your comments. You must know not every swan in the land is owned by her and the idea is more or less a centuries-old urban myth.” Auf Lindsay’s Vorschlag den Schwan im Badezimmer einzuquartieren geht man nicht direkt ein, aber man erwähnt den Tierschutz, der besonders vom Royal Swan Marker und seinen Leuten wahrgenommen wird. Das Schreiben endet mit einem dicken Lob: “The Queen was encouraged to know of your interest and thought it kind of you to write as you did.”

Na, habe ich zuviel versprochen? Ein Happy End für Lindsay, die natürlich völlig aus dem Häuschen war. Ihre Mutter sagte: “She was ecstatic. And what it meant to that little girl, it will stay with her forever.” Ja, das glaube ich auch und mir wäre es nicht anders ergangen. Aber natürlich wurden meine Glückwunsche zum Jubelgeburtstag vor einem Jahr nicht beantwortet. Irgendwie ist das so gemein.

 

Messen, wiegen und ggfs. einen Ring anlegen. Das ist immer ein großes Schauspiel, mitten auf der Themse, in der Nähe von Windsor. Den Chef der Swan Marker erkennt man an der lange Feder. Er trägt sie stolz an seiner Mütze.

 

Als ich George von der Geschichte erzähle, fallen ihm sofort einige weitere uralte Gesetze ein, die nie für ungültig erklärt wurden und deshalb unbedingt beachtet werden müssen. Ganz wichtig, jedenfalls für ihn, ist das Sterbeverbot im Parlament. Allen Ernstes ist es per Gesetzt verboten im House of Parliament zu sterben. Und man darf das Gebäude auch nicht in einer Rüstung betreten. Das gilt dann sicher auch für moderne Kampfanzüge. Insofern macht die Vorschrift leider noch immer Sinn.

Wir dürfen uns auch keinen Schweinestall vor das Haus bauen. Allerdings mit einer kleinen Ausnahme: “… unless duly hidden.” Typisch englisch, da lässt man sich immer ein Hintertürchen offen. Und wo wir schon bei der häuslichen Frauenarbeit sind, -die Schweine gehören selbstverständlich in den Zuständigkeitsbereich der Hausfrau-, weist er mich auch gleich darauf hin, dass das Spannen von Wäscheleinen quer über die Straße in ganz London verboten ist. Zum Glück haben wir einen Trockner, den kann ich aber auch nicht benutzen, weil ein baugleiches Modell gerade irgendwo in die Luft geflogen ist. Daraufhin hat George erst einmal den Stecker gezogen. 

Besonders gut gefällt mir das Gesetz zum Umgang mit Lachsen: “Handling a salmon in suspicious circumstances is illegal.” “Und welche Umstände sind gemeint???” “Well, it leaves a lot of room for interpretation.” George fällt immer mehr ein, aber ich habe den Verdacht er denkt sich die Dinger aus. “No I swear I tell you the truth and nothing else than the truth.” Dann kommt ihm das Kopulationsverbot in den Sinn und er ermahnt mich mit breiten Grinsen: “It’s illegal to allow your pet to copulate with any pet from the Royal House.”

Wer eine Briefmarke falsch herum auf den Umschlag klebt, macht sich strafbar! It’s an act of treason to place a postage stamp bearing the monarch’s head upside down on an envelope. Gott sei dank, dass wir WhatsApp haben, denke ich mir im Stillen.

 

 

Und in Schottland hat man einen gesetzlichen Anspruch auf die Benutzung von privaten Toiletten. Wer deshalb an eine Haustür klopft darf nicht weggeschickt werden. Apropos wegschicken, ich muß jetzt auch los, denn ich muß noch einkaufen. “Soll ich Lachs mitbringen?” “It’s all the same to me. But don’t forget this law: It’s illegal to jump the queue in the Tube ticket hall.” Das wurde wohl speziell für mich gemacht. “Same to supermarkets!!!”, ruft er mir noch hinterher, aber das überhöre ich lieber. Trotzdem werde ich natürlich versuchen mich an alle Vorschriften zu halten, schließlich bin ich Gast im Land der Engländer. Und wenn Sie mal dorthinfahren, dann wissen Sie jetzt was man erwartet. Es ist wirklich nicht schwer sich den Erwartungen anzupassen. Wenn man freundlich und höflich ist und hin und wieder einen guten Witz macht, dann wird man schnell ans britische Herz gedrückt. 

Die Sache mit dem verbotenen Sterben im Parlament lässt mir keine Ruhe. Also frage ich beim Fachmann noch einmal nach und George weiß den Grund. “Anyone who dies in Parliament is technically entitled to a state funeral.” Oh, ich verstehe. Das kann teuer werden. “Of course”, stimmt er mir zu, “so if they see you looking a bit sick they carry you out quickly.”