Wenn ich über Themen wie das heutige -die Politik- berichte, mache ich schon ein paar Recherchen im Vorfeld. Ich will nicht allzu dumm schwätzen. Also habe ich nachgeschlagen. Welche ursprüngliche Bedeutung hat eigentlich das Wort Parlament? Ich war überrascht: Parlieren bezeichnet das leichte, oberflächliche Plaudern. Man macht das im Parlamentsgebäude. Bei uns ist es der Bundestag im Reichstagsgebäude in Berlin und in England ist es das House of Commons im Palace of Westminster in London. Ein monumentales, neu-gotisches Gebäude, direkt an der Themse. Überwältigend schön, besonders abends, wenn es im Lichtermeer erstrahlt.

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Aber das Bild trügt. Dunkle Wolken ziehen über dem wohl 1.000 Jahre alten Gebäude auf. Das Dach ist morsch, es leckt und rostet, der ganze “Kasten” ist ziemlich ramponiert! Vor wenigen Tagen war die Schreckensmeldung in den News zu lesen: “£ 7.1 bn bill to stop the Palace of Westminster falling down!” Man braucht also ca. 9,9 Milliarden Euro für dringend notwendige Reparaturen und die müssen aus Steuergeldern gestemmt werden. Letzte Woche war es noch deutlicher weniger; man sprach von knapp 5 Millarden Euro. Da hatte man aber auch noch nicht in alle Winkel geschaut. Dafür hat sich auch die Umbauzeit rapide verlängert; aktuell schätzt man 4 Dekaden (40 Jahre) Baustellenbetrieb.

Die Abgeordneten, -es gibt wohl an die 2.000 Büros in diesem Gebäude-, werden sich für wenigstens 2-4 Jahre einen neuen Parlamentssaal suchen müssen. Das Mammutprojekt braucht viel Planung, die ersten Handwerker werden nicht vor 2020 anrücken, aber dann muß es sein. Anderernfalls könnte den Politikern glatt die Decke auf den Kopf fallen und im Falle eines Feuers fehlt jede Technik zur Bekämpfung. – Ich fühlte mich natürlich schon wieder bestätigt i.S. englische Bauweise: urgemütlich und technisch auf dem Stand der Reformationszeit.

In der letzten Woche ging es aber auch wieder turbulent innerhalb des Gebäudes zu. Genau gesagt am letzten Mittwoch, denn dann findet regelmäßig die Prime Minister’s Questions (PMQs) statt. Eine öffentliche Befragung des Premiers. Die Regierung hat Rechenschaft über aktuelle Entscheidungen abzulegen. Ein rhetorischer Showdown, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Das TV überträgt live.

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The Speaker, John Bercow, auf dem Weg ins Parlament. Mit Schleppenträger, wie bei der Hochzeit.

Den Parlamentssaal hat wohl jeder schon einmal im TV gesehen. Der Saal mit den grünen Lederbänken, wo sich Regierung (Tories) und Opposition (Labour, SNP etc.) frontal gegenüber sitzen. Dazwischen, am schmalen Ende des Raumes, sitzt der Speaker. Dieses Amt hat seit Jahren John Bercow inne. Ein eloquenter Redner, der für Ordnung zu sorgen hat. Bercow, Mitglied der Tories, ist für klare Ansagen bekannt, aber letzte Woche gingen ihm wohl die Gäule durch. Während der PMQs schnarrte er den Familienminister an: “I say to the Children’s Minister try to calm down and behave like an adult and if you can’t, if it’s beyond you, get out and we’ll manage without you.” Und den backbencher (Hinterbänkler) Graham Stuart traf die Redesalve gleich mit; auch ihm wurde der Rausschmiss angeboten.

Nun geht es im englischen Parlament immer deutlich munterer und lebhafter als im deutschen Bundestag zu, aber verbale Attacken, wie die vom Speaker, sollten doch bitte immer geistreich und möglichst witzig verpackt sein. John Bercow ist eigentlich ein Meister dieser Disziplin, aber der arme Mann hat in den letzten Wochen einiges einstecken müssen. Seine Frau, Sally, ist fremdgegangen. Sie machte es zwar innerhalb der Familie, ich glaube der angeheiratete Cousin war der Seitensprung, aber dummerweise machte sie es extrem öffentlich. “Ich habe mich so gelangweilt” gestand sie unter Tränen. Das war ein bißchen zuviel; der Ehe-Grexit war unvermeidbar.

