Bloß nicht den Brexit erwähnen, dann hängt bei uns der Haussegen schief. Wir sind uns zwar einig, dass wir in der EU bleiben wollen, aber bloß keine langen Diskussionen. Ich mag es mir gar nicht vorstellen, was gewesen wäre, wenn George ein Brexit Befürworter wäre. Ich glaube es hätte unsere Beziehung gesprengt, denn wie soll ich mit einem britischen Partner zusammenleben, der die Europäische Union ablehnt. Ist zum Glück nicht passiert und das ist gut so. 

Das Brexit wird im Londoner Alltagsgespräch penibel umschifft. Und dabei ist er in jedem Moment mehr als präsent. Besonders jetzt, wo die Uhr runtertickt. Wird noch ein Wunder geschehen? Wird doch noch jemand aufstehen und sagen: ‘Stop the madness!’? Es war Ende Oktober 2017 als sich 92% der Briten dafür aussprachen lieber einen ungeregelten Ausstieg zu wagen, als in der Union zu bleiben. Lediglich 8% hielten den harten Brexit damals für ‘desaströs’. Die Einschätzung hat sich gedreht. Inzwischen geht die Angst um. Aus Befürchtungen wurden Tatsachen. Gestern gab eine kleinere englische Fluggesellschaft auf, weil die Ungewissheit ihrer Finanzlage den Halt nimmt. Wieder ein paar hundert Arbeitsplätze futsch.

 

Der Stress zeigt Spuren. Warum tut sie sich das an? Mrs May ist eine Befürworterin der EU! Sie handelt also gegen ihre Überzeugung. Tauschen möchte mit ihr sicher keiner.

 

“Vergiß nicht, wir sind um zwölf zum Essen verabredet.” “That’s a long way off. Until then, I’m reinventing the world”, brummt George zurück. Naja, es würde ja reichen wenn er sich bis dahin rasiert und fertig anzieht, denke ich mir. Aber er hatte eine kurze Nacht, so ist das nun mal, wenn man Bereitschaftsdienst hat und tatsächlich raus muß. Wir treffen Freunde im Pub, wo am Sonntag der Sunday Roast schon um die Mittagszeit verspeist wird. Eine leckere Sache und keineswegs immer nur Rindfleisch. Ich werde bestimmt das halbe Huhn nehmen, dass erstaunlich viel Fleisch auf den Rippen hat und in dicker, dunkler Soße schwimmend serviert wird. Dazu drei Gemüsesorten, gebackene Kartoffeln und eine faustgroße Pie, die wie eine Pastete gebacken wird und prima zum Soßetunken genutzt werden kann. Hmmm, yummi, yummi.

Letzten Donnerstag verlor die Premierministerin schon wieder eine Abstimmung im Parlament und dadurch ist noch deutlicher geworden, dass ihre innerparteiliche Autorität gegen Null geht. Es wäre klug, jetzt die fehlenden Stimmen in der Oppostion zu suchen, aber die Treffen sind alle gescheitert. Statt dessen reisen nun beide, Prime Minister und Labour Leader, in der nächsten Woche in Brüssel an. Die werden die Augen verdrehen und zum x-ten Mal erklären, dass es keine Nachverhandlungen gibt. Was für ein Trauerspiel. Man rechnet fest damit, dass Mrs May ihren Kurs stur weiterfährt und erst am 26. oder 27. März die alles entscheidende Frage im Parlament stellen wird. “Wollt ihr meinen Plan wählen oder ohne Plan aussteigen?” Blöd ist nur, dass ihr Plan längst abgewählt wurde. Statt zu korrigieren, hält sie stur daran fest. Meine Hoffnung ruht auf einem letzten Aufbäumen der Bevölkerung. Man plant eine Massendemonstration am Samstag, den 23. März. Man rechnet alleine in London mit mehreren hundertausend Menschen. Sie wollen unbedingt verhindern, dass man ohne Vertrag ausscheidet. Stattdessen soll eine zweite Volksabstimmung durchgeführt werden. Ist wohl praktisch möglich, denn der Brexit kann bis zu letzten Minute verschoben oder ganz aufgehoben werden. Trotzdem ist das alles ein Desaster, denn es kostet viel Geld und viele Nerven. 

 

Die Stimmung ist gekippt. Die Leute merken, dass sie deutlich weniger Geld in der Tasche haben. Es drohen Versorgungsengpässe. Und der Müll wird liegenbleiben, denn man hat viel zu wenige Verbrennungsanlagen. Bisher wurde ein Teil davon in die EU transportiert. Wird es ein letztes Aufbäumen geben? Eine Massen-Demo soll am 23. März stattfinden.

 

Am 29. März, 23:00 Uhr Greenwich Zeit, fliegen die Briten raus. Das darf nicht sein und kann nicht sein. Schließlich feiern wir an dem Tag George’s Geburtstag! Für mich ein hoffnungsvolles Argument, um mir ganz fest ein Wunder zu wünschen.

Und wenn es doch schief geht? Dann gehe ich davon aus, dass ich bis zu neunzig Tage pro Jahr in England leben kann. Was danach kommen soll, weiß ich auch nicht und will es mir auch gar nicht vorstellen. – George ist rasiert, riecht gut und sieht mehr als brauchbar aus. Dem Essen steht nix im Wege. Wir können den kurzen Weg zu Fuß gehen. Als er mir die Tür aufhält, flüstert er mir lieber noch einmal zu: “No word about the Brexit. We want to have fun and enjoy the day.” Englische Verdrängungstaktik. Bei ihnen funktioniert sie sogar, mir kommt irgendwann die Realität wieder in den Sinn und dann beginnt das Zittern.