Mich plagt ein Magen- und Darmvirus. Nicht so schlimm, dass ich das Bett hüte, aber zum Anziehen reicht es auch nicht. So kommt es, dass ich in Pyjamahose und Strickjacke (Schüttelfrost trotz sommerlicher Temperaturen) im Liegestuhl liege, gut geschützt im Schatten. Es ist schon fast Nachmittag. George kümmert sich rührend; er ist ein hinreißender Pfleger. Da drängt mich wirklich gar nichts, um schnell wieder gesund zu werden.

So sitzen/liegen wir also im Garten, entspannen, dösen und kommen schließlich in tiefschürfende Gespräche. Wir hatten beide in letzter Zeit viel Gelegenheit die Eigenarten der Deutschen bzw. der Engländer kennenzulernen. Ich lernte die Grundzüge des small-talks und George hält es inzwischen aus, wenn er angefasst wird. *)

*) Der Engländer mag nicht berührt werden. Ein Händeschütteln gewährt er höchstens einmal beim ersten Kennenlernen. Bitte kein Schulterklopfen, Anstupsen oder gar ein Küßchen zur Begrüßung. (Gilt aber nicht für mich) 😉

Je mehr ich die Englische Mentalität kennenlerne, desto mehr wundere ich mich über die wirklich hohe Zahl von Unterschieden zum deutschen Verhalten. Wohl gerade weil England nebenan liegt und uns Hanseaten anglophiles Gebaren nicht fremd ist, hätte ich niemals mit diesen grundlegenden Differenzen gerechnet.

Allerdings diese im Alltag zu erleben, zu beobachten und zu beschreiben, heißt noch lange nicht sie auch zu verstehen. Und an diesem Punkt sind wir jetzt in unserer Beziehung angekommen. Wir wollen uns nicht nur kennenlernen, sondern möglichst auch verstehen.

Vielleicht kann ich es an einem Bild demonstrieren, was uns so grundlegend voneinander unterscheidet. Es gibt das Modell des peaches und der coconut, das, -wenn ich mich recht erinnere-, das unterschiedliche Verhalten von US-Bürgern und Deutschen zeigen soll. Man kann es aber auch sehr gut auf die Engländer und uns anwenden. George ist der “Pfirsich”. Rosig, weich, verlockend duftend, süßes Fruchtfleisch und dann ein knochenharter Kern. Man beißt gerne rein und bleibt hoffentlich rechtzeitig stecken, sonst können Zähne brechen. Ich bin die “Kokosnuss”. Sie hat eine harte Schale, ist rauh, verschlossen. Dann kommt ein überraschend weisses und gut schmeckendes Fruchtfleisch und schließlich die süße Milch im Inneren.

peach
How can a peach and a coconut work together?

Tatsächlich kann man mit dem charmanten Engländer schnell flirten, aber ihn zum Freund zu bekommen dauert Jahre oder sogar Jahrzehnte. George war sehr schnell mein “Lover” und ja er schenkte mir auch gleich seine Freundschaft. Und was war eigentlich mit meiner harten Schale? Die hatte wohl einen Riss, als wir uns kennenlernten, denn Widerstand habe ich nicht wirklich geleistet. – Heute denke ich rückblickend, dass es vielleicht unsere Lebensweisheit war, die uns bilingual zuflüsterte: “vermassel es nicht / don’t mess this up“.

Wir sind also ein schlechtes Beispiel, aber trotzdem will ich noch einmal zu den nicht übersehbaren Unterschieden thematisch zurückkehren. Der Engländer legt sich nicht gerne fest. Er ist nicht nur in Mass-,  Mengen- und Zeitangaben vage. Er mag es gar nicht, wenn man irgendetwas für die Ewigkeit in Stein meißelt. Sei es privat oder beruflich. Er lässt sich gerne einige Optionen offen und hat stets eine Alternative parat. Sobald ich George auf etwas festnageln will, fühlt er sich in seiner persönlichen Freiheit eingeengt. Denn auch das sollte man wissen, die stets herzliche Bescheidenheit des Briten hat gar nichts mit Schüchternheit zu tun. Im Gegenteil, er hat ein gesundes, sehr ausgeprägtes Selbstbewußtsein. Er lässt sich von nichts und niemanden fixieren. Jede Festlegung empfindet er als Einengung der persönlichen Freiheit. – Seine auffallende Bescheidenheit ist einzig und alleine gutes, anerzogenes Benehmen.

in-stone
Englischer Humor vom Feinsten. Inklusive nationaler Offenbarung.

