‘London is widely regarded as the dirtiest of any major city in Europe’, lautete das vernichtende Urteil über Londons Luftqualität. ‘Filthy air’ wabert durch die Strassen der Innenstadt. Vor fast siebzig Jahren passierte das schon einmal, damals quoll der Rauch aus den vielen Kaminen der Häuser. Damals starben in London Tausende an der verschmutzen Luft. Das passierte in wenigen Tagen, nämlich zwischen dem 5. und 9. Dezember 1952. Eine ungewöhnliche Wetterlage hatte das giftige Kohlenmonoxid tagelang am Boden gehalten. Die Londoner keuchten, rangen nach Luft und die Schwachen erstickten schließlich. So etwa prägt eine ganze Generation. Heute bahnt sich eine Wiederholung an. Grund sind die Autoabgase, die gesundheitsschädlichen NOx Emissionen. Sie müssen um 45% gesenkt werden und zwar bis 2022. Ein ehrgeizige Ziel, aber machbar. In solchen Sachen sind die Londoner Politiker erstaunlich zielstrebig, desto unverständlicher ist der Brexit Schlamassel für mich. Wie auch bei uns geht es um ältere Dieselfahrzeuge, aber auch Benziner. Sie verpesten die Luft und gehören aussortiert. Aber alleine mit guten Zureden ist da nichts zu machen. Die Engländer wenden eine viel erfolgreichere Strategie an, als wir es uns in Deutschland jemals trauen würden. 

[Anmerkung in eigener Sache: Ich darf moralisch auf die Stinker schimpfen, denn ich habe bereist im letzen Jahr aus Einsicht reagiert. Meine 1.600 cbm Hubraum habe ich gegen 999 cbm getauscht und damit nicht nur etwas für die Umwelt getan, sondern siehe da, auch noch für mich selbst. Auf einmal finde ich überall einen Parkplatz und die Benzinkosten zahle ich aus der Portotasche. Im Stadtverkehr bin ich jetzt die Königin, auf der Autobahn wäre es etwas anderes.]

Schon vor vielen Jahren hat die Londoner Stadtverwaltung eine Steuer für das Befahren der Innenstadt eingeführt. Jeder der zwischen 7-18 Uhr (Montag – Freitag) durch Westminster sausen will, muß satte £11.50 congestion charge bezahlen. Das entspricht aktuell 12,84 Euro. TÄGLICH! Und wie kann man so etwas kontrollieren? Nun, ganz einfach, wenn man Hochleistungskameras hat. Die lesen automatisch jedes Nummernschild, das in die Zone einfährt, vergleichen die Nummer gegen eine Datenbank und prüfen ob die Steuer bezahlt wird. Falls binnen 24 Stunden kein Eingang verzeichnet wird, erhält man automatisch die Rechnung + Strafzuschlag per Post. Weiteres Verzögern wird dann richtig teuer. Das haben die Londoner geschluckt und seitdem ist die Innenstadt deutlich weniger mit Autos verstopft. Als kompensierende Gegenleistung wurde ein hervorragender Nahverkehr etabliert, dazu ein gut ausgebautes Fahrradnetz und konsequenterweise Abbau aller  Parkplätze im Zentrum der Stadt. Alles Argumente, die einen den Umstieg in Bahn, Bus oder auf das Santander Bike leicht machen. Und viele gehen einfach zu Fuß, dass macht in London Spaß und hält gesund.

 

Victoria Embankment: London macht Platz für Radler. Die Straßen wurden rigoros schmaler gemacht, damit die Radfahrer eine eigene, sichere Spur haben. Das sind richtige ‘Biker Highways’, die quer durch die City führen.

 

Jetzt wird eine weitere Gebührenzone eingerichtet. Ab 8. April 2019 wird die Ultra-Low-Emission-Zone (ULEZ) in Londons Herzen eröffnet. Dort dürfen dann nur noch neuere Fahrzeuge mit niedrigen Abgaswerten kostenfrei fahren. Die Stinker werden zur Kasse gebeten und zwar mit £12.50 pro Tag. Und zwar zusätzlich zur congestion charge! Das wird dann richtig teuer, man hat nach aktueller Umrechnung 24,56 Euro täglich zu berappen. Und das wird nur der Auftakt sein, denn schon im Okotober 2021 wird man die ULEZ noch einmal kräftig ausdehnen, dann sind auch die Wohngebiete rund um die City betroffen. Der Engländer nimmt es mit Gelassenheit hin. Betroffen sind alle Dieselfahrzeuge, die vor 2015 vom Band liefen und die meisten Benziner vor Baujahr 2006. Bumms, das haut richtig in den Karton, hat aber große Wirkung auf die Luftqualität der Stadt. So macht man das, wenn es um die Gesundheit der Bevölkerung geht. Ich finde es richtig.

