krach
Deutsche Streitkultur. Auch wenn ich es besser weiß, -Druck erzeugt Gegendruck-, weiche ich keinen Zentimeter/Inch.

Habt ihr nie Streit?” fragte mich ein Freundin. Ich stutze, grinse und sage “und ob, habe ich es nie erwähnt?” “.” Na, dann wird es Zeit. Berichte ich doch mal über das, was man wohl “marital quarrel” nennt. Gut, warum eigentlich nicht? Ein zuverlässiges ‘Kampfterrain’ ist die Planung des Urlaubs. Egal wie wir es angehen, es geht mit Sicherheit schief.

Gerne beginnt George den morgendlichen Frühstücksplausch mit der Frage wohin uns denn der gemeinsame Urlaub bringen soll. Er hält es für das perfekte small-talk Thema, im ganz privaten Kreis. Noch müde, crunching through the toast, flattert er dann von Ort zu Ort und landet schließlich ergebnisfrei wieder im Hier und Jetzt. Er macht es sicherlich in bester Absicht, und doch stranden wir jedesmal totsicher im ‘leidenschaftlichen Anschweigen’.

Immerhin weiß ich inzwischen, das es durchaus bemerkenswert von ihm ist, überhaupt eine Diskussion über das Reiseziel früher als drei Stunden vor der Abfahrt zu starten. Normalerweise fährt der Engländer erst mal los, kommt irgendwo an, schaut sich um und entscheidet dann. –  (Und zwar immer mit der Feststellung: Hier bleiben wir).

Man nennt es das KISS-Prinzip: Keep it small and simple. Das wird gerne, oft und zu allen passenden, und vor allen unpassenden, Gelegenheiten genutzt.

Ich muß leider eingestehen, dass ich an der stets knirschenden Reiseplanung nicht ganz unschuldig bin. Mein Problem ist: Ich hasse es zu verreisen! Meine Flüge nach London zählen nicht, sie werden von meinem Gemüt als Heimreise bewertet. Das geht in Ordnung, weil es sich gut anfühlt.

Das erzähle ich George natürlich nicht, denn er muß es nicht auch noch schwarz auf weiß bestätigt bekommen, dass er mich widerstandslos in der Hand hält.

Ich lehne so attraktive Ziele wie New York ohne Nachdenken ab und lande mit meinem Vorschlag (Scottish Highlands) genauso aussichtslos im Abseits. Leider ist  George bei dem dann folgenden Wortgefecht klar im Vorteil. Als geborener Brite hat er die typisch englische Erziehung in Elternhaus und Schule gelernt und verinnerlicht. Die zeichnet sich durch eine andere Streitkultur aus, als diejenige, die wir Deutschen gemeinhin praktizieren. Sie ist weniger aggressiv und lebt von der schlagfertigen, gerne auch witzigen, Rhetorik.

London eye in sunny day
Where to go? New York oder Scotish Highlands? Können wir nicht in London bleiben? Andere machen hier ihren Urlaub.

Generell fällt mir auf, dass der Engländer im Alltag viel häufiger Gelegenheit hat sein Streitpotenzial zu stärken. Spielerisch kann er es trainieren, sei es im Büro, in der Schule oder im Familienkreis. Die gesellschaftlichen Hierachien sind flach, man tritt selten autoritär auf. In einem solchen Umfeld ist es viel einfacher angstfrei und leidenschaftlich zu streiten.

Auch bei Auseinandersetzungen gelten stets die Regeln des Fairplay. Man vermeidet also persönliche Angriffe wie Beleidigung oder Diffamierung, bleibt aber in der Sache hart. Man wird sogar von den Autoritätspersonen (wie z.B. Eltern, Lehrer, Boss) ausdrücklich aufgefordert, sich engagiert für die eigene bzw. “richtige” Sache energisch einzusetzen. 

Das schlägt sich dann auch in der Sprache wieder. Man hat eher “schwache” Begriffe für das Streiten: to argue (argumentieren) hört sich nicht sehr aggressiv an. Oder wenn ich bereits schneller atmend, mit aufsteigender Gesichtsröte, gerade nach der richtigen Übersetzung suche, fällt George mir in’s Wort und kontert: “That’s open to dispute“. Himmel nein, ich will doch nicht disputieren, ich will mir Luft machen. Da sollen Fetzen fliegen.

debate
Witzig streiten braucht Übung

Es gibt “Debating Clubs” an Schulen und Unis. Man liebt die geistreiche Debatte, verliert dabei gerne mal den Streitpunkt aus den Augen, und liefert sich stattdessen witzige Wortgefechte, die manchmal Bühnenreife haben. – Das erklärt, warum ich bei unseren Frühstücksscharmützeln chancenlos bin. Am Ende sitze ich deutsch-grummelnd am Tisch und George nimmt sich vor die Frage “where to go?” erst mal nicht wieder zu stellen.

Gestern abend am Telefon war es dann aber doch mal wieder eines unserer Themen. “Was machst du am Wochende?” wolle ich wissen, denn auch in England ist das erste Maiwochende ein verlängertes. Allerdings wird dort nicht am 1. Mai gefeiert, sondern immer am ersten Montag im Mai. So ist das lange Wochenende für immer und ewig garantiert. Ganz schön schlau. Übrigens passiert dasselbe noch einmal Ende Mai und irgendwann im August. George antwortet: “Well, there will be major roadworks round London, rail closures and rain. It must be a Bank Holiday.” Das ist die übliche Bezeichnung für gesetzliche Feiertage.

By the way, dieses Jahr werden einige großen Bankfilialen erstmals am Montag, den 4. Mai, geöffnet haben. Ein untrügliches Zeichen, dass auch dieser Feiertag demontiert wird.

Wer kann packt Kind und Kegel in’s Auto und fährt zur Küste. Die ist nie weit entfernt, egal wo man auf der Insel wohnt. Der Engländer hat wenig Urlaub (4 Wochen) und nutzt deshalb die Bank Holiday Wochenenden gerne zum Kurztrip.

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Perfekte Mischung: Major roadworks, rail closures and rain! Es muß ein Bank Holiday Wochenende sein.

Aber diese 3-tägigen Pausen werden auch regelmäßig für umfangreiche Arbeiten im Verkehrsnetz genutzt. Egal ob Schiene oder Strasse. Da London in der Woche täglich von Millionen von Pendlern überschwemmt wird, kaum einer fährt mit seinem PKW in die Stadt, können diese Arbeiten nur an den Bank Holidays gemacht werden.

An diesem Wochenende ist es besonders arg, alle Autobahnen um London sind betroffen. Drei der größten Bahnhöfe (Charing Cross, London Bridge und Waterloo East) werden kurzerhand geschlossen. Man erwartet, dass ca. 15 Millionen Autofahrer im Stau stehen werden. Eine vorsorgliche Warnung wurde veröffentlicht: ” A miserable combination of road works, station closures and heavy rain looks set to bring Bank Holiday chaos this weekend.” Raten Sie mal wie der Engländer darauf reagiert. Er überliest alles bis auf die Worte “heavy rain“. Das wird lauthals kritisiert. Wie kann es nur sein, dass es am Bank Holiday regnet. Unglaublich. Wer ist dafür verantwortlich? Und weil man die Reaktion schon ahnte, wurde der Warnung gleich noch ein Satz nachgeschoben: “When the sun does break through, it will feel like near normal temperatures for the beginning of May.” Na, dann ist ja alles gut.

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Die Geburt der Royal Princess wird bekanntgegeben

George hat sich nichts vorgenommen. Er wird die Tage in London bleiben. Und weil gerade eben Kate ihre Tochter geboren hat, wird er wohl auf das Wohl der Royal Princess ein Glas Champagner getrunken haben und das werde ich jetzt auch tun.