Ich bin alleine. George ist schon gestern nach Schottland geflogen. Er trifft sich mit Kollegen, reist ein bisschen in den Highlands herum. Leider bietet der Trip wenig Freizeit, also bin ich in London geblieben. Er fehlt mir, aber schon morgen wird er wieder hier sein. Da piept mein Telefon. Ja, eine Nachricht von ihm: “I’m in a train to Dunfermline and want to aks you, if you think there’s a loo on board?” Es gibt Augenblicke, in denen ich aufpassen muß, ihn nicht wie ein Kind zu behandeln. Letztens schickte er mir eine Nachricht aus dem Schlafzimmer, ich war unten in der Küche: “Do I have a fleece at home?”. Natürlich hat er solche Pullover, sogar mehrere. Wo die sind? Theoretisch dort, wo sie hingehören.

 

Wann ist ein Mann ein Mann? Und wie ist die Rollenverteilung in England geregelt? (Grafik: J. Portillo)

 

Was ist los mit den Männern? Ich meine, er ist in der Lage gut 200 verschiedene Knochen zu identifizieren, er kennt ihre lateinischen Namen und kann sie in ‘gesund’ oder ‘deformiert’ einsortieren. Das kriegt er ganz alleine hin und Irrtümer würden ihm teuer zu stehen kommen. Wieso kann er dann nicht alleine entscheiden, ob er Porridge oder Smoked Salmon zum Frühstück bestellen soll? Ich glaube er will einfach eine Unterhaltung starten, egal auf welchem Niveau. Einfach signalisieren: Hallo, ich bin hier, bist du auch da? Hörst du mich?

Dem Engländer ist die Privacy wichtig, man lässt es sich aufs Shirt drucken. (Zeichnung: Matt Pritchett)

Ich habe versucht herauszufinden, ob Männer wirklich grundlegend anders als Frauen sind. Es scheint so zu sein. Wenn ich jemanden benötige, der mir zuhört und dem ich vertrauen kann, dann brauche ich nur zum Telefon zu greifen und eine meiner Freundinnen anzurufen. Für George ist es undenkbar, dass er seine Sorgen mit seinen besten Freunden teilt. Die kennen sich ein halbes Leben lang, aber sie würden niemals emotional die Hüllen fallen lassen. Warum nicht? “Because it’s PRIVATE.” 

Ich erlebe das häufig in London. Wenn ich mich mit einem Mann unterhalte, der mir sympathisch ist, dann gebe ich persönliche Dinge preis. Vielleicht verrate ich mein Alter oder die Tatsache, dass ich Rentnerin bin. Vielleicht erzähle ich wo wir in London leben oder was ich früher beruflich gemacht habe. Und dann merke ich, dass mein Gegenüber verstummt und stetig größere Augen bekommt. Schließlich wird er sich abwenden, denn die Sache wird ihm zu peinlich. “It’s so embarrassing.” Aus meiner Sicht, meiner deutschen Erziehung, ist es ein Zeichen von Höflichkeit, wenn man klare Auskünfte gibt. Da knallen zwei Welten aufeinander. Es fängt schon mit dem Augenkontakt an. Mir brachte man bei, dass ein aufrichtiger Mensch geradewegs in die Augen seines Gegenübers zu blicken hat, ein Engländer schaut grundsätzlich daran vorbei. Mag sein, dass er den offenen Blick sogar als Angriff versteht? Wer weiß, da schlummern vielleicht alte Instinkte (siehe unten: Nachtrag).

Weil ich abends viel Zeit habe, lese ich ein Buch über die klassische Mann/Frau Rollenverteilung. Es gibt sie noch immer, wenn auch Ausnahmen inzwischen erlaubt sind. Gerade in Englands Internaten wird oft noch ein recht altmodisches Männerbild geformt, dass dann das ganze spätere Leben dominiert. Viele Männer glauben sie dürften bestimmte Verhaltensweisen nicht zeigen, weil sie dann als schwach eingestuft werden. Sie glauben auch, dass ihre Partnerin bestimmt Dinge von ihnen erwartet. Also spielen sie die Rolle, um ja niemanden zu enttäuschen. Voller Fragen gehe ich ins Bett. Habe ich auch Erwartungen an George? Lasse ich ihn machen, was er will? Darüber müsste man mal reden. Aber er ist nicht da und erst als ich einen Spritzer von seinem Parfüm auf das Kissen sprühe, kann ich endlich einschlafen. 

 

Theresa May und Ehemann Philip teilen sich die Hausarbeit. “I get to decide when I take the bins out”, sagt er im Interview. Reicht das?

 

Am nächsten Abend kommt er früher als erwartet zurück. Er hat das Flugzeug genommen, denn die Zugfahrt ist ziemlich lang. Wir machen es uns gemütlich und ich nutze die Gelegenheit um mich langsam vorzutasten. Ganz behutsam, denn wenn er merkt, dass ich über ‘Seelenkram’ reden will, dann schnappt er ein. Heute aber zeigt er sich großzügig. So eine partnerschaftliche Pause peppt gehörig auf. Ich frage ihn also, ob ich ihm das Gefühl gebe, dass er sich in meiner Nähe voll ausleben kann. Große Augen, Fragezeichen bei ihm??? Also versuche ich es noch einmal. “Glaubst du, dass ich dir erlaube die Person zu sein, die du immer sein wolltest?” Kurzes Nachdenken und dann ein energisches “No.” Nach einer weiteren Pause, dann die Ergänzung: “I always wanted to be an astronaut.”

Er lächelt, große Erleichterung bei ihm, dass er das ‘Frauengespräch’ so gut gemeistert hat. Thema durch, wenden wir uns dem praktischen Teil zu. Davon versteht er viel mehr, auf dem Terrain fühlt er sich sicher.

 

 

Nachtrag, gerade gefunden:

Diesen Leserbrief fand ich heute in der Zeitung; er bestätigt meine Erfahrungen. Die Engländer vermeiden den Augenkontakt. Ihre Nachbarn scheinen anders zu sein. Ein ‘nutcase’ ist übrigens ein ‘Spinner’: