Fortsetzung des ersten Teils:

castleDie Besichtigung des Schlosses können wir nur in einer geführten Gruppe machen. Ist auch besser so, denn die Gefahr des Verlaufens dürfte groß sein. Ob die Queen alle Räume kennt? 

Ich weiß gar nicht warum, aber meine Erwartungen sind bei solchen Gruppenevents nie hoch. Ich mag mich partout nicht unterordnen und reagiere dann schnell gelangweilt. Zum Glück teile ich diese beiden Eigenschaften, auf die ich bisher nie stolz war, mit ungefähr 62 Millionen Briten, und deshalb ist man auf Spaßverderber wie mich bestens vorbereitet. Statt einlullender Vorträge werden wir first class unterhalten. Entertainment als Grundversorgung. Mir gefällt es, so kann ich es gut aushalten.

Was soll ich über die Führung schreiben? Das Schloß ist großartig, die Ausstattung der Räume prachtvoll, die Architektur überwältigend. Es ist wie es sein soll: märchenhaft. Keiner kann die Fülle der Eindrücke in so kurzer Zeit verarbeiten, deshalb kaufe ich mir noch schnell einen Official Souvenir Guide und blättere den in den nächsten Abenden mehrmals von vorne bis hinten durch. Alle paar Minuten zeige ich George eines der Bilder und rufe: “Do you remember?” Er antwortet: “Of course, quite distinctly” und schaut dabei noch nicht einmal hoch. Das macht aber nix, die verbale Zustimmung reicht mir. – Ich will gar nicht versuchen hier über die Tour zu berichten, es würde viel zu lang werden und doch nicht annähernd die Fülle der Eindrücke wiedergeben. Also, wenn Windsor Castle Ihnen gefällt, dann buchen Sie eine Führung. Es lohnt sich.

 

dach
Windsor von oben. Ich habe die Stufen nicht gezählt, aber der Turm ist nicht so hoch, dass ich Sauerstoff brauchte. Der Ausblick über Eton zur Themse ist ein Foto wert.

 

Nicht schlecht gestaunt habe ich aber, als ich erfuhr, dass große Teile des Schlosse gerade umgebaut werden. Eigentlich ist die Anlage zur Zeit eine einzige große Baustelle. “Really?” frage ich George, denn davon habe ich nix gesehen. Der war wohl aufmerksamer und zieht mich deshalb noch ein Stück weiter in den Hof hinein. Von dort sehe ich es dann auch. Unbelievable! Das ist ja unfassbar! Alles nur Pappmaché. Ich kann es kaum glauben.

 

umbau-side

 

Man muß zweimal hinsehen, um zu erkennen, das die fünf-geschossige Fassade im rechten Foto nur aus Pappe besteht. Dahinter verbirgt sich ein Gerüst und eine Baustelle. Ganz schön raffiniert und typisch englischer Witz. Hoffentlich machen sie es nicht wie im eigenen Heim, wo kurz über lang jemand auf die Idee käme, dass man es doch eigentlich so lassen kann. Obwohl ich davor stand, habe ich mich auch erst einmal täuschen lassen.

Die Handwerker sind schon seit Anfang Sommer am werkeln. Nun war es aber undenkbar den runden Geburtstag der Queen vor einer Baustelle zu feiern. Und so kam man auf eine grandiose Idee. Man fotografierte die Fassade und druckte das detailgenaue Foto auf eine PVC-Folio mit der Größe von 40 x 25 Metern. Bei Nacht und Nebel wurde das Foto an ein Gerüst gehängt und fast niemand hat es bemerkt. Jeder Stein und natürlich auch die Fenster sind original getreu abgebildet. Hinter den Gardinen erkennt man Gemälde an den Wänden. Ein gelungener Fake. Als George es mir zeigte und erklärte, freute ich mich um so mehr über die vielen Touristen, die sich vor die Plastikwand posierten und Selfies schossen. Nix stimmt, alles Schwindel.

 

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Ein aktuelles Pressefoto der Nord-Fassade. Man sieht es kaum, aber fast ein Drittel ist in Foto-PVC verhüllt. Verpackungskünstler Christo wird neidisch sein. Diese Seite des Schlosses ist die attraktivste. Sie wird von allen Touristen am liebsten fotografiert. Kaum einer merkte bisher den Schwindel.

 

Die Queen soll über die unkonventionelle Vorgehensweise gesagt haben: “I am absolutely delighted. The work is going on behind the screen and people are totally oblivious to it.” Da hat sie wohl ein wahres Geheimnis der Politik ausgeplaudert. Aber schon früher wußte man, die Welt will betrogen sein, also soll sie betrogen werden.