George und ich haben keine Kinder. Manchmal finde ich es schade, denn Enkelkinder könnte ich mir ganz gut vorstellen. Aber wer weiß schon, wie es gekommen wäre. In der Nachbarschaft leben wohl einige Familien mit Kindern, die wir aber kaum sehen. Das Leben in London ist teuer und deshalb arbeiten die Frauen oft mit oder sind gleich die Hauptverdienerin. Die Kinder werden in der Schule ganztägig betreut. Viele besuchen auch Internate. Das sind teure Privatschulen, die aus welchen Gründen auch immer Public School genannt werden. Ich bin bis heute nicht dahinter gekommen. Egal, auch wenn wir mit all dem nichts zu tun haben, bekommen wir doch pünktlich den Ferienstart mit. Ein Blick in die Zeitung genügt. Drei Artikel verraten es uns: ‘Polizei geht gegen Kornkreisfälscher vor’, ‘Wildschweine strolchen durch die Stadt’ und ‘Nessie entlarvt’. Klare Sache, wir haben Ferienzeit. Übrigens werden die in England ziemlich großzügig gewährt, dieses Jahr vom 17. Juli bis 5. September. In dieser Zeit passiert auch im Parlament nix und Kater Larry hat Downing Street No 10 für sich alleine.

 

Was es mit dem ‘Pink Salmon’ auf sich hat, verrate ich weiter unten. Irgendwie sieht der Lachs ziemlich böse aus, oder?

 

Alice Cooper sang vor gefühlten fünfzig Jahren: ‘School’s out forever, school’s been blown to pieces’ und wir sangen beseelt mit. Sechs Wochen Ferien, was für eine unvorstellbar lange Zeit. Heute lebe ich beschleunigt, alles scheint im Zeitraffer vorbeizufliegen. Die englischen Eltern können sich aber keineswegs sechs Wochen Urlaub leisten. Weder zeitlich, noch finanziell. Normalerweise fährt man zwei Wochen an die Küste, vielleicht sogar nach Frankreich, aber das war es dann auch schon. Der Jahresurlaub beträgt meisten nur vier Wochen. Während die Londoner peu-à-peu die Stadt räumen, rücken die Touristen nach. Unter dem Strich wird es eher enger werden. Und nun wurden erstmals auch noch ganz unerwünschte Besucher gesichtet: wild boars, wir nennen sie Wildschweine. 

 

Die Polizei bittet um Mithilfe: Haben Sie ein Schwein verloren? – Gestern Nacht in Gloucester.

 

Die tierlieben Engländer haben gar kein Herz für Wildschweine. Sie waren Jahrhunderte lang ausgerottet. Genau wie der Wolf oder der Luchs. Man fürchtet sich vor diesen Tieren und will sie auf keinen Fall wieder zurück haben. Es gibt das eine oder andere Exemplar in Gefangenschaft und wie das dann so ist, büxen die auch einmal aus. So kam es, dass vor etlichen Jahren einige wild boars entkamen. Sie sollen sich auch mit Hausschweinen gepaart haben, wenn das dann möglich ist, und sind inzwischen schätzungsweise auf eine Population von ca. 1.500 Tieren angewachsen. Wohlgemerkt auf der gesamten Insel, also eigentlich extrem wenige. Trotzdem beäugt man jedes Wildschwein mit größtem Respekt, denn ein Autofahrer war bei einem Zusammenstoß ums Leben gekommen. Seitdem gilt das Schwein als ‘Killer’. Weil Wildschweine gar nicht schüchtern sind und gewaltigen Hunger haben, durchwühlen sie gerne auch die Mülltonnen in den Städten. In England besonders praktisch, denn der Abfall steht leicht erreichbar vor jeder Haustür.

 

Crop Circles: Mit einem Kreis kann man heute nix mehr gewinnen. Es muß schon etwas Anspruchvolleres geboten werden.

 

Die Kornkreise sind tatsächlich noch immer ein Thema. Ganz besonders in Südengland, in den Grafschaften Oxfordshire und Wiltshire. Dort sind uralte Bauten wie Stonehenge oder das White Horse in Westbury zu finden und man unterstellt, dass Ausserirdische sich davon angezogen fühlen. Es gab Jahre, wo kein einziger Kreis gefunden wurde. Dann aber in 2009 wurden gleich 93 crop circles gesichtet und dokumentiert. Der erste tauchte am 14. April auf und der letzte entstand am 29. August 2009. Die Kreise sind oft beeindruckend groß und kompliziert konstruiert und doch wohl alle ganz irdischer Handschrift. Trotzdem gibt es nach wie vor viele Suchende, die nur allzu gerne mystischen Geschichten lauschen. Mit ihnen lässt sich viel Geld verdienen und so hat sich ein richtiger Tourismus entwickelt. Der wiederum ist auf ‘frische Kornkreise’ angewiesen und die werden gegen Geld angeboten. Junge Leute prägen die Kreise in einer Nacht in das Feld, machen dann Fotos mit Hilfe einer Flugdrohne und bieten den genauen Ort gegen Geld im Internet an. Für den betroffenen Farmer ist der Schaden groß, spätestens wenn die neugierigen Hobbyforscher anrücken. Die latschen dann in Windeseile auch noch die restlichen Halme platt.

 

 

Wenn George in seine Ferien aufbricht, dann nimmt er gerne die Angel mit. Fliegenfischen in Irland oder Lachse in Schottland fangen, das ist genau nach seinem Geschmack. Zwei oder drei Kumpel müssen dabei sein und dann steht einer entspannten Woche nichts mehr im Wege. Ob wirklich ein Fisch angebissen hat, ist eigentlich egal, denn man hat vorher den Supermarkt leer gekauft, um Abends gemütlich am Lagerfeuer grillen zu können. Hauptsache das Bier wird nicht alle. – Einer solchen Altherren-Runde ist jetzt ein besonderer Fang am River Ness ins Netz gesprungen. Man hat mehrere Lachse gefangen, die der Sorte ‘Pink Salmon’ (Buckellachs) zugeordnet werden müssen. Das ist eine ziemlich Sensation, jedenfalls an diesem Ort. Also zwischen Loch Ness und Inverness. Eigentlich gehören diese Lachse in kälteres Gewässer. Sie sind eine große Gefahr für die heimischen Atlantiklachse und werden diese wohl sehr schnell verdrängen. Aber noch etwas anderes ist bemerkenswert. Der Buckellachs hat seinen Namen von einem mächtigen, sehr auffälligen Buckel auf dem Rücken. Der Fisch wird immerhin 60-70 cm lang und wenn er an der Wasseroberfläche schwimmt, dann wird sein Rücken zu sehen sein. Na, klingelt’s? Ja, der Pink Salmon könnte wirklich die Erklärung für die Sichtungen am Loch Ness sein. Nessie als wohlschmeckendes Abendessen, das wird wohl bald rund um den See serviert werden. George hat sich heute Abend auch für den Lachs entschieden. Er will ‘Salmon baked in foil with tangerine juice’ servieren. Ich bin gespannt, seine Kochkünste sind mehr als brauchbar. Ich drehe aber erst mal Alexa auf, das sprechende Radio, und bitte sie Cliff Richard zu spielen und schon kann ich mitsingen: We’re all goin’ on a summer holiday, no more workin’ for a week or two, fun and laughter on a summer holiday, no more worries for me or you, for a week or two. Trallala.