Es wird Zeit einmal Klartext zu reden. Ich muss mir mal Luft machen. Im letzten Jahr habe ich für einen lokalen Heimatverein eine Webseite geschrieben. Natürlich ehrenamtlich, das ist in solchen Vereinen üblich und ich war nur allzu gerne bereit zu helfen, denn nach meiner Pensionierung hatte ich viel Zeit. Als die Seite fertig war, hatte ich Lust mich wieder mehr um London zu kümmern. Meine eigenen Webprojekte voranzubringen. Also teilte ich dem Vorstand mein Ausscheiden mit und dachte damit wäre alles gut. Pustekuchen. Als ich nach Wochen mal wieder an einem öffentlichen Fest teilnahm, kannte mich ein gutes Drittel gar nicht mehr, ein ebenso großer Haufen reagierte einsilbig und nur einige wenige waren freundlich wie immer. Ich befürchte, die hatten von meiner gekündigten, freiwilligen Mitarbeit noch gar nix mitbekommen. Das ganze kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn ich Nachrichten über den Brexit sehe. Wenn ich sehe, wie kleinkariert die EU-Führungsriege auf den Austritt der Briten reagiert, dann ist das eigentlich nicht viel anders als in meinem Dorfverein.

 

 

Die Regierungschefs hatten sich in Brüssel verabredet, Gipfeltreffen, und dann lässt man die britische Premierministerin wie eine Bittstellerin warten. Der Tisch, an dem gleich Herr Juncker, Frau Merkel und Kollegen Platz nehmen werden, ist bis auf einen spärlichen Blumenschmuck nackt. Keine Getränke, keine Kekse, kein Notizpapier. Und natürlich hat man es minutiös geplant, denn die Presse war anwesend und durfte die gedemütigte Regierungschefin beim einsamen Warten fotografieren. Anschließend erschien das Bild in allen Nachrichten weltweit. – Wie tief muß der persönliche Ärger bei der EU-Führungsriege gedrungen sein, dass sie sich zu so kindischen Aktionen verabreden? Und warum glauben sie die Briten bestrafen zu müssen?

 

 

Von der Minute an, als die Briten ihren Austritt per Volksabstimmung beschlossen hatten, wurden ihre politischen Vertreter von den EU-Partner behandelt, wie man eigentlich nur mit Aussätzigen umgeht. Keine Frage, hier hatte jemand ‘befohlen’, dass mit den Abtrünningen nicht gesprochen werden darf. Wer die Macht besitzt so etwas anzuordnen, dürfte jedem klar sein. 

Als ich vom Dorfverein gebeten wurde, ob ich bereit wäre ehrenamtlich mitzuarbeiten, fühlte ich mich geehrt. Dann kamen erste Zweifel auf und heute, nach über einem Jahr Erfahrung, stehe ich dem nicht bezahlten Ehrenamt sehr kritisch gegenüber. Lassen Sie mich eine Rechnung aufmachen. Nehmen wir mal an, jemand arbeitet 2 Stunden pro Woche für irgendeinen e.V. Ich weiß, dass das unrealistisch wenig ist, ich habe mehr als 10 Stunden pro Woche gearbeitet. Aber bei dem Beispiel wären es 104 Stunden im Jahr. Machen wir es rund und rechnen mit 100 Jahresstunden à 10 Euro. Auch das ist natürlich weit unter meinem realen Stundenlohn. Ich würde dann eine ehrenamtliche Jahresarbeit einbringen, die einen Gegenwert von 1.000 Euro hätte. Nun stellen Sie sich vor ein Verein käme auf Sie zu und würde Sie um eine einmalige Spende von 1.000 Euro bitten. Übrigens ohne Spendenbescheinigung, also können Sie es auch bei der Steuer nicht geltend machen. Was würden Sie sagen? Ich würde fragen, ob der Verein noch alle Tassen im Schrank hat. Und wenn man mich dann noch bitten würde, ob ich die Spende als jährlichen Dauerauftrag einrichten würde, dann … nun ja.

Zurück zum Brexit. Auch da scheint es Kleingedrucktes gegeben zu haben, das den Austritt aus der Union verbietet. Wer es doch wagt, bekommt die volle Härte zu spüren, die machtorientierte Menschen sich gerne gegenseitig antun. Natürlich würde es mich freuen, wenn die Briten weiter der EU angehören würden, aber ich kann ihren Wunsch nach Austritt voll und ganz verstehen. Ihnen geht wie einem gutmütigen Menschen, der seine Hilfe gerne zu Verfügung stellt. Und dann merkt er auf einmal, dass man über ihn und seine Hilfsbereitschaft verfügen will. Und da bleibt dann eigentlich nur noch der Rückzug.

 

 

In einer tagesaktuellen Umfrage des Daily Telegraph haben sich 92% der Briten für den Abbruch der Verhandlungen ausgesprochen. Man hat einfach genug von den ‘strategischen’ Spielchen der EU. Angefangen von einem ausgesprochen England feindlichen Unterhändler, -wie lange hat man gesucht bis man den sauertöpfischen Michel Barnier gefunden hatte?- bis zu einem EU-Kommissionspräsidenten, der mir langsam unheimlich wird. Was um alles in der Welt ist mit diesem Jean-Claude Juncker los? Er scheint den Kuss als öffentliches Signal zu benutzen, denn anders kann ich mir die Bilder nicht erklären, die mit seiner vollen Zustimmung von ihm in den Nachrichten gezeigt werden.

 

 

Ist es wirklich normal, dass ein Martin Schulz sich intensiv von dem Kollegen auf die Stirn küssen lässt? In der Mitte erhält Brexit Verhandler Michel Barnier den Kuss des mächtigen Präsidenten und links wird Angela Merkel in unangemessener Weise geknutscht. Wenn es dann nur Übergriffigkeit wäre, dann würde ich es als geschmacklos abtun und fertig. Aber ich fürchte hier soll ein ganz klares Signal an die Zuschauer geschickt werden. Hier werden ausgewählte Politiker vom EU-Kommissionspräsidenten persönlich per Kuß ausgezeichnet. Es erinnert ein bißchen an einen Mafiaboss oder ist eher der Judas, der hier aktiv wird? Um den sozialistischen Bruderkuss kann es sich nicht handeln, denn meines Wissens gehört Jean-Claude Juncker der christlich konservativen CSV in Luxemburg an.

Übrigens hat Theresa May sich dem Juncker-Kuss verweigert. Das war noch vor der offiziellen Austrittserklärung, wohl bei ihrem ersten Besuch in Brüssel. Sie hat ganz klar gemacht, dass sie sich ausschließlich von ihrem Mann Philip in dieser Weise küssen lässt und das scheint dem stets braungebrannten Juncker gar nicht gefallen zu haben.

 

 

Mrs May wußte was da auf sie zukommt und hat den Kuss-Überfall pariert. Statt sich von Juncker überrumpeln zu lassen, der ja seine ‘Opfer’ nie um Erlaubnis fragt, hat sie ihre Hände genau richtig platziert. Du kommst mir nicht näher als auf Armlänge, hat sie ihm deutlich gemacht. Aber mal ehrlich, mir sind solche Männer suspekt, die in die Schranken gewiesen werden müssen. Kann es wirklich sein, dass diese ungewohnte Erfahrung, die Herr Juncker damals mit Mrs May machen mußte, bei ihm bis zum heutigen Tag nachwirkt? Poor Europe.