Meine Erziehung zielte in eine andere Richtung. Drücke dich klar aus, verfolge ein Ziel (und zwar nur eines, es kann keine zwei oder gar drei geben), laviere nicht, sei präzise und zuverlässig. Eine Entscheidung ist bindend, unumstößlich, und darf niemals korrigiert werden …

Und so kommt es, dass wir manchmal viel Geduld und Liebe brauchen, um das Verhalten des anderen zu ertragen. Mir platzt schon eher der Kragen, denn den Engländer zeichnet auch aus, dass er den offenen Konflikt scheut. Niemals wird ein verbaler persönlicher Angriff verübt, niemals negativ formuliert, niemals gelästert!

Wenn wir unterschiedlicher Auffassung sind, dann habe ich sofort das Bild der Achse vor Augen, wo wir gerade an den Endpunkten uns gegenüberstehen. Jetzt gilt es aufeinander zuzugehen und wenn es optimal klappt, uns in der Mitte zu treffen. George jedoch hat ein ganz anderes Bild im Sinn. Er versteht sofort meine Allegorie, also “my way” und “your way“, sieht diese aber keineswegs auf einer geraden Linie angeordnet. Was ist mit “half way“, “new way” oder “no way” fragt er mich? Diese und mehr Optionen sind für ihn immer im Spiel, wo ich nur zwei Möglichkeiten sehe. Und bestenfalls noch den Kompromiss in der Mitte.

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George hat in Hamburg einen Leihwagen. Exakt denselben, den er auch in London fährt. Sogar die Farbe stimmt. Einzig verwirrend für ihn, warum der Vauxhall auf einmal Opel heißt?? – Hier parken wir nebeneinander und zeigen ganz gut unsere Unterschiede. George stets in Anzug und Krawatte, will einen guten Eindruck machen und ich, ganz praktisch veranlagt, mit Gebrauchsspuren und einer großen Klappe 😉

Für mich ist es natürlich auch verwirrend, dass eine besprochene Entscheidung für George nicht bindend ist. Dabei setzt er sich nicht etwa arrogant über den “Beschluß” hinweg, nein, er hat gar nicht verstanden, dass das jetzt nicht mehr infrage gestellt werden darf. Für einen Engländer ist eine Besprechung, ob nun privat oder beruflich, ein anregender Gedankenaustausch. Er protokolliert nicht und wertet Ergebnisse niemals als endgültig. Wenn in einer Firma ein Meeting beendet ist, gehen die Teilnehmer auseinander und diskutieren munter in kleinen Gruppen weiter! 

Genauso hält es George bei uns; wir haben etwas besprochen und sind zu einem Ergebnis gekommen, das er aber nicht als verbindlich betrachtet! Für ihn ist es nur ein Vorschlag unter vielen. Frühzeitige Festlegung ist für ihn Einengung. Er braucht das weites Feld der potentiellen Wahlmöglichkeiten. Dafür geht er dann allerdings auch das Risiko der Ungewißheit mit Leichtigkeit ein. Davor scheut der Deutsche im allgemeinen zurück.

All das heißt aber nicht, das der Engländer unzuverlässig ist. Wenn er etwas zusagt, dann hält er es. Ich meine Situationen wie beispielsweise die Planung des Urlaubs, die Gestaltung des Wochenendes oder den Kauf eines neuen Autos. Hier überrascht der Engländer gerne mit ständig neuen Ideen. 

balanceSobald man es weiß, kann man der ungewohnten Verhaltensweise gute Seiten abgewinnen. Und die fehlerfreundliche und witzige Art des Engländers gefällt mir durchaus. Mal sehn, ob wir die Klippen umfahren können ohne daran zu zerschellen. Und wenn es doch mal kracht, dann wird George wohl so etwas ähnliches wie der Trainer Tommy Prothro sagen: “We are well balanced, we have problems everywhere.” Dann wird er mir lächelnd einen heißen Tee in die Hand drücken und felsenfest davon überzeugt sein, dass alles gut werden wird. Man muß schon eine recht doofe Kokosnuss sein, um dann nicht dahinzuschmelzen.