Was für ein Luxus. Die Sonne lacht, wir haben frei und frühstücken schon morgens im Grünen. Ein langer Tag, ohne jeden Termin, völlig unverplant, liegt vor uns. Abends sitzen wir im Garten, bei romantischen Licht und lassen einen wunderbaren Sommertag ausklingen. George kümmert sich um die Getränke und hat mir einen Cocktail gemacht. Er reicht ihn mir mit den Worten: “In honour of world Gin Day raise a glass to mother’s ruin with me.” Peng. Das war’s. Meine Stimmung sinkt schlagartig,  sie ist auf gefährlicher Talfahrt.

Bevor ich aber protestieren kann, “mother???”, kriegt George gerade noch die Kurve. Er klärt mich auf, dass erstens heute wirklich der Tag des Gins gefeiert wird (wo? weltweit? UK?) und das zweitens ‘mother’s ruin” das übliche Synonym für Gin ist. 

pimms
Weniger eine Frage der Tageszeit als eher der Saison. Sommerzeit ist Pimm’s time. Likör auf Ginbasis.

Früher war Gin in allen Schichten sehr beliebt. Manche ‘Dame der Gesellschaft’ übertrieb den Genuß. Das blieb nicht ohne Folgen: “Gin is known for its propensity to turn respectable woman into impoverished fiends” (Der Gin brachte manch’ Dame um Geld und Verstand). 

Dann weiß George ja was ihn erwartet. Ich habe inzwischen die Flasche ein Stück weit gedreht und staune nicht schlecht: 40 Promille Alkoholgehalt! Cheers.

In  London erlebt der klare Wacholderschnaps in diesem Sommer gerade eine Wiedergeburt. Im West End öffnet eine Gin Bar nach der anderen. Unserem baldigen Besuch steht nichts im Wege, das Training war erfolgreich.

Meinen bodenständigen George zieht es aber eher in den gemütlichen Pub um die Ecke. Dort trifft er sich mit Freunden und Bekannten aus der Nachbarschaft. Gerne und regelmäßig werden dort Spieleabende veranstaltet. Ich fand das erst ziemlich merkwürdig, wenn erwachsene Männer sich zum Quiz oder Trivial Pursuit treffen. Inzwischen habe ich es begriffen. Sobald eine neue Spielrunde angekündigt wird, verlängert sich der Aufenthalt im Pub um mindestens weitere sechs Stunden. Da sagen alle begeistert JA.

Als George gestern abend mit den Worten “I’m going for a cheeky pint” loszog, rechnete ich damit, dass er wohl kaum vor übermorgen früh zurück sein wird. Aber weit gefehlt. Es zog ihn schon bald wieder nach Hause. Und so kam es, dass wir Zeit und Lust hatten den Tagesausklang im Garten zu erleben. George hatte sich selbst auch einen Cocktail gemixt, einen Pimm’s (wie’s geht steht im Beitrag “Game, set and match“) und ich wunderte mich ein bißchen über die Glasgröße. Statt eines half-pint hatte er das volle pint gewählt. Das fasst stolze 650 ml. Seine Erklärung war ebenso schlagfertig wie rührend: “It’s only because there’s more room for fruit!” 

Kein Fall für den Gerichtsmediziner. Der tonnenschwere Schädel liegt mitten in London. Er soll für irgendetwas werben, leider habe ich den Anlass vergessen ?!? Ein Hitzeopfer war es jedenfalls nicht. Vielleicht Hamlet? – Die Hunde sind begeistert, obwohl der Knochen ein ambitioniertes Vorhaben sein dürfte.

Bevor hier aber der Eindruck entsteht wir könnten uns ohne Alkohol nicht mehr viel erzählen, wechsel ich mal lieber das Thema. Zu erzählen gibt es ohne Ende. Lernen Sie einen Engländer kennen und Sie müssen sich nie wieder um lustigen Gesprächsstoff kümmern. Der wird frei Haus geliefert. Ich habe eher die Qual der Wahl, als Mangel an Stories. Sehr komisch und sehr englisch fand ich die wochenlange Auseinandersetzung zwischen einem Graffitikünstler und einem Gebäudereiniger.

Ich bin kein Freund von der “Kunst” des Fassadenbesprühens. Manchmal ist es einfach nur dämliche Ingnoranz und Unverschämtheit, wenn eine gerade frisch gestrichene Altbaufassade mit wenig originellen Tags gepflastert wird. Was will der Sprayer da eigentlich gegenzeichnen? Andererseits gibt es aber auch eine sehr ernst zu nehmende Graffitikunst, die mit großen Können und viel Liebe zum Detail ausgeübt wird. Statt Leinwand nimmt man in London gerne Rolläden. Und so kommt es, dass man tagsüber wenig von den oft großflächigen Bildern sieht, denn dann haben die Geschäfte die Läden hochgezogen.

