Laut aktueller UK Statistik kletterte die Anzahl der Mieter in 2016 auf neun Millionen (Einwohner gesamt: 65 Millionen). Es hat sich also nichts geändert, noch immer wohnen die meisten Engländer (Briten) im eigenen Haus. In London, wo die Wohnungsnot am größten ist, werden auch immer öfter Eigentumswohnungen gekauft. Für mein deutsches Empfinden sind sie oft sehr klein, man lebt klaglos auf 50 qm zu zweit zusammen. Da beanspruche ich alleine deutlich mehr. Aber das ist wohl alles Gewohnheitssache und wer es sich in London nicht leisten kann bzw. sich nicht bis zur Rente über beide Ohren verschulden mag, lebt auch noch nach dem 30. Geburtstag bei Mum and Dad. So mancher der den Auszug wagte, kehrt nach einigen Jahren wieder zurück. Das sind inzwischen mehr als 7 Millionen erwachsene Engländer, die nach einer Scheidung, Jobverlust oder Überschuldung zurück ins Elternhaus gezogen sind. Wohlgemerkt in ihr ehemaliges Kinderzimmer. Das ist dann für alle die Hölle, aber die kann man auch als Mieter erleben. Bei den Eltern gibt es das wenigsten kostenlos.

 

Leben und wohnen in London. Traum oder Alptraum? Auf jeden Fall ganz anders als in Deutschland. Man sollte sich gut informieren, bevor man einen Umzug plant. Privatsphäre ist dort eher die Ausnahme.

 

 

In England, speziell in London, ist das Leben eines Mieters ein trostloses Dasein. Oder wie George sagt: “London is property’s wild west” und “flat-shares are hell”. Und dann fügt er schnell noch hinzu: “Germany is the country where renting is a dream”. Ist es wirklich so schlimm? Nein, es ist noch viel übler. In England gibt es kaum Mieterschutz. Der Vermieter, genannt Landlord oder -lady, man spricht sie aber besser gleich als ‘Your Majesty’ an, kann mit dem Mieter machen was er will. Die Kündigungsfrist beträgt üblicherweise vierzehn Tage, egal wie lange man bereits dort wohnt, es reicht aber auch eine schlichtes “get out of my house” und schon steht der Mieter auf der Straße. Hier mal Auszüge aus einem Londoner Mietvertrag:

 

 

 

Viele Wohnungen werden möbliert vermietet, eigenes Badezimmer oder Toilette ist Luxus. Alle Renovierungen sind vom Mieter zu bezahlen, der Vermieter ist für gar nichts verantwortlich. Allerdings kontrolliert er regelmäßig seinen Mieter, dass der die Wohnung sauber hält. Man kann froh sein, wenn der Landlord sich anmeldet, meist kommt er einfach vorbei und schließt sich selbst die Tür auf. Das ist legal! Jetzt soll mit dieser fiesen Kontrolle Schluß sein, denn man will erstmals im Paralament durchsetzten, dass Mieter ihre Wände in den von ihnen gewünschten Farben streichen dürfen. Und ganz wichtig, dass sie eigene Bilder aufhängen können, ohne dafür eine Genehmigung einholen zu müssen. Jawohl, sie lesen richtig. In England ist es Mietern normalerweise strikt untersagt einen Nagel in die Wand zu schlagen. Das gilt natürlich auch für Bohrlöcher, Dübel und Schrauben. Alles muß vom Landlord genehmigt werden und das macht der meisten höchst ungern.

