Diesen netten Gruß findet George oft vor, wenn er erst abends nach Hause kommt. Dann weiß er, dass der Postbote vergeblich geklingelt hat. Das Paket hat er wieder mitgenommen, oder wenn es der nette Zusteller war, dann hat er es in die offene Garage gelegt. Das funktioniert in England nicht anders als bei uns. Die Royal Mail ist fast eine Kopie der deutschen Post, jedenfalls aus meiner (eingeschränkten) Sicht. Wenn es auch einen, markanten Unterschied gibt, nämlich die Farbe. In England kommt der Briefträger in Rot, bei uns noch immer in Gelb. Übrigens benutzte ich noch immer die alten Bezeichnungen, ich spreche von ‘Post’ und ‘Briefträger’ und habe keine Ahnung was mit der Abkürzung DHL gemeint sein könnte. Und ich wette, dass Sie es auch nicht wissen. Man könnte auf ‘Delivery’ und ‘Logistic’ spekulieren und liegt damit völlig falsch. Tatsächlich sind DHL die Anfangsbuchstaben der Namen Dalsey, Hillblom und Lynn. Und jetzt haben Sie richtig geraten, die drei Herren waren die Gründer des inzwischen weltweit operierenden Unternehmens.

 

Die Erkennungsfarbe der Post ist noch immer das leuchtende Rot.

 

In England spricht man von der ‘Royal Mail’, egal ob Brief, Paket oder Postfiliale. Dabei sind es drei inzwischen getrennte Unternehmen. Die ‘Parcelforce’ kümmert sich um den Paketversand, -übrigens inzwischen in Konkurrenz mit privaten Firmen wie DHL, die auch in London im gelben Lastwagen unterwegs sind-, das ‘Post Office’ ist die englische Postfiliale und die ‘Royal Mail’ kümmert sich um den Briefversand. Sie wurde als letzte privatisiert und finanzierte sich mit der Ausgabe von Aktien. Und etwas zur selben Zeit, ca. 2013, beschäftigte sie sich auch noch mit einem anderen, ziemlich geheimnisvollen Projekt. Es ging um die in Vergessenheit geratene Mail Rail, mitten in London. Das ist eine Eisenbahnlinie, gut 20 Meter unter der Oberfläche, die ausschließlich für den Brieftransport benutzt wurde. Eine Miniaturlok zog ebenso kleine Waggons von Paddington nach Whitehall. Dazwischen wurden sieben unterirdische Stationen angefahren. Das waren voll ausgebaute Bahnhöfe, wo Postbeamte den Zug be- und entluden. Die Miniatur-Eisenbahn fuhr ohne Personal und ohne Zugführer. Alles funktionierte voll automatisch und war viele Jahrzehnte lang effizienter und schneller als der Transport durch die mit Autos verstopften Strassen der Innenstadt.

 

Das ist sie: Die Mail Rail. Wer mitfahren will muß sich klein machen. Die Passagiere passen sitzend gerade unter das Glasdach der Waggons. Die Tunnels sind ca. zwei Meter im Durchmesser groß.

 

Und doch wurde die Mail Rail 2003 außer Betrieb genommen, denn sie war nicht mehr kostendeckend. Kaum jemand hatte es damals bemerkt, weil außer den Postmitarbeitern nie jemand in das Tunnelsystem hinein kam. Als 2013 privatisiert wurde, kamen die neuen Eigentümer auf die Idee, die Bahn als Ausflugsattraktion wieder ins Leben zurückzurufen. Ein aufwendiges und teures Projekt, das aber schnell ein stattliches Startkapital zur Verfügung hatte. Man versteigerte kurzerhand einige äußerst rare Briefmarken, aus dem Fundus des Postmuseums, bei Sotheby’s. Der Erlös brachte etliche Millionen Pfund ein und damit konnte der erste Spatenstich in Finsbury gemacht werden. Man baute sich am Phoenix Place ein London National Postal Museum, dessen Attraktion die alte Tunnelanlage der Royal Mail ist. Das Haus ist inzwischen fertig, das Museum wurde gerade eröffnet und ab Anfang September kann man dann eine Fahrt mit dem ‘old rattling beast’ buchen. 

 

So sitzt man in den neuen Waggons. Statt ‘MIND THE GAP’ heißt es hier ‘MIND YOUR HEAD’.

