Mein Mittagessen lasse ich nur selten kalt werden. Heute ging es nicht anders, denn zeitgleich fand in London die Parlamentseröffnung statt. Dreieinhalb Jahre lang haben wir darauf warten müssen, nun war es endlich so weit. Leider regnet es dort seit Tagen und heute war es nicht anders. Wer konnte, hatte es sich trotzdem nicht entgehen lassen und stand am Straßenrand. Allerdings waren es bei Weitem nicht so viele Menschen wie üblich. Überhaupt fehlte ein wenig der Glanz, aber ich hatte das Gefühl, dass das ganz im Sinne der Königin war. Die tat mir eigentlich leid, denn sie wurde durch diesen merkwürdigen Termin mitten ins Brexit Geschehen gezogen, ohne das sie ihre Meinung kundtun darf. Das war kein würdiges Schauspiel. Aber Queen Elizabeth II. hat schon ganz andere Herausforderungen überstanden und so hoffte ich auf irgendwelche versteckten Signale. Und die glaube ich entdeckt zu haben, da wurde ich nicht enttäuscht.

 

 

Es geht los. Soldaten sammeln sich auf dem Hof der Wellington Barracks und marschieren in Richtung Buckingham Palace. Der ist in Sichtweite, gleich um die Ecke. Die Zuschauer warten dort seit Stunden unter ihren Regenschirmen. Nun hören sie endlich die Musiker näherrücken. Dann aber folgt erst einmal große Enttäuschung, denn man lässt den Palast links liegen. Stattdessen verschwinden die Männer (und Frauen) in einer Nebenstraße. Wer sich auskennt, weiß, dass dort Prinz Charles mit Ehefrau Camilla wohnt. Und die werden jetzt erst einmal abgeholt, denn sie werden die Königin ins Parlament begleiten. Früher machte das ihr Ehemann Philip, aber der ist seit Monaten aus der Öffentlichkeit verschwunden; ich denke das Alter fesselt ihn ans Haus.

Im Hof des Buckingham Palastes steht schon seit dem frühen Morgen die Kutsche bereit. Von den Zuschauern hat das niemand mitbekommen. Der Innenhof des Palastes ist optisch komplett abgeschirmt und deshalb ist es besonders interessant einmal einen Blick hinter die Kulisse zu werfen. Denn etwas anderes ist der Flügel mit dem berühmten Balkon nicht, er wurde erst später als Sichtschutz an- bzw. vorgebaut. 

 

 

Oberes Bild: Schemenhaft sieht man zwei Pferde und ihre Kutscher. Sie stehen vor dem Haupteingang zum Palast. Der liegt im Innenhof, auf  den man normalerweise keinen Blick werfen kann. Heute wurden aber die Tore geöffnet. Wenn Staatsgäste vorfahren, dann halten sie auch hier und werden freundlich empfangen. Und damit niemand bei Regen nass wird, ist alles gut überdacht.

Untere Bilder: So sieht also der eigentliche Buckingham Palace aus. Der Teil, in dem gewohnt und gearbeitet wird. Dort finden auch große Empfänge statt. Etwas heruntergekommen sieht es schon aus, oder? Ich glaube die geplante Grundrenovierung ist mehr als fällig, allerdings finde ich es auch ungemein sympathisch, denn es ist sooooo typisch englisch. Proper & cosy. Einzig der Vorbau vor dem Eingang, der im oberen Bild groß zu sehen ist, wurde regelmäßig gestrichen. Er ist deutlich heller als der Rest. Und den kriegen die Gäste auch nicht wirklich zu Gesicht. Wunderbar.

 

 

Unteres Bild: Die Königin ist eingestiegen und die Pferde ziehen an. Die lange Wartezeit fällt ihnen bestimmt schwer. Wenn sie im Geschirr stehen, spannen sie die Muskeln an und wollen dann auch loslegen. Die Reiter haben zu tun, sich und die Tiere zu beruhigen. Sollte so ein Pferd die Nerven verlieren, hält ihn keiner mehr auf. Als das Gespann in voller Länge zu sehen ist, bin ich überrascht. Es sind zwei Pferde mehr, als ich erwartet hatte. Und als eigentlich nötig, denn die Kutsche ist nicht allzu schwer. Aber das sei der Königin gegönnt, sechs PS dürfen es sein, das akzeptieren sogar die Klimakämpfer, die freundlicherweise heute die City lahmlegen, um die Zeremonie nicht zu stören. Soll man sich nun etwa bedanken?

 

 

Hätte sie doch bloß gewartet! Jetzt sind die meisten Zuschauer weitergezogen und kriegen gar nicht mit, dass die Königin sich auf den Weg macht. Vorneweg Soldaten auf ihren Pferden. Es sind sicherlich weit mehr als hundert Reiter. Wie kriegt man einhundert Pferde über Nacht nach London?? Eine Polizistin erzählte mir einmal, sie hätten Tiertransporter so groß wie zwei Container, darin könnten bis zu zehn Pferde auf einmal transportiert werden. Das wäre wohl eine Möglichkeit.

Die Kutsche braucht nicht allzu lange. Sie fahren die Mall hoch, biegen rechts ab und queren den Platz der Horse Guards Parade. Der Weg führt durch das Gebäude und dann kommt man schon in der Whitehall wieder heraus. Da ist vor einigen Minuten das Auto mit dem Premierminister gestartet. Der wird natürlich auch im Parlament erwartet, denn es ist seine Rede, die die Queen vorlesen wird. 

Im House of Lords wartet man voller Spannung. Die Königin wird vor ihnen hier, auf ihrem Thron, Platz nehmen. Das House of Commons darf sie nicht betreten, nachdem Charles I. dort mit seinen Soldaten einmarschiert war. Vielleicht gut, dass man diesbezüglich nachtragend ist. Die wütenden Debatten um den Brexit hätten womöglich zu einer Wiederholung geführt.

 

Die Lords schwitzen in ihren Roben. Die Perücken piken und kratzen. Irgendwie alles ziemlich verrückt. Die Damen und Herren sitzen auf unbequemen Lederbänken ohne Rückenlehne. Vorne sogar auf derben Säcken, gefüllt mit Schafwolle. Mäusen gefällt das und sie werden dort ziemlich oft gesichtet. Schließlich kommt der Speaker und führt die Parlamentarier ins hohe Haus, wo sie normalerweise nichts zu suchen haben. Sie stehen dann während der Queen’s Speach artig, ganz hinten an der Wand, eng zusammen gedrängt.

 

Nach langem Warten füllt ein ohrenbetäubender Schrei den Saal und dann tritt die Königin ein. Das ist immer so, wenn sie irgendwo erscheint, brüllt ein Soldat unmittelbar vorher irgendwas in den Raum. Beispielsweise: “Give way for the QUEEEEEEN!!!” Das macht er so laut und plötzlich, dass alle sofort in ohnmächtige Starre fallen. Die Königin wird von ihrem Sohn galant geführt. Sie geht langsam, setzt vorsichtig die Füße voreinander, aber das muss sein, denn man verheddert sich schnell in den langen Rock oder stolpert über den dicken Teppich. Alles geht gut, da ist sie Profi wie keine Zweite. Sie trägt eine leichte Krone, die ‘richtige’ ist viel zu schwer für die alte Dame und wird deshalb von einem jungen Diener auf einem Kissen getragen und ihr zur Seite gestellt. Man hat die Königin mit einem Mikrofon verkabelt, sodass sie ihre Stimme nicht anstrengen muss. Aber nach kurzem Räuspern klingt sie fest und entschlossen. Kein einziger Versprecher, kein einziges Mal kommt sie ins Stocken. Aber der Anfang ihres Auftritts ist bizarr. Sobald sie sitzt und alle Augen auf sie gerichtet sind, zieht sie hörbar die Nase hoch. Hat sie Schnupfen? Nein, das scheint nicht der Grund zu sein. Während der Rede macht sie es in einer Pause noch einmal und ich hatte das starke Gefühl darin ihre Missbilligung zu hören. Aus Versehen passiert ihr so etwas ganz gewiss nicht. Gleich zu Beginn geht es um den Brexit. Sie liest die Worte, die Premier Boris Johnson geschrieben hat, und bringt den Wunsch zum Ausdruck, dass man am 31. Oktober die EU verlassen will. Ist es wirklich auch ihr Wunsch? Dann verspricht sie allen EU Bürgern, die in Großbritannien leben, das volle Bleiberecht. Sie garantiert ihnen ihre Zukunft im Königreich. In dem Moment schwenkt die Kamera auf das Kabinett und die schauen ziemlich verdutzt aus der Wäsche. Hat die Königin da etwas gesagt, was gar nicht im Text stand? Vermutlich nicht, aber für die Minister war es scheinbar neu.

 

 

Nach gut fünf Minuten ist alles verlesen, die Königin nimmt ihre Brille ab und senkt den Kopf. Kein Blick zu den Lords, geschweige denn zu ihrem Parlament. Charles zeigt auch keinerlei Regung, schaut stur zur Seite und schon stehen beide auf und verschwinden wortlos durch die nächste Tür. Vielleicht ist es so Sitte, aber irgendwie wirkte das alles sehr unterkühlt. 

Dann verlassen auch die Politiker den Raum. Sie müssen nur die Eingangshalle queren und schon sind sie in ihrem House of Commons. Beide Sitzungssäle sind überraschend klein und schon deswegen einen Besuch wert. Wie so oft darf man alles aus nächster Nähe betrachten und mir fiel vor allem der muffige Geruch auf, der in der Luft des House of Lords lag. Vielleicht habe ich ihn mir aber auch nur eingebildet?

Schließlich zeigte die BBC minutenlang ein Standbild der Uhr, die über dem Thron hängt, auf dem eben noch die Königin saß. War es nun Zufall oder doch eine versteckte Botschaft? Man schaue auf die Zeigerstellung, sie sprach Bände.

 

 

So, nun ist es geschafft. Das Parlament wurde eröffnet und kann mit frischem Mut, Ideen und Tatkraft an die Arbeit gehen. Gleich nächsten Samstag wird man es beweisen, denn da wird es eine außerordentliche Sitzung geben. Wahrscheinlich bis spät in die Nacht. Man wird über den Vorschlag abstimmen, den Boris Johnson der EU vorgelegt hat. Verläuft alles nach Plan, dann wird man am 31. Oktober MIT Vertrag ausscheiden. Aber wetten würde ich darauf nicht. Tick-tack-tick-tack …