Oftmals betrachten die Engländer das politische Geschehen von einem anderen Standpunkt als wir Deutsche. Aber letztlich sind wir uns in den Grundwerten einig. Our roots are in one camp. No doubt.

Legt man eine deutsche Tageszeitung neben eine englische wird man dieselben Themen finden. Auf den ersten Blick scheint es wenige Unterschiede zu geben. Auf den zweiten Blick fällt dann auf, dass die englische Tageszeitung einige zusätzliche Rubriken hat. Einen festen Platz nimmt die Berichterstattung über das Königshaus ein, kurz Royals genannt und immer findet sich gleich auf der ersten Seite ein aktueller Cartoon. Dazu, ebenfalls auf dem Titel, ein farbiges Foto mit Bezug auf das Tagesgeschehen.

Das war vor einigen Tagen der 10-jährige Jahrestag des 7/7 Attentats in London. Ein wahrlich erschreckendes Ereignis, das sich u.a. am King’s Cross Bahnhof und in einem Linienbus abspielte. Es gab Tote und Verletzte. Die Bilder, oftmals sehr drastisch, gingen im TV um die Welt. Was aber wählt die Presse davon am Gedenktag aus? Ein Bild das die menschliche Komponente in den Mittelpunkt rückt. Gerade dadurch berührt es mich besonders und bekam automatisch meine ganze Aufmerksamkeit.

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Ein Opfer trifft nach 10 Jahren ihren Lebensretter, den Polizisten der damals Dienst hatte und als einer der ersten am Detonationsort eintraf. Authentische Gefühle.

Die Griechenlandkrise ist seit Wochen das Titelthema. Die Engländer verfolgen die Ereignisse unter dem Blickwinkel ihrer eigenen geplanten Umfrage, die 2016 oder Anfang 2017 den Verbleib in der EU klären soll: YES or NO? In den anderen EU-Ländern ist die Sorge groß, dass Großbritannien austreten könnte; tatsächlich aber stimmen die Briten in Umfragen regelmäßig um die 70%  für den Verbleib in der Gemeinschaft. Eine andere Angst treibt den Engländer in diesen Tagen viel mehr um. Und das ist die Frage: Was wird mit meinem Urlaub in Griechenland? Die Tickets sind gekauft, das Hotel gebucht, we’re coming. And is anybody waiting?

Das scheint mir eine typisch englische Sichtweise der Geschehnisse zu sein. Statt abstrakt im Großen zu diskutieren, erlebt man alles hautnah im Kleinen. Man begreift die Welt, indem man sie in begreifbare Teile aufdröselt. Man fragt sich immer als erstes, was bedeutet das für mich und für meine Familie? Es kommt vor das ich darüber schmunzeln muß, es manchmal ein bißchen kindlich finde, aber eigentlich ist es zutiefst menschlich. Inzwischen mag ich es sehr und liebe die Engländer für diese Sichtweise. 

Folgerichtig sind auch die Ergebnisse und Reaktion sehr real. Man schwafelt nicht über theoretische Weltverbesserung sondern nimmt die Schaufel in die Hand und gräbt im eigenen Vorgarten.

mattFast in allen Tagszeitungen findet sich ein Cartoon auf der Titelseite. Eigentlich immer witzig und intelligent wird hier das Top-Thema dargestellt. Oft nimmt dieser Cartoon dem Ereignis den Schrecken. Das Grauen, das sich täglich abspielt, wird anschaubar. Wenn auch die Wahl der Mittel anders ist, erreicht man auch hiermit dasselbe. Man konkretisiert Nachrichten, sodaß sie begreifbar und vor allem nach-fühlbar werden. – Mein ganz besonderer Favourit ist Matt. Von ihm habe ich schon viele Zeichnungen hier gezeigt. Ich weiß nicht wie er es schafft, aber innerhalb von einer Nacht hat er die News analysiert. Er hat noch nie nie daneben getroffen. Bravo! 

Auch eine andere Sparte wurde erst in England zu meiner Lieblingslektüre. Der politische Sketch. Formal vergleichbar mit dem Kommentar in der deutschen Presse, aber inhaltlich um Klassen besser. Michael Deacon gehört hier zu meinen Lieblingen. Er berichtet (fast) täglich aus dem englischen Parlament und würzt die Reportagen mit ebenso klugen wie pointierten Überlegungen.

