Meinen letzten Abend verbringe ich mit George im Garden Gate. *) Unser Home-Pub in nächster Nachbarschaft. Dieses Pubs sind wunderbare Orte, die ich in Hamburg schmerzlich vermissen werden. Denn Kneipen sind es nicht! Das muß ich mal ganz klar sagen, denn manche gute Bekannte machte sich schon Sorgen um mich, in wessen Fänge ich denn nun geraten sei.   

*) Das Garden Gate hatte sofort meine ganze Zuneigung, als ich auf der Tafel am Eingang den letzten Punkt las: “Dog friendly. Woof.”

Pubs sind das zweite Wohnzimmer des Engländers. Sein eigenes ist räumlich oft ziemlich klein, 15 qm sind schon viel,  und kann deshalb Besuchern keinen Platz bieten. Stattdessen trifft man sich im Pub. Meistens ab Mittags geöffnet bis in die Abendstunden. Das Garden Gate macht immer noch um 23:00 Uhr dicht, obwohl die Sperrstunde längst aufgehoben ist. Aber das reicht auch, denn man kommt nicht her, um sich zu betrinken.

Ich war täglich nachmittags dort, habe einen Kaffee getrunken, meinen Laptop angeschaltet, E-Mails beantwortet und einen Beitrag für diesen Blog geschrieben. Nachbarn kommen und gehen, man hält einen Schnack und niemand wird ausgeschlossen. Es ist selbstverständlich dort alleine hinzugehen und sofort findet man seine Leute. Schon ist man in netter Runde.

Als Stammgäste sind wir regulars. Man kennt George und akzeptierte mich auf Anhieb. Aber wir, und alle anderen regulars, geniessen keine Sonderbehandlung. Bestensfalls kann ich darauf vertrauen, am Tresen wahrgenommen zu werden, wenn ich die nächste Runde für uns bestelle, sofort bezahle und mitnehme. Es wird nicht bedient und man gibt auch kein Trinkgeld. – Beim Essen ist es anders.

Der Wirt wird landlord genannt und das trifft es auch viel besser. Denn er ist der boss. Hier ist nicht der Kunde König, sondern der landlord ist die Autorität. Wer das nicht akzeptiert, kann sofort gehen. Man bittet ihn um ein Bier und man bedankt sich, wenn er es einem zapft. Nicht anders herum.

Mir war das eigentlich von Anfang an sympathisch, wenn auch irgendwie sehr unverständlich. Dann aber wurde mir klar, dass wir uns hier im “zweiten Wohnzimmer” befinden und nicht in einem Restaurant oder in einer Kneipe. Wie im eigenen Zuhause, wo vielleicht der Vater oder die Großmutter, die absolute Autorität ausüben, so ist es auch hier. Und hier sind wir eben zu Besuch, im urgemütlichen Gastraum des landlords, und haben uns zu benehmen. Wer die Regeln akzeptiert, hat “Familienanschluß” gefunden und wird gegen alles Böse beschützt werden. 

ale-bar

Das Auge isst mit aber vielleicht gilt das auch für’s Trinken. Letztens sagte jemand, das Auge liest mit, aber das ist dann schon wieder Humor der besonders feinen Art. Hier im Garden Gate werden viele Biere angeboten. Das süffige, obergärige ale, was de-facto ein Synonym für beer ist, gibt es von vielen Brauereien. Es reicht also nicht ein pint ale zu bestellen, sondern man muß auch sagen welche Sorte man gerne hätte. Mir ist es lieber, wenn das Bier wenig Alkohol hat, und ich bestelle deshalb immer ein Real Ale Mild. Es wird noch in alter Weise gepumpt, ohne Kohlensäure, und folgerichtige muß ich auch kein nächtliches Sodbrennen fürchten.

Also hier, in dieser liebgewonnen Atmosphäre, habe ich mich von London -ziemlich wehmütig- verabschiedet. Wie immer trafen wir Nachbarn, Bekannte, Freunde und standen schnell in einer fröhlichen Runde. Alle redeten durcheinander, es war laut, ich verstand nichts und amüsierte mich doch prächtig. X-mal mußte ich erzählen, wie in Deutschland angestoßen wird, man fand es zum Totlachen, auch wenn die Pointe längst bekannt war.

george

Engländer gehen direkter zur Sache. Man holt ein neues Glas Bier (für alle in der Runde), sobald der Schnellste sein Glas ausgetrunken hat und dann “wash down“. Ohne Augenkontakt oder gar ‘Prost’ oder Anstoßen. Trotzdem sollte ich es immer wieder vormachen. Na, gerne doch. 

Dafür komme ich im Laufe des Abends den Londonern auf ein Geheimnis! Und zwar bezüglich der Aussprache. Endlich weiß ich warum es für sie so einfach ist, die nicht immer einfachen Worte ganz locker aus dem Mund purzeln zu lassen.   

Erst dachte ich nur George würde es machen. Vielleicht ein letzter Rest des Brummi-Akzents? Aber nein, sie machen es ALLE! Nämlich sie sprechen kein “th” aus!!! Unfaßbar, da quäle ich mich durch ein halbes Dutzend Schuljahre, stecke die Zunge durch die Vorderzähne, versprühe Spucke und Zischlaute und dann erfahre ich, daß das ganz unenglisch ist.

Ob Sie es glauben oder nicht, der Londoner (Engländer?) spricht statt eine “thßßßßß” einfach ein ganz entspanntes “ffffff”. Zunge schön hinter der unteren Zahnreihe liegen lassen, Unterlippe locker gegen die Schneidezähne legen und fertig. – Das muß ich erstmal verdauen.

Wir gehen früher als sonst nach Hause. Ich muß meine Sachen packen. Ich bin ein bißchen traurig, aber dann gibt George mir mein Valentine-Geschenk schon vorab: Flug-Tickets für den 14. Februar! Na dann, bis bald.