Es ist spät am Abend, wir sind schon im Bett. George hat seinen Laptop auf dem Bauch und schaut sich Fotos an, die am Abend geschickt worden sind. Es sind Detail-Aufnahmen, hoch aufgelöst, von irgendwelchen Organen, die wohl schwer von Krebszellen besiedelt sind. Er klickt sich durch die Galerie, bleibt bei einem Blumenkohl ähnlichen Gewebeklumpen hängen und zoomt das blutige Disaster näher. Ich schaue stur auf meinen Ausdruck vom letzten Blog-Beitrag. Ich lese die meisten Artikel noch einmal Korrektur bevor die Freigabe erfolgt.

Wie macht der Mann das? Wie kann man sich solche Bilder intensiv ansehen, dann alles zur Seite legen und erwartungsvoll fragen: “How about sex?” Die Frage wird in dieser Nacht noch lange unbeantwortet bleiben und daran ist mein harmloser Blog-Beitrag über die Fahrgewohnheiten der Engländer Schuld. Mir ist immer noch nicht ganz klar, wie man in England das Autofahren lernt. Gibt es überhaupt Fahrschulen? Also frage ich nach. Und was George mir dann erzählt, haut mich schlicht um. Jede Antwort zwingt mich zu einer sofortigen Nachfrage und dann laufen mir die Lachtränen über beide Backen. Also seien Sie gewarnt.

In England gibt es genau wie bei uns einen Führerschein und den erhält man nach bestandener Fahrprüfung. Zu der meldet man sich praktischerweise selbst an. Wenn es sich einrichten lässt, übt man vorher ein bißchen das Autofahren, das ist aber nicht zwingend notwendig. Keine Vorschrift verlangt eine mindest Anzahl an Stunden! Grundsätzlich geht es auch ohne!

Damit man bei der Führerscheinprüfung wenigsten den Motor starten kann, ist es natürlich ganz sinnvoll vorher mal geübt zu haben. Dazu überredet man die beste Freundin oder gleich den demenzkranken Opa sein Auto zur Verfügung zu stellen. Man nimmt ein Stück Papier, malt ein großes ‘L’ (Learner) drauf und los gehts. Während dieses Trainings muß einen jemand mit gültigen Führerschein begleiten. Ansonsten alles easy.  

learner

Aber vorher muß man den theoretischen Fahrtest bestehen. Für 25 Pfund kann man einen Termin buchen. Man sollte die Strassenschilder deuten können, die Straßenverkehrsordnung (Highway Code) kennen und sich ein Lernbuch im einschlägigen Buchhandel gekauft haben. Es wäre toll, wenn man Zeit hatte es wenigstens anzublättern. Schafft man es wenigsten 44 der 75 Fragen richtig zu beantworten hat man gewonnen! Ansonsten wartet man einige Tage und meldet sich erneut an. Wiederholen kann man so oft man will.

highway-code

Mit dem bestandenen driving theory test Zertifikat unterm Arm, findet man sich dann zur praktischen Prüfung ein. Bevor es losgeht, und keine Sorge, denn die entscheidende Prüfungsfahrt wird nur 10 Minuten dauern, wird man erst noch zum Augentest gebeten. Dieser eyetest ist mit einem deutschen Sehtest nicht zu vergleichen. In England muß der Prüfling nur eine Aufgabe meistern: Er muß ein ganz normales Auto-Nummernschild aus 20 Meter Entfernung lesen können. Sollte er Schwierigkeiten haben, das Gelesenen korrekt wiederzugeben, darf er es auch stumm aufschreiben, ggfs. aufmalen. Das höre ich gerne, da muß ich mir wegen fehlender Sprachkenntnisse keine Gedanken machen.

Nun sind noch zwei Sicherheitsfragen zum Auto zu beantworten. Ich zitiere aus dem Original-Fragebogen:

1.) Show me how you would check that the horn is working.
2.) Tell me how you would check that the headlights and tail lights are working.

Wahrscheinlich würde ich jetzt fieberhaft nachdenken, was um alles in der Welt wollen die von mir sehen? Dabei ist es noch einfacher, als man denken könnte. Die Frage eins lässt sich mit einem kräftigen Druck auf die Hupe beantworten und Frage zwei verlangt das Anschalten des Fahrlichts und dann das Gehen um das Fahrzeug herum. Siehe da: Scheinwerfer vorne, siehe da: Licht hinten.

