Trotz morgendlicher Dusche bin ich noch ziemlich müde. Während ich vor dem Kleiderschrank stehe und nicht weiß was ich anziehen soll, jagd George schon munter durchs Haus. Aus der Küche ruft er mir zu: “Sex in the City?” Ich bin nicht abgeneigt ja zu sagen, kann mir aber absolut keinen Reim auf das Angebot machen. Also lieber mal kurz in den Flur gehen und die Treppe runterrufen: “Come again?”

Schon taucht sein Kopf am Treppenende auf und nun kann ich ihn auch besser verstehen: “I asked you if we’ll have a jog to kill an entire morning.” Oh Gott, joggen? Das meint er doch hoffentlich nicht ernst. “No you said something else. Something with sex.” Er schaut mich fragend an, dann antwortet er grinsend: “Yes, I asked for laps in the city.” Also doch, er will wirklich eine Runde in der Stadt laufen. Da habe ich mich aber schwer verhört.

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Mit einem guten Coach gelingt die Änderung

Wenn ich einen Grund nennen soll, der mein Leben in den letzten Monaten auf den Kopf gestellt hat, dann ist das meine plötzliche (?) Bereitschaft Dinge zu tun, die ich vorher niemals machte. Ich habe den Mut mein gewohntes Terrain zu verlassen und mich auf neue Gebiete zu wagen. Und so will ich es weiterhin machen, denn es hat mir bisher gut getan. Also lehne ich nicht ab, sondern zeige Verhandlungsbereitschaft.

Nun war ich allerdings noch nie sportbegeistert. Ich achte zwar darauf, mich regelmäßig zu bewegen, aber das sind immer Spaziergänge. Es dürfen auch Fußmärsche bis zu 10 km Länge sein, aber bitte nicht laufen. Wann immer ich es versuchte, ging es restlos schief. Schon nach wenigen Minuten blieb mir förmlich die Luft weg und ich konnte nur noch schwer japsend den Heimweg antreten. Wahrscheinlich bin ich immer viel zu rasant losgelaufen.

Also mal sehn, was George so anzubieten hat. Und tatsächlich gibt es gleich sechs Routen aus denen ich wählen darf. Alle führen durch London’s Innenstadt, was am Sonntag kein Problem ist. Mit Kennerblick schätze ich die Länge der Wege ab und entscheide mich natürlich für die Kürzeste. Hoffentlich geht das jetzt nicht auf einen Berg, z.B. auf den Parliaments Hill, gleich nebenan in der Hampsteadt Heath?

Wir müssen aufpassen, dass wir den Profis nicht in die Quere kommen. Denn heute findet der London Marathon statt. Zeitgleich mit dem Hamburger Lauf. Ein Blick in die Zeitung verrät uns, das der südlich der Themse in Blackheath startet. Dann geht es am nördlichen Ufer entlang, rund um den Tower und schließlich findet das Finale auf der Mall statt. Das sind dann keine 42 km sondern 26 miles.

Wir entscheiden uns für die Strecke “Top of the Town“. Den Südzipfel lassen wir aus, dann kommen wir den Marathonläufern nicht in die Quere. Dafür laufen wir eine extra Runde im Regent’s Park, immer um den Inner Circle herum.

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Am Wochentag könnte man hier schlecht laufen, denn die Strecke durch Soho folgt ‘some of the busiest streets on the planet’, wie es so schön im erklärenden Text beschrieben steht. Aber Sonntagsmorgen ist es kein Problem.

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Der Kanal führt durch Camden und den Regent’s Park. Er erinnert mich sehr an die Alster.

Im Regent Park laufen wir ein Stück am Kanal entlang. Das ist ein sehr begehrter Platz für Hausboote, die ganzjährig bewohnt werden. Die Liegeplätze sind teuer, wie alles in diesen zentralen Bezirken. Aber mich erinnert der Kanal sehr an die Alster und die Themse ist unübersehbar mit der Elbe vergleichbar. Da zwingen sich geradzu die Parallelen auf. Übrigens ist die Themse ein Gezeitenfluß, der Unterschied soll bis zu 6 Meter betragen. Wenn Ebbe ist, ist der trockengelegte Flußgrund unübersehbar. Die Themse ist ähnlich breit wie die Elbe, hat aber deutlich mehr Brücken. Alle paar Meter kann man sie queren. Aber sonst, sehr, sehr ähnlich. Sogar die Fähren scheinen mir baugleich zu sein. Vielleicht dieselbe Werft?

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Es könnte auch die Elbe sein. Ein Luftbild der Themse, von West nach Ost geblickt.

George hält sein Versprechen, er läuft langsam. Ich kann ganz gut mithalten. Im Fall des Falles steige ich in den nächsten Bus und fahre home. Wir sind schon fast wieder am Startpunkt, da passiert genau das, was ich die ganze Zeit befürchtet hatte. Es geht bergauf! Auch Regent’s Park hat einen Hügel, der nennt sich Primrose Hill.

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Der knapp 80 Meter hohe Primrose Hill; auch im Regent’s Park.

Ich will stehenbleiben, verweigere wie ein lahmer Gaul den nächsten Schritt, da ruft George mir ermunternt zu: “Enjoy the panoramic view and then we jog back down through the western side.” Der hat gut Lachen, aber sein Optimismus in jeder Lage nötigt mir auch Bewunderung ab. Immerhin er schafft es mich zu motivieren und schließlich sind wir tatsächlich am Ziel. Ich lasse mich in’s Auto fallen und freue mich auf’s zweite Frühstück.

Den Hinweis im Lauf-Ratgeber: “Regent’s Park will surely entice you back for another run” muß ich entschieden zurückweisen. Mich ‘enticed‘ in den nächsten Wochen nichts und niemand mehr zu einem ‘jog in the morning’.

Und dann wechsel ich meine Meinung schneller als das durchgeschwitzte T-Shirt. Ein Bild sagt oft mehr als hundert Worte.

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Eigentlich sollte ich froh sein, dass sich George freiwillig fit hält. Vielleicht laufe ich doch beim nächsten Mal wieder mit?