… sagt der Engländer, wenn er eine rote Linie zieht. Bis hierher und nicht weiter. An diese Grenze komme ich selten, denn George ist ein großzügiger Mensch. Er gibt mir sein Auto, teilt sein Haus und gleicht schweigend das Kreditkartenkonto nach meiner Abreise aus. Wenn ich von ‘Leben teilen’ schwärme, hält er es klaglos aus, aber es gibt eine Ausnahme: Die Allotments. Auf deutsch: seine beiden Schrebergärten in London. Sie sind zwar nur gemietet aber er würde sie niemals wieder hergeben. Selbst ein stundenweises Teilen, wird von ihm nur im Ausnahmefall geduldet. Die Scholle ist sein Refugium, ich habe dort nichts zu suchen.

 

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I’ll give you my allotment when you pry it from my cold, dead hands ist seine klare Ansage. Und damit ich es nicht als Scherz auffasse, schiebt er schnell noch nach: I’m deadly serious when I say I’ll only part it when I’m six feet under. Vermutlich zwischen Tomaten und Stangenbohnen begraben. Darüber und über andere letzte Wünsche müssen wir auch noch mal reden.

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Manche deutschen Worte werden direkt übernommen, wenn man sie für perfekt hält.

Ich trage es mit Fassung, denn ich bin nicht der Schrebergarten-Fan. Nachbarn in Hamburg haben so eine Laube. Ein grüner Flecken, aber leider innerlich genauso streng reglementiert wie äußerlich. Die Grundstücke sind exakt zugeschnitten. Es gibt eine Ordnung, einen Vorstand, etliche Amtsträger, Vorschriften und Regeln, Kontrollen und ziemlich peinliche Gartenfeste. Mit Volksmusik und Grillwurst. Danke nein, mir reicht mein Balkon.

In London geht es mir noch besser. Da verbringe ich die Abende im gepflegten Garten, mit stylischen Gartenhaus, Aussenkamin und himmlischer Ruhe. Was sollte mich in den Schrebergarten locken?

Seit einigen Jahren sind allotments ziemlich trendy und in der Metropole London  extrem begehrt. Jeder Engländer braucht sein eigenes Stück Land und wer in der Stadt wohnt, vielleicht auf der Etage, der sucht sich einen Mietgarten. George hat gleich zwei solcher Grünflecken, beide in Barnet (Nord-London). Er kann bequem mit dem Fahrrad hinfahren und macht es oft und gerne. Anfangs war ich misstrauisch, wenn er sagte “I go to the girls”, bald aber wußte ich, dass er damit seine Bienen meinte. Die leben auf dem einen Grundstück; ein kleiner Schwarm, aber groß genug um eine nennenswerte Menge Honig zu liefern. Den tröpfeln wir dann an kalten Tagen auf’s Toast, while the plot sleeps through the winter.

 

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Seinen anderen Schrebergarten nutzt er aber zum Gärtnern. Auf englisch gardening und das ist viel mehr als nur ein Hobby. Engländer lieben ihr Land, den Boden, das Ernten von Obst und Gemüse. Gärtnern im outside haven ist das Lebenselixier. Undenkbar das im gutbürgerlichen Hampstead, im eigenen Garten zu machen. Der Rasen dort ist Selbstzweck; den kann man nicht umgraben. 

Deshalb hat er sich schon vor Jahren einen weiteren Schrebergarten gemietet. Das ziemlich große Stück Erde ist Teil einer Anlage, hier mitten in London. Sie besteht aus 180 allotments, alle mit Wasser- aber ohne Stromanschluß. Sie sind untereinander kaum abgegrenzt, haben nur kleine Geräteschuppen, und bilden zusammen eine grüne Oase. Jetzt im Sommer wachsen dort Reihe für Reihe Tomaten, Gurken, Bohnen und Erbsen. Aber auch Blumenkohl und Kürbis gedeihen prächtig. Es gibt Salatbeete und besonders gut entwickeln sich die Zwiebeln in diesem Jahr. Die Mieter dieser allotments sind Ärzte, Anwälte, Kaufleute, sogar ein bekannter Schauspieler ackert mitten unter ihnen. Daneben Rentner, Hausfrauen und kleine Angestellte. That’s the joy of the allotment. All men are equal when they’re gardening next each other

 

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Die Warteliste für einen solchen Nutzgarten ist lang. Die Grundstücke sind zwar nicht teuer aber das Angebot ist knapp. Man muß mit mehreren Jahren Wartezeit rechnen. George übertreibt wenn er sagt, sobald du schwanger bist, mußt du Kontakt zu Eton, Marlborough, Harrow und the Local Allotment Waiting List aufnehmen. Aber im Kern stimmt es, niemand gibt seinen Schrebergarten freiwillig auf. 

Mich fasziniert es, dass er sich die Zeit nimmt. Er erntet beachtliche Mengen und was wir nicht selbst essen, wird an Nachbarn verschenkt. Ich stimme ihm zu, das es extremely satisfying ist, selbst kultivierte Nahrung zu essen. It’s empowering. Und das Gärtnern, so wie es der Engländer betreibt, ist eine rundum gesunde Sache für Körper und Geist. George sagt mit Überzeugung: “On my allotment I’m miles away from my working world of technics”.

 

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Kürzlich aber war er richtig sauer. Eine TV Moderatorin hatte eine Sendung in einem typischen englischen Schrebergarten aufgenommen, und meinte nun Expertin für allotments zu sein. Sie regte öffentlich an, man solle die Grundstücke vierteln und könne damit auf einen Schlag die langen Wartezeiten verkürzen. Da war aber eine rote Linie überschritten. ‘The nation’s amateur vegetable growers were fuming’, lautete die Schlagzeile. Und am meisten qualmte George. Die klassische Größe eines allotments beträgt 250 qm. Diese Fläche reicht aus, um eine vierköpfige Familie ein ganzes Jahr mit Nahrung zu versorgen. Da man auch Kaninchen und Hühner halten darf, ist auch genug Protein vorhanden. Würde man das nun teilen oder gar vierteln, dann sind nur noch rund 60 qm übrig. Viel zu wenig schimpft George: “Such a small plot would barly feed the family dog!” – Da muß ich schon sheepish grinsen, wenn ich die Früchte im Korb sehe, die er mitgebracht hat. Weder die Tomaten noch der fresh chilly würden dem Hund gefallen. Aber ich weiß, wie es gemeint war.

 

Wir genießen den Spätsommerabend im Hampsteader Garten. Eine gute Flasche Wein und ganz frisches Obst laden zum Naschen ein. Egal was ich probiere, die raspberries, gooseberries oder blackberries, alles schmeckt köstlich. Der Geruch und der Geschmack speichert sich ganz tief in meinem Gedächtnis ab und wird auch in hundert Jahren diese wunderbare Erinnerung in mir wachrufen, sobald ich den Duft der reifen Früchte wahrnehme. Dieses leidenschaftliche Gärtner, nicht als Arbeit sondern als Erholung, ist für mich eine englische Quintessenz. Und wenn ich dann längst wieder in Hamburg bin, nehme ich manchmal im Traum den lehmigen Geruch des englischen Bodens wahr und kann den Duft der nassen Woodlands nach einem Regenguss in allen Zellen spüren. 

Ich bin froh, dass George ein so typischer Engländer ist. Seine Liebe zur Natur, die Bienenzucht und das Gärtnern werde ich ihm gewiss niemals ausreden. Da darf er so oft hinradeln wie er will. Damit er es auch versteht, sage ich ihm: “I keep my paws off your plot”. Er versteht und strahlt.