 

Die Ingenieure haben ganze Arbeit geleistet. Die Strecke ist wieder befahrbar und neue Züge wurden gebaut. Auch die sind noch immer ziemlich klein, aber der Platz reicht gerade für sitzende Passagiere. Damit rauscht man dann durch die engen Tunnel und kann sich alles hautnah durch das Glasdach der Waggons ansehen. “Let’s rattle along the track”, lädt mich George ein. Aber ich winke ab. Das ist nix für mich, das ist mir zu eng. Ich werde Platzangst bekommen und glaube das Gefühl zu kennen, das einen überkommt wenn man in so einem Zug durch die Unterwelt fahren muß. “You know the feeling? Whence?” “Aus meinen Alpträumen”. George grinst und will auch noch den zweiten Grund wissen, den ich vorsorglich angekündigt hatte. “Nun ja, da werden doch wohl einige Ratten wohnen. Und ich wenn da eine auf das Glasdach springt, also 10 Zentimeter über meinen Kopf sitzt, dann kann ich für nix mehr garantieren.” Das sieht er ein, aber er versichert mir, dass dort weder Ratten noch Fledermäuse sind. “They don’t have any living down there. It’s because there’s no food for them any more.” Mag sein, aber ich fahre trotzdem nicht mit.

 

London von unten. Mail Rail ist besser und günstiger als London Dungeon und irgendwie genauso unheimlich, oder?

 

Das Postal Museum ist aber sicherlich auch ohne Mail Rail Tour einen Besuch wert. Man bietet verbilligten Eintritt für Besucher, die nicht fahren wollen; das ist fair. Das Museum erzählt von der langen und traditionsreichen Geschichte der königlichen englischen Post. Man kann die bei Touristen begehrten Fotos machen (rote Telefonzelle) und erfährt die spannende Geschichte der Rail Mail. Sie war von 1928 bis 2003 täglich 19 Stunden in Betrieb. Man transportierte bis zu 4 Millionen Briefe pro Arbeitstag durch den 37 Kilometer langen Tunnel. Und während des zweiten Weltkrieges war der unterirdische geheime Zugang zu Whitechapel (Downing Street + Parlament) ein Staatsgeheimnis erster Klasse. Und vielleicht haben Sie die ziemlich ungewöhnliche Postbahn sogar schon einmal im Kino gesehen. Man wählte sie mehrfach als Drehort und Bruce Willis nutzte sie als Transportmittel im Film ‘Der Meisterdieb’. Dort kurvte sie allerdings angeblich durch die Vatikanstadt. Nun ja, manchmal muß man die Tatsachen ein bißchen faken. Den anglikanischen Engländer wird die Anleihe des Papstes Freude gemacht haben. 

 

Es soll viele geheime Tunnel unter der Londoner Innenstadt geben. Ganze Geisterbahnhöfe liegen im Dornröschenschlaf. Diesen Eingang sah ich am Tower Hill. Er soll zu einem mysteriösen Tunnel unter der Themse führen, der aus viktorianischer Zeit stammt. Ob es stimmt? Vielleicht wollte George mir nur Angst machen; er mag es wenn ich seinen Schutz suche.

 

 

 

… und als ich schon das Wasser für den Tee aufsetzen will, da steckt George den Kopf durch die Tür, um mir zu sagen, dass er noch mal wegfährt. “Wohin?” “High street, post office”, ruft er zurück und ich frage mich was er dort will. Er nimmt sich die Zeit und erklärt es mir: “Just as a quick reminder, we got greetings”, beginnt er und hält mir die Karte entgegen. Jetzt fällt es mir wieder ein, stimmt, der Postbote war umsonst gekommen und hatte uns seine Karte hinterlassen. ‘Sorry, you were out’, hatte er geschrieben und nun müssen wir das Paket selbst abholen. “And I will buy some stamps”, fügt George hinzu. Brauchen wir welche? Wann schreiben wir schon mal Briefe oder Karten? Höchstens Weihnachten, dann allerdings gleich im Dutzend. “It’s precisely why I am on my way.” Und schon fällt die Tür ins Schloß und weg ist er.  Goodbye and gone he was. Hoffentlich bringt er wieder so lustige Marken wie im letzten Jahr. Die kamen ziemlich gut an. Aber ist es denn wirklich schon so weit? Ich fürchte ja, denn wenn ich es richtig erinnere, dann starten die Londoner Luxus-Kaufhäuser Selfridges und Harrods ihre Weihnachtdekoration bereits im August. Mir schwant Böses, denn ich dachte es wird demnächst mal Sommer. Da bin ich wohl nicht ganz up-to-date. Oder wie man so schön sagt, der Zug ist abgefahren. Und damit George mich auch versteht, hier noch schnell sein sprachliches Bild, das dasselbe ausdrückt: That horse is out the barn.