Eine Märchenhochzeit! Die Walt Disney Studios hätten es nicht besser hinbekommen. Alles stimmte, die Planung war meisterhaft, die Logistik minutiös und doch war immer genug Spielraum, um Gefühl und Seele nach Herzenslust herumtollen zu lassen. Eigentlich wollte ich nur kurz in die TV Übertragung schauen, blieb dann aber gebannt hängen. Die Bilder vom sonnendurchfluteten Windsor, die prachtvollen Pferde, die nicht minder interessanten Gäste, all das ließ mich, und geschätzte 2 Millarden Zuschauer weltweit, gebannt im Sessel sitzen. Ich war froh, dass ich die Hochzeit live in der BBC verfolgen konnte, denn das ZDF hatte leider einen Studio Reporter gewählt, der mir ganz und gar unsympathisch ist und der offensichtlich wenig über die britische Monarchie oder gar Mentalität weiß. Erst spät am Abend wurde dann auf NDR3 eine Zusammenfassung des Tages gezeigt, die von Rolf Seelmann-Eggebert kommentiert wurde. Was für ein Genuß, auch wenn der Mann längst in Pension ist. Er ist ein Kenner des Königshauses und kaum zu ersetzen.

 

 

Die letzten TV-Bilder vom glücklichen Ehepaar, die uns gezeigt wurden, haben die meisten wahrscheinlich nur noch verschwommen durch Freudentränen sehen können. Zurück von der Ehrenrunde im offenen Landauer, gezogen von vier grauen Windsor Pferden, verschwand das Paar in Richtung St George’s Hall in Windsor Castle. Dort hatte die Queen zum Lunchtime Empfang eingeladen und jeder der 600 Gäste, die Platz in der Kirche gefunden hatten, durfte dabeisein. Es gab Canapés mit Schottischen Langusten und Lachs, gegrillten englischen Spargel, eingewickelt in Schinken aus Cumbria,  Garden Pea Panna Cotta oder Hähnchen mit einer Yoghurt Creme. Alles aus eigener Zucht und Anbau. Zubereitet wurde das Essen von den Mitarbeitern der Royal Kitchen at Windsor. Die sind große Empfänge gewohnt und haben es routiniert gemeistert. Während die Gäste sich noch verstolen die Finger leckten, -das ist ja immer so eine Sache mit dem Stehempfang-, trat der Prince of Wales ans Mikrophon. Seine Rede wurde von allen mehr als gelobt, er zeigte viel Gefühl, war sentimental wenn er wärmsten von ‘my darling old Harry’ sprach und dann wieder gewohnt schlagfertig und humorvoll. Bei den 600 Gästen blieb kaum ein Auge trocken, teils aus Rührung, teils vom Lachen. Natürlich war auch Meghan’s Mutter Doria dabei und Harry’s Eltern gaben sich alle Mühe, ihr das Gefühl zu geben, zu der Familie dazuzugehören.

 

 

Dann antwortete Harry. In seiner Paradeuniform war er, genau wie sein Bruder William, ein Eyecatcher erster Güte. Kein Wunder das die traditionsbewußten Engländer diese Momente lieben. Sie teilen ihren Stolz auf die Armee ohne Schuldgefühle, wie es in Deutschland, aufgrund der Nazivergangenheit, gar nicht vorstellbar wäre. Irgendwie ist das schade, denn gut dosiert, zur rechten Zeit, tut dieses Gefühl ganz gut. Ist Ihnen übrigens aufgefallen, dass fast ausnahmslos alle Gäste in der Kirche sowohl die Hymnen als auch die religiösen Lieder ohne Textbuch mitsingen konnten? Wer länger in England verweilen will, sollte wenigsten ‘God save the Queen’ fehlerfrei drauf haben. Ich würde sagen, um im Bild zu bleiben, dass diese Hochzeit weniger ‘Pomp and Circumstances‘ als vielmehr ‘Hope and Glory’ war. – Meghan hatte vermutlich inzwischen den meterlangen Schleier abgelegt, trug aber noch immer ihre wunderbar elegante Hochzeitsrobe, und natürlich hatten auch die Gäste noch keine Gelegenheit ihre bunten Sommerkleider, worum man ausdrücklich gebeten hatte, auszutauschen. Man war also auch optisch noch ganz nahe an der gerade gemeinsam erlebten Zeremonie. War das nicht ein traumhafter Moment, als Harry seiner Braut den Schleier lüftete und sie ihn voller Freude und Liebe ansah. Da zitterten ihm die Knie und so ganz hatte er sich wohl noch immer nicht von dem Zauber lösen können. Warum auch? Jedenfalls beschrieb einer der Gäste seinen Gesichtsausdruck mit: ‘the cat that got the cream’. Mit anderen Worten er schwamm in Glückseligkeit und schaffte es doch eine gute und witzige Rede zu halten. Zum Schluß ermahnte er die Gäste sich ruhig und gesittet zu benehmen, wenn sie das Schloss verlassen, sonst könnten sich Nachbarn bei seiner Großmutter beschweren. Jedes Mal wenn er ‘my wife’ sagte, gab es lauten Applaus und er mußte den Satz von vorne beginnen. Alle freuten sich mit ihm, mit dem jungen Ehepaar und den märchenhaften äußeren Umständen, die man nicht besser hätte bestellen können.

 

Prinzessin Charlotte hat gut Lachen bei der Ankunft zusammen mit ihrer Mutter. Sie hat noch viel Zeit, aber eines Tages wird sie ihre eigene Hochzeit feiern, hoffentlich bei genauso schönen Wetter, und ganz London wird ihr zujubeln.

 

Elton John sang für Harry und Meghan das Lied ‘Tiny Dancer’ aus dem ‘König der Löwen’. Mein Favourit ist ‘Can you feel the love tonight’, aber mein Engländer ist auch kein König sondern eher der Vagabund, der dort besungen wird. Egal, schön sind beide Songs. Nachmittags lud dann Prince Charles zum wedding dinner in das Frogmore House. Es liegt im Windsor Castle Park und ist nur selten für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Gäste dort hatten sich auf den ‘harten Kern’ der guten Freunde und Familienangehörigen reduziert. Das waren round about 200 Personen, die erst einmal zum Essen gebeten wurden und dann ab sieben Uhr zur after party. Auch dort war der Prince of Wales Gastgeber und wahrscheinlich einer der besten Entertainer des Abends. Niemand kann so gute Witze erzählen und vor allem die Pointe treffen, wie der künftige englische König. Hoffentlich verlernt er das nicht. Die Hochzeitstorte (20kg Butter, 20kg Mehl, 20kg Zucker und 500 Eier) war inzwischen verspeist, sie bestand aus drei großen Cremetorten (Limonen und Holunderblütensirup), die auf kreisrunden ‘Thronen’ präsentiert wurden. Man hatte das Prachtstück in der Küche des Buckingham Palastes kreiert und vorsichtshalber mit drei verschiedenen Autos nach Windsor transportiert. Der Londoner Verkehr ist tückisch, da kann man eine unvorhergesehene Vollbremsung nie ausschließen.

 

Das Frogmore House ist ein nobles Country-House im Home Park von Windsor Castle.

 

Die Gäste amüsierten sich prächtig, andere, die nicht zum ‘engeren Kreis’ eingeladen worden waren, ärgerten sich auch schon mal schwarz. Darunter wohl auch die Duchess of York, besser bekannt als Fergie. Das kommt davon, wenn man sich scheiden lässt, dann gehört man eben nicht mehr dazu. Ist doch eigentlich gar nicht so überraschend, oder? Gegen elf Uhr abends erleuchtete ein Feuerwerk den Nachthimmel über Windsor Castle und dann konnte ziemlich laute Musik aus Richtung Frogmore House gehört werden. ‘They danced the night away’, wie der Engländer sagt, und ließen den märchenhaften Tag angemessen ausklingen. Als die letzten Gäste gingen, erhellte schon die Morgendämmerung des Pfingstfestes den Horizont im Osten. Eine rundum gelungene Hochzeit, die liebevoll und detailliert von Harry und Meghan geplant worden war. Selbst am Fernseher konnte man es spüren, hier waren ganz viele persönliche Wünsche der beiden realisiert worden. In England urteilt man einstimmig positiv und ich schließe mich gerne an: There was a lot of tradition but also a lot of modernity.

 

 

Im Jaguar, mit Steuer auf der linken Seite (!), fuhren die beiden zur ‘after party’. Inzwischen hatten sie sich umgezogen. Meghan trägt einen Aquamarin Ring an der rechten Hand. Es soll das Hochzeitsgeschenk von Harry sein, der den Ring von seiner Mutter Diana geerbt hatte.

 

Fast hätte ich hier geendet, aber eine Sache muß doch noch besprochen werden. Vorab sei erwähnt, dass das Pfingstfest in England unbekannt ist, es wird nicht gefeiert. Und deshalb ist der morgige Montag dort auch ein ganz normaler Arbeitstag. Fast, denn in der königlichen Familie ist dieser Tag schon seit längeren rot im Kalender markiert. Der Grund ist eine Gartenparty im Buckingham Palast. Die Königin hat rund 300 wichtige Leute zur Geburtstagsfeier eingeladen. Sie feiert nicht etwa ihren eigenen, sondern den ihres ältesten Sohnes Charles. Es ist immerhin ein runder Geburtstag, ABER, -und das muß man hier groß schreiben-, eigentlich findet der erst im November statt. Denn bekanntlich wird der Thronfolger am 14. November siebzig Jahre alt. Nun gut, man feiert in England Geburtstage gerne auch früher, allerdings so viel früher nun auch wieder nicht. Was um alles ist da los? Nie hat die Königin ihrem Sohn eine solche Party ausgerichtet. Und siebzig ist ja nun auch kein ganz außergewöhnlicher Alter. Als ich jetzt auch noch hörte, dass die frisch Verheirateten ihre Hochzeitsreise aufschieben, nämlich um an dieser ominösen Geburtstagsfeier teilzunehmen, da habe ich mir meinen Teil gedacht. Könnte es sein, dass ein wichtige Ankündigung morgen Abend gemacht wird?