Ein paar Ausnahmen gibt es, beispielsweise die Black Cab Driver. Die Busse des Nahverkehrs werden schon jetzt in großer Zahl gegen Modelle mit E-Motoren ausgetauscht. Der Bürgermeister verkündete mit Stolz: “It will be the start of the toughest emissions standards for vehicles in any world city”. Das ist die Wahrheit und kann neidisch machen. London will die Luft sauber halten und das macht man mit vernünftigen Massnahmen, die konsequent umgesetzt werden. Warum das beim Brexit nicht klappt, kann ich mir nicht erklären. Wahrscheinlich ist das Thema zu komplex und es fehlt an Kontrollmechanismen wie man sie im Verkehr durch die CCTV Kameras hat.

 

Transport for London hat diese Karte veröffentlicht. Sie zeigt die Zonen, wo künftig nur noch mit neueren Autos kostenfrei gefahren werden darf. Der hellgrüne, innere Bereich ist deckungsgleich mit der Congestion Zone. Die geht vom östlichen Hyde Park bis zur Tower Bridge. Sie umfasst u.a. Westminster, Covent Garden und die City of London.

 

Übrigens ist London in Sachen Luftreinhaltung nicht alleine. Andere Städte planen ähnliches und werden noch drastischer vorgehen. Birmingham hat bereits eine ähnliche Abgabe für 2020 angekündigt und Leeds will alte Fahrzeuge sogar mit £50 pro Tag zur Kasse bitten. Ebenfalls ab 2020. Weil das keiner bezahlen kann, muß man als Autofahrer umdenken. Genau das passiert gerade und zwar auf typisch ruhige, unaufgeregte englische Art. Ein betroffener Londoner Autofahrer hat sich der Zeitung gegenüber erklärt: “… The first I heard about ULEZ was an email I got from Transport of London. I found out it was going to cost me £12.50 a week (he is only one day per week with his car in central London) from this April, I get rid of the car. But I suppose that I’m not that annoyed; NOx emissions are really dangerous, and it’s a good way that I’ve been forced to do this. I thought I better buy a new car now, ahead of April. When other people wake up to this, I think it’s going to have quite an impact on the second-hand car market”. Gesagt, getan, inzwischen hat er seinen Ford Focus, der vielleicht noch 50.000 Meilen gelaufen wäre, gegen einen Ford Focus 1.0 Ecoboost eingetauscht. Er musste £8,000 zuzahlen, ist aber hochzufrieden, weil einsichtig und, -auch das typisch englisch-, am Wohl seiner Mitbürger interessiert. Und was können wir daraus lernen? Hamburg hat ja als erste deutsche Stadt ein Fahrverbot für ältere Dieselfahrzeuge ausgesprochen. Auf einem relativ kurzen Strassenabschnitt dürfen sie nicht mehr fahren. Eine teuere Sache, also für den Staat, denn Polizisten müssen die Einhaltung vor Ort kontrollieren. Eine vertrackte Angelegenheit, denn die Autos haben keine Plaketten. Woran erkennt man also die Stinker? Wie hält man sie an, wie und wo kontrolliert man, schreibt man einen Strafzettel und falls ja, wie stellt man fest, ob der ‘Sünder’ bezahlt hat … Fragen über Fragen, der Büroschimmel schlägt nach allen Seiten aus. Ich denke die Moral der Geschichte steckt im ‘Konsequenz-Management’, wie es neudeutsch genannt wird. Wer Regeln aufstellt, braucht Mittel um deren Einhaltung zu überwachen. Deshalb, und aus vielen anderen guten Gründen, bin ich für die flächendeckende Videoüberwachung der Strassen.

 

Überwachungskameras auf Londons Strassen. Sie kontrollieren den Verkehr und sind oft hilfreich, wenn Täter ermittelt werden müssen. Wenn die Kameras auf öffentlichen Plätzen zur Überwachung der Menschen eingesetzt werden, dann weisen große Schilder darauf hin. Beispielsweise auf dem Trafalgar Square zu sehen. – Manche schimpfen ‘Überwachungsstaat’, ich allerdings fühle mich stets gut beschützt und bin froh, dass man mich nicht aus den Augen verliert.

 

Und übrigens nutze ich die Bilder der Überwachungskamera selbst oft und gerne. Sie können ganz legal per kostenpflichtiger App auf dem Smartphone angezeigt werden. Fast in Realzeit. So weiss ich immer ziemlich genau wie es gerade auf The Strand oder im Trafalgar Square aussieht. Ich sehe den Verkehr, das Wetter, die Menschen. Eine tolle Sache, wenn man wie ich, Heimweh nach London hat.