George riecht gut. Ich mag sein Eau-de-Toilette. Okay, vielleicht bin ich ein bißchen subjektiv in meiner Bewertung. Vielleicht wäre ich auch hingerissen, wenn er sich morgens mit was-weiß-ich einnebeln würde. Vielleicht ist es gar nicht der Duft, sondern die Prägung auf den bestimmten Menschen? Auf jeden Fall benutzte ich sein Parfum gerne mit. So habe ich ihn den ganzen Tag bei mir, also wenigstens in der Nase.

Jetzt hat es sich darüber beschwert. Es wäre ungerecht. Er müsse sich dadurch quasi doppelt riechen und wäre um den Genuß des ‘Fremd-Duftes’ gebracht. Was soll ich darauf antworten? Er hat ja Recht. Erfreulich ist, dass er es bemerkt hat.

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Typische Wohnstrasse in Hampstead. Ganz in der Nähe wohnt George.

Um ihn wieder in Wohlfühl-Stimmung zu versetzen, mache ich zusätzlich zum “normalen” Frühstück (Toast, Marmelade, Kaffee) ein paar warme Leckereien. Sobald Speck, Würstchen und Eier in der Pfanne bruzzeln, comes the smile back. Bratendurft am Morgen macht den Engländer glücklich. Für meinen Magen ist es eher kein Weckruf. Auf jeden Fall kommt George so doch noch zu einem nasalen Sinnesreiz; ich gönne es ihm vom Herzen. – Aber hoffentlich denkt er künftig nicht beim Passieren jeder Frittenbude an mich? Ab morgen benutzte ich mein eigenes Parfum! Ganz bestimmt.

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Hampstead liegt höher als das restliche London. Man kann weit schauen.

Als wir satt sind geht das Zeitungslesen los. Wir mögen es beide. Dann zieht sich das Frühstück manchmal bis in den Vormittag.

George hat sich den ‘Spiegel’ geschnappt. Ich sammle das immer gerne im Flugzeug ein, Zeitschriften aller Art werden da kostenlos verteilt. Er blättert, verweilt hier und da. Was macht er bloß? Versteht er doch Deutsch? Den Verdacht habe ich schon lange, oder schaut er sich bloß die Bilder an??

6-driveAuf einmal lacht er kurz auf. Erwischt, denke ich mir, jetzt hast du dich verraten. Er schaut zu mir rüber und sagt: “Advertisers please note that being alive is an absolute minimum requirement for driving a car.”  “Hä?” Klar können Tote keine Autos fahren. Aber warum sagt er es mir? George hält mir die Zeitschrift hin und zeigt auf eine Anzeige von Mitsubishi. Dort prangt der Slogan “Drive alive!”.

Solche hinrissigen Werbesprüche bekommen wir übrigens zuhauf zugerufen. “Come in and find out” oder “Get the London look“. Was soll das sein? Ein Brite findet auch nicht die Spur von Sinn in diesen Sätzen. “Smooth, smart slogans, and all totally meaningless” grummelt George.

Gerne würde ich kontern. Aber womit? Immerhin fällt mir eine Bezeichnung spontan ein, die man in letzter Zeit öfter in englischen Tageszeitungen findet: “über-trendy“. Zum Beispiel im Zusammenhang mit tatoos habe ich es gelesen. Über-trendy ist das einzige mir bekannte (aktuelle) Wort, das aus dem deutschen Sprachschatz übernommen wurde. Wenn das Schule macht, -und das könnte sein, denn German liegt schwer im Trend-, dann wird auch Englands Werbung schon bald sinnfrei werden. Garantiert.

George hört mir schon gar nicht mehr zu. Ein Artikel im Telegraph hat seine volle Aufmerksamkeit. Dort heißt es, nur ein Drittel der Briten halten einen Seitensprung hinderlich für ihre glückliche Ehe. Ich will wissen, ob es sich bei dem Drittel ausschließlich um Frauen handelt. Keine Antwort. Vermutlich liege ich richtig. 

Als ich den Artikel lesen will, stutze ich schon beim Titel. Dort taucht das Wort “adultery” auf. “Was bedeutet das?” “To sleep with someone else“. “Aha.” Das ist aber ein merkwürdiges Wort, mit vielen Bedeutungen: adult = erwachsen, adultery = Ehebruch, adulterate = verfälschen. Alles derselbe Wortstamm, aber wie kommt man auf die Bedeutungskette? Ist da ein Zusammenhang? Ich kapiere es nicht.

Um nicht ganz in der sonntäglichen Bequemlichkeit zu versinken, raffen wir uns gegen Mittag auf und beschliessen einen Spaziergang zu machen. Die Hampstead Heath lohnt immer. Es ist parkartiges Heideland, mit vielen Teichen, Hecken und Grasflächen. Es ist der höchste Punkt Londons. George wohnt gleich am Rand des Grüngeländes.

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Das Kenwood-House im Park Hampstead Heath

Im Nordosten, wo es nach Highgate geht, zur Zeit eine schwer angesagte Promi-Wohngegend, sind drei Badeteiche zu finden. Einer ist nur für Frauen, einer nur für Männer und der kleinste See darf von allen genutzt werden. Ein ‘mixed-pool’. Dort planschen hauptsächlich Väter und Mütter mit ihren Kindern.

Und diese Trennung nach Geschlecht wird auch im Sommer 2015 noch gelten und gerne von den Londonern befolgt werden! Ich finde das herzerwärmend, es ist fast rührend. Das sage ich ohne jede Ironie.

Aber das diese liebenswerten, etwas scheuen Engländer, für die Sex immer ein bißchen “naughty” (unartig, ungezogen) ist, gleich in zweidrittel Mehrheit fremdgehen sollen, halte ich -ehrlich gesagt- für eine Zeitungsente. 

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Der wunderschöne, verwunschene Friedhof von Highgate.