Bevor ich Father Christmas in London besuche, macht George noch ein paar Tage Urlaub in Hamburg. Wir feiern Advent und falls es kälter wird, wäre ein Besuch im verschneiten Harz bestimmt wunderschön. Ich war noch nie dort, -übrigens auch nicht auf Helgoland und das als Hamburgerin (!)-, aber es ist nie zu spät etwas Neues zu wagen. Schließlich nehmen wir noch den Nikolaustag mit, der wird als Überraschung präsentiert, denn die Engländer kennen den stocking filler nicht. Und das obwohl ihre Strümpfe schon längst am Kaminsims hängen.

 

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Bis Weihnachten bleiben die stockings leer! Das können wir besser.

 

Als George in Hamburg eintrudelt stürmt es mächtig. Regen peitscht gegen die Autoscheibe. Ein ungemütlicher Tag, der nur Zuhause auszuhalten ist. Wer einen Kamin hat, freut sich heute doppelt an der wohligen Wärme. Ich beschäftige mich mit meiner “Jahresbilanz”. Was ist im letzen Jahr passiert, wo stand ich vor zwölf Monaten und was erwarte ich von 2016? Ich liebe das Ritual der Rauhnächte, das Mitte Dezember beginnt, wenn ich anfange meine Wünsche aufzuschreiben. Jeden Tag einen. Zwischen den Feiertagen werden die dann mit ‘Feuer und Rauch’ den guten Geistern übergeben. Immer im festen Vertrauen darauf, dass sie mir helfen werden, meine Ziele zu erreichen. Im letzten Jahr hat es geklappt. Auf geradezu unheimlich präzises Weise. Denn als ich meine Wünsche notierte, war ich George noch gar nicht begegnet.

 

london
London aus dem Weltall. Ich erkenne es sofort. Themse, Hyde Park, Regent’s Park, Hampstead … Selbst aus dieser Entfernung packt mich die Sehnsucht. Habe ich hier schon einmal gelebt? Bin ich hier zu Hause?

 

Der Tag könnte so schön sein, bekommt dann aber einen heftigen Dämpfer: Die Hamburger haben sich gegen die Olympiabewerbung entschieden! Ich höre es im Radio, bin sehr überrascht und sage spontan: “Dann gehe ich eben nach London”. George schaut mich verblüfft an und sagt zum Glück kein Wort. Erst jetzt merke ich, dass die Abstimmung über die Olympiade mich viel tiefer berührt. Ich habe die Sache längst zu einer persönlichen Entscheidung gemacht, Hamburg oder London. Die Erkenntnis muß ich erst einmal verdauen. Auf jeden Fall schmeißt sie meine Planung 2016, die man gerade drei Stunden alt ist, ganz schön über den Haufen. Ich hatte ein sehr ruhiges, ereignisarmes Jahr erwartet. 

Jetzt bloß nicht die zarte Pflanze, die da in meinem Kopf ihre ersten Fühler ausstreckt, kaputt reden. Zum Glück scheint George es ähnlich zu empfinden, er muntert mich mit amüsanten News auf, wofür ich ihm wirklich dankbar bin. Kate und William haben ein neues Foto ihrer Tochter Charlotte veröffentlicht. Die kleine Prinzessin ist jetzt fast ein halbes Jahr alt. Seit ihrer Taufe gab es keine Fotos in der Presse und dieser gelungene Schnappschuss wurde von ihrer Mutter gemacht. Eine gute PR-Strategie, die allen gerecht wird und glücklich macht.

 

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Prinzessin Charlotte spielt mit einem cuddly toy dog. Das Foto wurde von ihrer Mutter gemacht, zu Hause in Anmer Hall, in Norfolk.

 

“The Duke and Duchess hope everyone enjoys these new photos of Princess Charlotte as much as they do.” “Thank you so much, yes we do.” Der kleine Spielzeughund ist ganz im Stil der diesjährigen Zuchtmode. Lockiges Fell ist der Renner und deshalb sind auf einmal Mischlinge teurer als ihre reinrassigen Elternteile. Ich glaube in Deutschland hat es sich noch nicht so verbreitet, aber in London sieht man die niedlichen Hunde überall. Wie immer fielen den Briten griffige Namen ein: Cockapoo (Cocker + Poodel), Puggle (Beagle + Poodel), Peekapoo (Pekinese + Poodle) und mein sprachlicher Favourit, der Schnoodle (Schnauzer + Poodle).

 

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Ein Labradoodle erobert im Nu jedes Herz. George würde sofort einen mitnehmen. Die cross-breeds sind groß in Mode.

 

Immerhin erreicht uns am Abend dann doch noch eine sportliche Nachricht, die Jubel auslöst. Andy Murray hat sein Tennismatch in Belgien gewonnen und damit wurde England endlich einmal wieder Davis Cup Sieger. Es war im Jahre 1938 (!) als der Pokal das letzte Mal an die Engländer ging.  Und das in einem ur-englischen Ballsport. Da kann ich den Jubel verstehen. Das ganz nebenbei einer der Klitschko Brüder von einem Engländer verdroschen wurde, ging dabei fast unter. Noch eine gewonnene Weltmeisterschaft. Ich gönne es den Insulaner, die immer voller Optimismus in jedes Turnier gehen und (fast) immer als erste ausscheiden. Echte Enthusiasten, die auch sportlich zu verlieren wissen. Bevor ich aber wieder ins Grübeln gerate, über das Hamburger Wahlergebnis (ich kann nicht anders, für mich fühlt es sich wie eine Entscheidung gegen London an, was objektiv Blödsinn ist,  aber subjektiv schmerzt), hält George mir ein Bild eines anderen Hundes vor die Nase. Der ist so abstrus häßlich, dass ich gar nicht mehr weggucken kann. Selten so gelacht.

 

doggy
Zappa wurde der Star auf Instagram. Seine Zunge hängt auf allen Fotos lang runter. Der Kerl sieht wie ein lebendiger Cartoon aus. Irgendwie auch goldig.

Draußen stürmt es noch immer. Sturmflutwarnung an der Nordseeküste. Wir haben es warm und gemütlich. Der Abend plätschert so dahin, ein falsches Wort wäre jetzt fatal. Statt talking nineteen to the dozen and juggling dizzy bin ich eher schweigsam. George hält das aus. Erst abends macht er Musik an und entscheidet sich für eine Auswahl von 60-er Hits. Die haben wir lange nicht gehört, mögen sie aber beide. Wir sind zusammen mit den Beatles und Stones erwachsen geworden und es ist erstaunlich, dass ihre Songs noch heute gerne gehört werden. In die Zeit gehört natürlich auch der Sound der American West Coast. Wer träumte nicht von den San Francisco Nights? Mittendrin die legendären Wilson Brüder, besser bekannt als Beach Boys. Ihr Sound tut gut, man muß mitsingen. Barbara Ann und Sloop John B., wir fühlen uns auf einmal wie pubertierende Teenager die sich ihr Leben bunt erträumen. Beim nächsten Titel werde ich ganz ruhig und höre um so aufmerksamer zu:

Wouldn’t it be nice if we were closer 
then we wouldn’t have to wait so long 
and wouldn’t it be nice to live together 
in the kind of world where we belong

You know it’s gonna make it that much better 
when we can say goodnight and stay together

You know it seems the more we talk about it 
it only makes it worse to live without it 
but let’s talk about it – oh wouldn’t it be nice

Goodnight my baby 
sleep tight my baby

Songtext: The Beach Boys