castle-frontAm königlichen Schloß von Windsor sind wir schon einige Male vorbeigefahren. Es liegt gleich an der Themse, an einem der vielen Bögen, die der Fluß hier sanft in die Landschaft gegraben hat. Ganz in der Nähe sind die Royal Swan Marker stationiert, die in jedem Frühsommer die Schwäne zählen, messen und wiegen. Zu dem Spektakel sind wir hier schon einige Male hergekommen. Und auch wenn wir weiter in den Süd-Westen der Insel fuhren, dann führte uns die M4, gleich hinter Eton, hier an Windsor vorbei. Aber so richtig besucht haben wir das Schloß eigentlich nie. Deshalb will ich es jetzt nachholen. Also los, auf zur königlichen Wochenend-Residenz.

 

‘It is the most Romantique castle that is in the world’Samuel Pepys, 1666

 

Windsor Castle: St George’s Chapel

My home is my castle und Windsor ist wahrlich eine Burg wie aus dem Bilderbuch kopiert. Sie liegt vor den Toren Londons. Von der Hampstead Heath sind es 45 km, dafür brauchen wir fast eine Stunde Fahrtzeit. Der Verkehr ist mal wieder zäh. George beurteilt die Lage als ganz normal und freut sich schon nach 60 Minuten am Ziel zu sein. Es ist eben alles relativ und ein Frage der Gewöhnung.

Wir haben Herbst und deshalb sollte der Touristenstrom inzwischen abgeebbt sein. Die Queen, also die Hausherrin, ist noch immer im Urlaub und ich kalkuliere den Ausflug mit einem halben Tag Dauer ein. Im Nachhinein darf man das als understatement verbuchen.

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Klein-London in Groß-London. Die ganze Stadt ist noch einmal im Legoland-Windsor zu besichtigen.

Windsor ist ein nettes Städtchen. Umrahmt vom Airport Heathrow, dem Eton College und Legoland. Da muß man höllisch aufpassen, dass man sich nicht verläuft. Denn dort ist London gleich noch einmal zu finden, detailgetreu, nur ein bißchen kleiner!

Ob es wohl in dem Legoland-London ein noch kleineres Legoland-London gibt? Und darin dann ein ganz kleines?

Je näher man dem (echten) Schloß kommt, desto schöner die Hausfassaden. Hier in Windsor ist die High Street richtig propper. Alle paar Meter ein Souvenirladen, dazwischen McDonald’s, ‘The King and Castle’ und Starbucks Coffee. Nicht die sonst üblichen Billigläden ‘Pay one – take two’ und auch keine Wettbüros. Dafür aber eine Christmas Factory in einer der Nebenstrassen. George muß anhalten, damit ich mir die Sache näher ansehen kann. Tatsächlich, der Laden verkauft alles was der Weihnachtsmann braucht. Und zwar ganzjährig! Gut zu wissen, falls man mal die Bescherung im Frühjahr plant, warum auch immer.

 

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Eingang zur Royal Shopping Mall von Windsor. Gleich um die Ecke, ist der Weihnachtsmann anzutreffen. Im Sommer gibt es auch eine kleine Auswahl von saisonalen Dekorationen, aber Santa ist immer vorrätig.

 

Jetzt aber elegant zurücksetzen und rein ins Vergnügen. Gerne hätte ich mich durch einen Nebeneingang geschummelt, werde aber freundlich darauf hingewiesen, dass es nur einen ‘Way In’ und einen ‘Way Out’ gibt. Sie liegen keine fünf Meter auseinander,  aber sobald man den Eingang passiert hat, muß man einen kilometerlangen, verschlungen Pfad folgen, um schlußendlich Stunden später den Ausgang zu finden. Zum Glück müssen wir uns keiner Gruppe anschließen, sondern dürfen alleine herumstrolchen. Das nutze ich, steuer uns zielstebig gegen die allgemeine Laufrichtung und fühle mich sofort wohler. Warum? Ich weiß es auch nicht, es scheint genetisch bedingt zu sein.

guardNicht nur das Schloß, sondern etliche weitere Gebäude sind vollständig von der mächtigen Aussenmauer umgeben. Alle paar Meter, und natürlich an jeder Ecke, wurden dicke, runde Wachtürme eingebaut. Sie sehen genau so aus wie die, die ich mit dem Anker Steinbaukasten meines Vaters auf dem Kinderzimmerboden errichtete. Selbst die Farbe der Steine stimmt. Bevor wir nun das Schloß erkunden, will ich erst einmal das Areal sondieren und biege gleich in den Lower Ward ab. Das ist der südliche Teil, der wenig von den Besuchern frequentiert wird. George ziehe ich mit, er folgt mir willig, immer an der Wand lang. 

 

 

St George’s Chapel

Der zentrale Bau in diesem Teil der Anlage ist ohne Frage die mächtige Kirche vor uns. Es ist die St George’s Chapel aus dem 15. Jahrhundert. Schon Heinrich der Achte hat hier gebetet, geheiratet und gebüßt. Ich glaube, er ist sogar hier beerdigt worden. Aber das sind etliche Könige, die Kapelle ist voller Sakrophage. Die hochaufragende Kirchentür steht offen und ich stecke schüchtern den Kopf durch. Dafür gibt es aber keinen Anlasse, denn wir sind willkommen. Dreimal täglich wird hier Gottesdienst gehalten und der ist öffentlich. Es scheint gerade kein Mensch anwesend zu sein und ich betrete die große Halle. Da bleibt mir fast die Luft weg. Denn der herrliche Raum, wohl gotisch, wird von einer sensationell beeindruckenden Holzdecke überspannt. Das ist wirklich gigantisch und erinnert mich an das Holzgewölbe von Westminster.

 

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Links: Blick von unten auf die Holzdecke, mitte: Blick in die Kapelle, rechts: Detail der Holzdecke.

 

Jetzt aber müssen wir uns beeilen rauszukommen, denn man bereitet sich wohl auf den nächsten Service vor. Das war ein optisch beeindruckender Auftakt und ich will mich erst einmal sammeln, bevor es weitergeht. Eine Bank lädt genau dazu ein. Kaum sitzen wir, merke ich endlich was mir hier fehlt: Bäume. Irgendwie ist das Gelände ohne Baum und Buschwerk. Die Rasenflächen sind sattgrün und millimetergenau gemäht worden, aber große Bäume sieht man immer nur jenseits, also außerhalb der dicken Mauern. An denen gibt es dafür einige nette Verzierungen zu entdecken und die will ich mir jetzt mal näher ansehen. Und damit wartet die nächste dicke Überraschung auf mich, denn mit solchen Figuren habe ich hier nicht gerechnet.

 

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Der Upper Ward von Windsor Castle. Weit und breit kein Baum. Auf dem Rasen kann man Golf spielen. Womit vertreiben die Gärtner die Maulwürfe?

 

Oben am Sims, streckt mir ein Narr seine Zunge raus, daneben eine Ratte mit einem gigantischen menschlichen Ohr auf dem Rücken. (Hat nicht irgend ein idiotischer Mediziner einen solchen Versuch gemacht? Ich habe dafür kein Verständnis. George zum Glück auch nicht.) Ich erkenne einen Drachen, einen Fisch mit Menschenkopf und ein Kaninchen mit einer menschlichen Hand. Alice im Wunderland? frage ich George. Der zuckt die Achseln, scheint die Skulpturen aber zu mögen: “I would like to invite them into our home and give them a saucer of milk in front of the fire.” Ich nicke und weiß er würde es wirklich tun. Zum Glück sind die Figuren aus Stein und hoffentlich unverrückbar.

 

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Fortsetzung folgt …