Die Meisterwerke, -und das meine ich nicht ironisch-, sind in der Londoner City oder im Stadtteil Camden zu finden. Sie sind mehr als beeindruckend. Vor allem wenn man bedenkt, dass sie in einer Nacht entstanden sind.

graffiti
Dieses Bild wurde wahrscheinlich von Banksy gesprüht. Es war morgens in der Wood Green High Road in London zu sehen. Natürlich hat es eine politische Aussage; es steht im Zusammenhang mit dem Thronjubiläum der Queen. – Bilder dieser Art und Qualität sind in London regelmäßíg zu finden.

In diesen Tagen lastet aber auch über London die Hitze und irgendwie trifft es die Insulaner ja immer schlimmer als den Rest der Welt. Engländer gehen stets davon aus, dass das Ende der Zivilisation bevorsteht und verfallen prompt in “geordnete Panik”. Durch heatwaves (irgendwie alles über 30°C) rettet man sich u.a. durch besonders skurriles Scherzen. Und vielleicht war das der Grund, das ein fast zwölfmonatiger “Streit” zwischen einem nächtlichen Sprayer und einem Gebäudereiniger nun sein abruptes Ende fand.

Es begann ganz harmlos. Eine kleines E-Umspann-Häuschen wurde als Tatort erkoren. Eine Fläche neben der Tür war aus irgendwelchen Gründen mit einer rot-rosa Farbe übermalt und das brachte den Graffitikünstler auf die Idee dort nur das eine Wort ‘Red‘ aufzusprühen. Nicht wirklich originell, aber immerhin.

Am nächsten Tag rückte der Reiniger an. Er entfernte den Schriftzug und malte die Wand wieder an. Sein Rot-Rosa war ein bißchen dunkler als der Untergrund. Auch kein Meisterwerk, aber ohne störende Schrift.

Aber, oh Schreck, einige Nächte später war der Künster wieder am Werk: 

Das konnte so nicht bleiben. Der Reiniger wurde erneut losgeschickt und nahm sich die Wand ein zweites Mal vor:

Mysterious graffiti artist's hilarious battle with council clean-up crew, London, Britain - Jun 2015

Das wiederholte sich in den nächsten Monaten in schöner Regelmäßigkeit. In der Nacht kam der Sprayer und am Tag der Reiniger. Man hatte ein date, nur leider traf man sich nie. Die Arbeitszeiten waren zu unterschiedlich.

Mysterious graffiti artist's hilarious battle with council clean-up crew, London, Britain - Jun 2015

Langsam wurden die Botschaften länger. Eine neue Runde wurde vom Sprayer eingeläutet, als er einfach mal außerhalb des Spielfeldes sprühte. Und das war die Wende. Denn der Reiniger war auch nicht ohne Kreativität. Er raffte sich nunmehr zum finalen Anstrich der Fassade auf und hinterließ seinerseits einen Gruß an den Graffitifreund:

Mysterious graffiti artist's hilarious battle with council clean-up crew, London, Britain - Jun 2015

So macht man das in England. Statt Polizei und Gericht zu bemühen, regelt man es selbst. ‘Hauptsache wir hatten alle Spaß’ lautet das Lebensmotto. Damit lässt es sich aushalten. Und ich komme natürlich während des lauen Sommerabends auch noch reichlich auf meine Kosten. Gerade setzt George zu einer neuen Runde an.

“Habe ich dir schon von dem Medizinstudenten erzählt, der sich praxisnah mit den vielfältigen Todesarten bei uns vertraut machen sollte?” Eine Möglichkeit hat er gleich selbst ausprobiert: death by alcohol-intoxication. Er überlebte den Selbstversuch, war aber nach durchzechter Nacht am Morgen noch nicht ganz frisch. “Nee, erzähl.”  Und also legt er los, in der typisch bildreichen englischen Sprache, an der ich mich gar nicht satt hören kann. “… when he’s hungover (verkatert) and hungry he’s willing to get through fifteen pigs a month. And so he was eating at his desk this morning like a starving hippo ...”

Und schon sind wir wieder beim Alkohol gelandet. War gar nicht meine Absicht und ich verspreche Besserung. Aber die Schwüle setzt auch mir zu, da wird sogar das Denken träge. Enjoy the summer evenings! With or without mother’s ruin.