Überhaupt finde ich das britische Unterhaus viel interessanter als den deutschen Bundestag. Der entscheidende Unterschied liegt in der Debattier-Kultur des Parlaments. Während wir in Deutschland den Monolog pflegen wird im House of Commons der Dialog praktiziert. Es gibt kein Rednerpult, an dem sich der Abgeordnete verankert um dann mit endlos langweiligen, vorformulierten Reden auch den letzten Parlamentarier in’s Koma zu brabbeln. Stattdessen ruft der englische Politiker sein Statement in die Runde und schon steht ein anderer auf und antwortet. So geht es hin und her, Schlag auf Schlag. Höchst interessant.

Natürlich kochen bei diesem freien Disput schnell die Emotionen hoch und deshalb gibt es zum einen den Speaker, der ggfs. verbal eingreift (John Bercow ist noch immer im Amt; von Sally hört man nichts mehr 😉 und zum anderen ist die Anrede untereinander vorgeschrieben. Sie lautet: right honourable … (höchst respektabler Minister xxx). Jeder Abgeordnete beginnt mit dieser Formel. Das hört sich so an: “Would my right honorouble friend agree with me about …”. Soviel Zeit muß sein. Wie so oft in England, legt man Wert auf Stil. Sobald man der Form genügt hat, legen die Abgeordneten los. Und dann bleibt oft kein Auge trocken. Da wird Klartext gesprochen und vor allem wird witzig formuliert. Das muß sein, egal wie schrecklich die Wahrheiten auch sein mögen.

Ein Beispiel? Gerne. Die Griechen haben gewählt, der Finanzminister war zurückgetreten, Kanzlerin Merkel hatte Hollande getroffen und der griechische Staatsbankrott war stündlich zu erwarten. Die brisante Situation und ihre möglichen Folgen sollten im House of Commons diskutiert werden. Einer der Redner war Ken Clarke. Der hatte gerade Geburtstag gehabt und die Gelegenheit lies sich John Bercow nicht entgehen. Mitten in der politischen Debatte, die live im TV übertragen wird, witzelte er los: “In congratulating the right honorourable [Ken Clarke] on his birthday last Thursday, may I express the hope that he was able perhaps to celebrate with something more than mineral water and muesli?”

Kurze Pause im Parlament. Dann der vielstimmige Ruf: “Ouzo!”

Halten Sie das für ungehörig? Dem Ernst der Lage nicht angemessen? Die meisten Deutschen würden wohl so urteilen. Engländer haben eine andere Sichtweise, sie kommentieren den Einwurf von Bercow, der immerhin Sprecher des Hauses ist, unerwartet positiv: “I don’t know how many Greek people watch live TV coverage of the Commons, but there’s nothing like a little joke to alleviate the woes of an onrushing economic and social catastrophe.” Frei übersetzt: Ein kleiner Witz kann doch auch in der größten Katastrophe den Schmerz lindern. Wir hoffen die griechischen Zuhörer haben das auch so empfunden.

Später, als die Debatte an Fahrt aufnahm, notierte ich Zwischenrufe wie: “my toast is burning” oder “the dog’s moulting all over the carpet“. Ich kann gar nicht so schnell schreiben, wie die Zurufe fallen. Ich höre sie alle zum ersten Mal und sammle sie wie ein Kind seine schönsten Oblaten.

Mir gefällt diese Mischung, die den Engländer ausmachen. Die uralten Rituale in Sachen Stil- und Formfragen, gemixt mit blitzschneller Reaktion, Selbstironie und entwaffnender Offenheit. Manchmal …

George schaut mir über die Schulter. Mit einem sheepish grin versucht er das Thema meines heutigen Beitrags zu erhaschen. “Talk for sexagenarian?” “Bitte was???” Ich vermute schon wieder ganz falsch. ‘Sexagenarian’ heißt einfach ‘Sechzigjährige’. Das klingt ja noch viel spannender als 60+ ! Das muß ich mir merken, eine neue Wort-Oblate für mein Album.  

“Was macht den Engländer aus, warum seit ihr so liebenswert?” frage ich ihn. “We’re happy romantics”. “Ja, da ist was dran. Komm weiter, was macht euch glücklich?” Ohne lange nachzudenken scheint er es zu wissen. “What makes us happy? Listening to music, seeing friends, going outdoors [!], helping someone and having a new experience can provide instant joy. … And there’s something more. But first close the post”.

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Engländer sind Romantiker. Sie zeigen ihre Gefühle ganz offen und nehmen damit dem Schrecken die Kälte.