Bravo! Applaus, applaus.

Dann wird es ernst. Die praktische Prüfung beginnt. Ein behördlich bestellter Prüfer und der Fahrschüler steigen ein und fahren los. Die Prüfung steht unter dem offiziellen (!) Motto: “As long as you show the standard required, you’ll pass your driving test.” Das ist doch ermutigend.

Zehn Minuten lang wird man jetzt alleine durch den Verkehr steuern müssen. Der Prüfer wird hin und wieder ansagen, wo man langfahren soll. Das ist ja so eine Sache. Also ich habe überhaupt kein Problem mit den Angaben links oder rechts. Aber ich weiß von vielen, dass sie das permanent verwechseln. Meine Schwester ist tatsächlich wegen dieses links/rechts Verwechselns durch ihre praktische Prüfung gefallen. Das war um 1965, also als es eigentlich noch nicht ganz so streng war.

schildDas kann in England nicht passieren. Die stets verständnisvollen Engländer kalkulieren solche Schwierigkeiten ein und nehmen Rücksicht. Auf Wunsch kann der Prüfling sich die Richtung, in die er fahren soll, grafisch anzeigen lassen! Dazu gibt es vorgedruckte Schilder, die der Prüfer ihm dann vor die Nase hält:

Nach zehn Minuten ist es geschafft. Man bekommt seinen vorläufigen Schein ausgehändigt und kann sofort losbrausen. Der “richtige” Führerschein kommt einige Tage später per Post ins Haus geflattert.

Es soll Leute geben die die Prüfung nicht schaffen. Wie ist mir ein Rätsel. Denn die Kriterien sind eher komisch als angsteinflössend:

driving-test

Es darf während der Prüfungsfahrt kein ernsthafter (z.B. rote Ampel überfahren) oder gefährlicher Fehler (Radfahrer od. Fußgänger angefahren) passiert sein. Mit anderen Worten, alles andere lässt man durchgehen! 

Man darf nicht mehr als 15 Fehler während der Fahrt gemacht haben. (Das heißt alle 40 Sekunden hat man gegen eine Regel verstoßen!!!)

Für den Spaß zahlt man 62 Pfund (ca. 85 Euro) oder falls es abends oder am Sonntag besser passt, lässt es sich für 75 Pfund (ca. 105 Euro) einrichten. Super-Service! Ich würde dann um einen Prüftermin am Karfreitag, abends um 22:00 Uhr, bitten. – Das ist mit Sicherheit machbar. In England geht so was.)

Inzwischen ist es weit nach Mitternacht. Ich schwimme längst in Lachtränen und Glückshormonen. Lachen macht glücklich, der Engländer weiß es und drückt es richtig aus: Giggles and laughter. George ist auch wieder hellwach. Jetzt ist er in Fahrt gekommen und will mir sein ganzes Wissen präsentieren. Also fährt er fort.

Er hat gerade die aktuellen Zahlen des letzten Jahres gelesen, die von über 400 Fahrschülern sprechen, die während der Vorbereitung auf die Fahrprüfung einen Autounfall hatten. Und 13 Fahrer sind durch die Prüfung gefallen und zwar zum dreißigsten Mal!!! Oder öfter. “How can this be true?” frage zurück. Wie kann man das Auto beim Fahrtraining kaputt fahren. Passt denn da niemand auf?

licence
Fotomontage: So sieht der Karten-Führerschein aus.

Es dauert ein bißchen, bis wir die Frage klären, denn wir gehen von ganz verschiedenen Situationen aus. Ich denke natürlich an deutsche Erfahrungen und kann mir gar nicht vorstellen, dass der Engländer in seinem privaten Auto das Fahren lernt. Der Groschen fällt erst, als George mir erklärt wie das Auto beschaffen sein muß, mit dem man sich zur Fahrprüfung einfindet.

Du meinst, man fährt mit seinem eigenen Wagen zur Fahrprüfung??? Und macht dann dort den Führerschein??? Ja, allerdings muß auf der Hinfahrt eine zweite Person (mit gültiger Fahrerlaubnis) im Wagen sein und das selbstgemalte ‘L’ Schild hinten und vorne an der Scheibe kleben, dann ist alles okay. – Darf man das bei uns eigentlich? Mit halb zugeklebten Scheiben Autofahren?