Weil bei Bekannten in der Nachbarschaft gerade eine Flat vermietet wird, habe ich mich dort mal schlau gemacht. Die Wohnung, ein ‘1-bedroom apartment’ (Zwei-Zimmer-Whg.) steht zur Vermietung frei. Eigentlich handelt es sich um das Erdgeschoss eines der typischen ‘Terraced Houses’ (Reihenhaus), wie man sie überall in London sehen kann. Man hat die Etage allerdings nicht ganz für sich alleine, denn die Mieter des Obergeschosses benutzen dieselbe Haustür und auch dasselbe Klo. Nun ja, da ist der Engländer nicht so empfindlich. Ich glaube die Küche teilt man sich auch, aber das Badezimmer gehört einem ganz alleine. Hurra! Es wurde angebaut, besteht aus einer Wanne und einem Waschbecken. Immerhin alles neu gefliest und kein Schimmel an der Decke. Das Highlight ist das Doppelschlafzimmer, das wegen seiner Größe besonders angepriesen wird. Es misst 3,90m x 2,86m; also 11,15 qm! Daneben gibt es noch den Reception Room, das ist das Zimmer im Fenster-Erker zur Straße, das jedes Terraced House hat. Hier wohnt und isst man, sieht fern, zieht die Kinder groß, spielt mit dem Hund und unterhält die Gäste. Der Raum ist 3,90m x 3,63m groß (14,1 qm). That’s it. Ach so, es gibt noch einen Garten (50,00 qm), den typischen englischen Hinterhof, rundherum blickdicht eingezäunt. Er gehört dem Mieter alleine und das ist verlockend. Allerdings für den deutschen Geschmack sieht das Stück Rasen wenig einladend aus. Hier liegt man auch nicht in der Sonne, sondern sucht sich seinen Freiraum. Vater baut sich seine Shed (Gartenhütte), die Kinder spielen Fußball, der Hund vergräbt geklaute Knochen und Mutter hängt die Wäsche in den Wind. Weil die Zimmer so beengt sind, lagert man das Leben in den Garten aus. Dort wird getanzt, geturnt, und Tai Chi in der Morgensonne praktiziert. 

 

Das ist ein Terraced House, vermietet wird das Erdgeschoss. Hier sind drei dieser Häuser zu sehen, sie sind schmal wie ein Handtuch. Die Mülleimer stehen immer vor der Tür. Der Strom wird übrigens noch per Kabel über das Dach eingespeist. Dort steht auch ein Wasserspeicher, der den nötigen Leitungsdruck erzeugt. Der Garten ist zwar 50 qm groß, aber auch nicht wirklich einladend. Für Obst und Gemüse mietet man sich oft noch ein nahegelegenes ‘allotment’ (Schrebergarten) an. Dort hat man dann stolze 400 oder sogar 800 qm, allerdings dient es wirklich der Ernte.

 

Und was kostet das nun? Also die Lage ist okay. Die Wohnung ist in Finchley, ein Stadtteil im Norden Londons, ruhig, grün und nicht zu weit vom Zentrum entfernt. In fünf Minuten ist man am Bahnhof der Underground und die Northern Line fährt einen dann direkt in die City. Es sind sieben Stationen bis King’s Cross, das ist nicht zu weit draußen. Es gibt Schulen, eine High Street mit Geschäften aller Art und einige nette Pubs rundherum. Parken muß man auf der Straße und dafür braucht man eine Parkplakette. Die gibt es umsonst, allerdings nur zwei pro Haushalt. Die müssen sich auch die Gäste an die Windschutzscheibe klemmen, sonst ist Strafe zu zahlen. Kommen also mehr Leute mit dem Auto vorbei, dann wird es eng. Allerdings wird das kaum passieren, denn man trifft sich lieber im Pub, dort ist deutlich mehr Platz als im heimischen Wohnzimmer. 

Die Flat kann möbliert oder unmöbliert gemietet werden, die Mietdauer wird langsfristig angeboten, auch keine Selbstverständlichkeit. Will man die eigenen Möbel mitbringen, dann zahlt man £1,250 monatlich. Das sind sage und schreibe 1.455 Euro. Natürlich kommen die Nebenkosten (Strom, Wasser, Gas) hinzu. Und mit Stolz präsentiert man auch den EPC, also das Energie-Zertifikat für das Gebäude. Es wurde in die Klasse D eingestuft, ein Dunkelgelb in Sachen Wärmedämmung. Für englische Verhältnisse hervorragend.

 

Grundriss der angebotenen Wohnung. Sie ist beispielhaft für alle Terraced Houses in London. Rechts ist die Straße, roter Pfeil Haustür, oben und unten schließen die Nachbarwohnungen an, jede ist gerade 4,50 m breit. Die Treppe nach oben ist extrem schmal, ich bekomme da oft Platzangst. Aber trotzdem ist es irgendwie auch ungemein gemütlich.

 

Falls Sie interessiert sind, gebe ich Ihnen gerne die Adresse der Leute. Ab 16. Mai, also ab heute, steht die Wohnung zur Verfügung. Beeilen Sie sich, denn in London ist Wohnraum rar. Ich glaube nicht, dass dieses Angebot lange auf einen Mieter warten wird. Übrigens die Vermieterin ist eine sehr nette Landlady, sie alleine ist schon die halbe Miete wert.