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Das Ehepaar Bercow in glücklichen Tagen auf dem roten Teppich. Sally überragt ihren Mann um einen halben Kopf; sie stehen auf gleicher Höhe. Ihr Tattoo am Arm ist Geschmacksache, unverzeihlich fand ich aber ihre Teilnahme in der englischen Big Brother TV Kommune.

Aber diesen Tratsch, auf englisch:  gossip and scandal, wollte ich eigentlich gar nicht erzählen, denn es gibt von besseren Ereignisse zu berichten, die sich in den PMQs abspielen. Gestern hatte der Schatzkanzler George Osborne seinen großen Auftritt. Weil Premier David Cameron ausser Landes war, vertrat ihn George Osborne in der Fragestunde. Eröffnet wird sie mit den Worten: “Number One, Mr Speaker“. Daraufhin tritt der Premier, oder eben wie gestern sein Vertreter, an das Mikrofon, macht vielleicht noch ein paar wichtige Ankündigungen und schon kann der erste Abgeordnete seine Fragen (max. sechs sind erlaubt) an ihn richten. Der erste Fragesteller ist immer der Leader der Oppostion, also Harriet Harman. Gestern aber trat ein anderer vor. Es war der unerfahrene Hilary Benn. Das war wohl kalkuliert. Wenn der erste Mann, also der Premier, nicht zur Verfügung steht, dann reagiert die Opposition auch nur mit jemanden aus dem zweiten Glied. 

Egal welche Frage jetzt gestellt werden würde, allen wußten das der erfahrene George Osborne mit aller Schärfe, Witz und Schlagfertigkeit antworten würde. Kurzum, “he would knock them into next week.” Dann wäre der Boss zurück und könnte das Spielchen auf höchsten Niveau fortsetzen. Dann aber kam alles anders. Statt Polemik zu betreiben, stellte Mr Benn sechs höchst seriöse Fragen. Sie betrafen englische Selbstmordattentäter, islamistische Radikalisierung, Isil und die Flüchtlinge im Mittelmeerraum.

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Hilary Benn: Unglaublich! Er stellt sachliche Fragen. Spielverderber.

Mr Osborne hatte natürlich eine ganze Reihe von vorbereiteten Gags parat, die er dem Fragesteller entgegenhalten wollte. Nun aber zündeten sie nicht, denn die Fragen betrafen einfach viel zu ernsthafte politische Inhalte. Statt ein witziges Feuerwerk abzubrennen trat Schweigen ein. Und Empörung! Der Journalist Michael Deacon hat es wunderbar zusammengefasst: “What a swindle! The rotten louse had only gone and forced Mr Osborne to talk about serious issues! He hadn’t given the Chancellor an inch of room for cheap jokes and putdowns. The swine! The no-good scheming snake!” 

Natürlich ist das Satire, man darf es nicht wörtlich nehmen. Aber trotz der Ironie, trifft der Kern zu. Jemand der jede Gelegenheit zum Witzemachen von vornherein unterbindet ist nunmal eine ‘verrottete Laus’ und ‘durchtriebene Schlange’. Egal ob am Stammtisch im Pub oder am Mikrofon im Parlament. – Also mir hat die politische TV Stunde wieder viel Spaß gemacht. Es war wie immer eine kurzweilig Unterhaltung; von deutschen Parlamentsdebatten kann man das nur selten sagen. Wenn ich nachdenke, muß ich bis in die frühen achtziger Jahre zurückgehen. Damals saßen noch Politiker wie Herbert Wehner, Willi Brand, Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß auf den Bundestagsbänken und zeigten uns ihre Rhetorik.

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Zum Schluß noch ein Foto, aufgenommen von Lisa Burtenshaw. Es zeigt junge Orang-Utans, die von einem Gehege zu einem anderen gefahren werden. Es hat rein gar nichts mit diesem Artikel zu tun, gefällt mir aber so gut, dass ich es zeigen muß.

Und ehrlich gesagt, je länger ich es betrachte, desto mehr Parallelen fallen mir zum politischen Debattieralltag ein. Machen Sie sich ihre eigenen Gedanken:

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