Weil Leute wohl schon mit Traktoren oder von der Versicherung abgemeldeten Autos und irgendwelchen Eigenbauten zur praktischen Fahrprüfung erschienen sind, gibt es ein Merkblatt, das unter anderen darauf hinweist:

  • das Auto muß einen Sicherheitsgurt für Fahrer UND Prüfer haben
  • es muß einen Tachometer haben
  • nach dem Anlassen dürfen keine Warnlichter dauerhaft rot leuchten
  • vorne und hinten müssen L-Plates angebracht sein
  • das Auto muß vier Räder haben

Bevor George mir nun von dem schlimmsten Fahrschüler 2014/15 berichtet, springe ich kurz aus dem Bett und hole uns die Reste von der abendlichen Käseplatte. Die angebrochene Flasche Wein klemme ich mir schnell unter den Arm, dann ist die Hand frei für zwei Gläser. Zurück im Bett schaue ich ihn erwartungsvoll an. Was hat der Mann gemacht? Erzähl.

Also unter rund 700.000 Kandidaten fiel dieser Mann durch seine 12 ‘serious‘ Unfälle auf, die er während (!) der Prüfungsfahrten verursachte. He failed nearly every possible part of the test, with fault for his controls and observation when turning the car. Die Prüfer beanstandeten, dass der Mann prinzipiell keinen Gebrauch seiner Rückspiegel machte, keine Kontrolle über das Fahrzeug hatte, weder die Gangschaltung noch das Steuer beherrschte und sich unsicher an Kreuzungen verhielt. 

Aber England wäre nicht England, wenn man diesen Fahrschüler aufgeben würde. Er darf sich so oft zur Prüfung anmelden, wie er möchte (und die fällige Gebühr bezahlt). Theoretisch kann er lebenslang mit dem L-Schild als Learner durch die Gegend fahren, solange ihn jemanden mit Führerschein auf den Touren begleitet. Und last but not least wird ihm von amtlicher Seite sogar Mut gemacht, indem man sagt: “We applaud people who have failed the test multiple times, because although their driving may not be great they are still doggedly staying within the system rather than the one in 20 Drives who are going around uninsured. These disqualified drivers or those that can’t be bothered to pass the test are the real menace on our roads.

Ich bin ganz gerührt, denn ich weiß, so sind die Engländer und auf George trifft es natürlich auch zu. Immer optimistisch glauben sie an einen, egal wie oft man scheitert, sie bauen einen immer wieder auf. Mit dem Happy-End bin ich sehr zufrieden, damit kann ich eigentlich einschlafen.

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Wer sowas meistert braucht sich keine Sorgen um seine Fahrkünste zu machen. – Roundabout in Bristol. Solche Mega-Kreisel gibt es überall im Land.

Aber noch ist eine Frage ungeklärt: Was ist eigentlich mit meinem Führerschein? Wie lange ist der in England gültig? Weil ich noch den alten grauen Lappen hatte, habe ich mir rechtzeitig einen neuen Führerschein im Scheckkartenformat bestellt. Das geht beim Ortsamt problemlos. Der ist dann auch in England gültig, allerdings sind wir uns nicht einig, ob es eine zeitliche Begrenzung gibt. George meint nach 12 Monaten (pausenlosen) Aufenthalt müsste ich eine englische Fahrprüfung machen. Na ja, davor wäre mir nicht bange. Aber langsam begreife ich, warum die Engländer so langsam fahren. Ich dachte sie wären so entspannt; wahrscheinlich können sie es nicht besser.  Wie auch immer, unsere lange, für mich höchst interessante Unterhaltung hat mein Selbstbewusstsein in Sachen Autofahren auf der Insel deutlich gestärkt. Wahrscheinlich bin ich dem Verkehr besser gewachsen als die meisten ‘gelernten’ Linksfahrer. 

Die Weinflasche ist leer, der Teller auch. Wir kriechen unter die Decke drehen das Licht aus und ich komme auf die Frage von vorhin zurück. “I think it’s a really good idea.”

PS: Der guten Ordnung sei erwähnt, dass es auch in England Fahrschulen gibt und Übungsgelände. Aber es ist eben keine Pflicht diese Angebote anzunehmen.