Der Kreis schließt sich. Morgen feiern wir Silvester, New Year’s Eve party in Trafalgar Square. Wir singen Auld Lang Syne, lauschen dem Countdown, küssen uns, schauen dem Feuerwerk zu und ich werde heulen wie ein Schloßhund. George wird sich ratlos fragen warum mir trotz Umarmung die Tränen laufen und ich werde genauso ahnungslos antworten: “I don’t know either.

 

Should auld acquaintance be forgot
and never brought to min’?
Should auld acquaintance be forgot
and days of auld lang syne?
For auld lang syne, my dear
for auld lang syne
we’ll take a cup o’kindness yet
for auld lang syne

 

Ich glaube der Text dieses wunderbaren Volksliedes ‘Auld Lang Syne’ ist gälisch, aber das ist unwichtig. Es ist auch gar nicht notwendig ihn wörtlich zu verstehen. Er wendet sich nicht an den Verstand, sondern an die Seele. Es sind Abschiedsworte an die Verstorbenenen des letzten Jahres. Ihre Körper haben wir beerdigt, ihr Geist erlosch. Und doch können wir ihnen einen Gruß senden, indem wir im Moment der größten Freude an sie denken und es ihrer unsterblichen Seele mit dieser Melodie vermitteln. “Go well my friend. I will miss your company. I will not mourn your departing but celebrate your life and the great times that we had together.”

Wenn ich auf das Jahr zurückblicke, kann ich nur staunen. Wohl das glücklichste meines langen Lebens. Wie gut, dass ich diesen Blog geschrieben habe, so habe ich mir selbst eine liebgewordene Erinnerung erschaffen. Wenn ich hier nachlese, kann ich das kommende Jahr schon erahnen. Im Januar und Februar wird London leerer als sonst sein. Die Touristen bleiben aus und die Stadt gehört sich selbst. Für mich Gelegenheit endlich das ‘normale’ Besucherprogramm nachzuholen. Es gibt so vieles was ich noch nicht gesehen habe: St. Pauls Cathedral und Westminster Abbey, Windsor Castle und Eton College, das Royal Observatory in Greenwich und vielleicht doch einmal die Runde im London Eye drehen.

Dann ist schon März und der Frühling weht ins Land. Die Parks werden grün. George kümmert sich um den Garten und erweckt die Bienen (his ‘girls’) aus ihrem Winterschlaf. Ende des Monats feiern wir seinen Geburtstag und gleich danach lassen wir die Queen hochleben (90. Geburtstag!). Das wird der Auftakt zur längsten Birthday Party, die London je erlebt hat. Erst wird die Stadt von allen Bürgern gemeinsam gesäubert (Clean for the Queen Day) und dann wird drei Monate lang ‘Hurrah!’ gerufen. God bless the Queen. 

Schon steht Ostern vor der Tür. Die Lämmer werden geboren und schon bald darauf laufen sie kunterbunt angemalt ihr Rennen beim Lamb National. In Bahnhofshallen und auf den Straßen springen die Morris Dancer um die Wette. Die Tagen werden länger, das Leben kehrt zurück und Londons Straßen füllen sich wieder mit Touristen. Der Engländer hat seine Seele tief in der Natur verankert; das gilt auch für die Hauptstadt und ihre Bewohner. Sobald es draußen wärmer wird, erwacht die Lebensenergie der Menschen. Sie fangen irgendwie an zu strahlen und es tut gut sich dieser Freude hemmungslos hinzugeben.

Im Mai machen wir Ausflüge. Cornwall, Somerset oder mal auf die andere Seite der Insel, zur Themsemündung. Egal wo, Englands Landschaft ist überwältigend schön. Ein Besuch at seaside ist unverzichtbar, aber es macht auch Spaß. Im Juni müssen wir wieder zurück sein. Dann steigt die dreitägige Queen’s-Birthday-Party. Ganz London wird auf den Beinen sein, singen, tanzen und Spaß haben. Ich hoffe es wird so gut wie die Olympia Eröffnungsfeier 2012, das war sensationell. Zwischendurch feiern wir dann noch schnell meinen eigenen Geburtstag.

Dann kommt schon die Urlaubszeit. Nächstes Jahr verreisen wir. Ja! Ganz bestimmt! Abwarten … Im Juli gehe ich in Rente. Eigentlich ein tiefer Einschnitt im Lebenslauf, aber ich erwarte keine großen Veränderungen. Anders würde ich empfinden, wenn auch George es zum Anlass nehmen sollte, sein Berufsleben hinter sich zu lassen. Auch hier gilt: abwarten. Keep calm and carry on.

Die Sommermonate geniessen wir immer besonders intensiv, egal ob in London oder Hamburg. Abends lange auf der Terrasse sitzen, das eigene Obst naschen, Pimm’s trinken. Tagsüber eine der vielen Sportveranstaltungen besuchen, die eigentlich mehr gesellschaftliches Treffen als Wettbewerb sind. Ganz ungezwungen, ganz easy, ganz sommerlich, mit leichter Kleidung.

Im September zieht es uns in die Wälder. Wild beobachten, fotografieren, oder einfach nur die wunderbare Herbstimmung wahrnehmen. Falls George sein Häuschen in Hamburg behält, können wir durch den Wohldorf Wald und den Duvenstedter Brook laufen; falls wir in London sind, besuchen wir den Richmond Park, wo einem die Hirsche fast immer über den Weg laufen. Schließlich werden wir wieder dabei sein, wenn die Schwäne gemessen, gewogen und gezählt werden. Auch das lässt sich in beiden Städten arrangieren.

Schließlich wird auch 2016 vorbeigehen, wird Platz machen für die Zukunft. Ankommen, Ruhe finden, weiter ziehen. Ein perfekter Lauf, der ins Stolpern kommt, sobald man ihn kontrollieren möchte. Gedanklich bin ich jetzt schon fast zwölf Monate im voraus und das ist eindeutig am Ziel vorbeigerannt. Wer weiß was passieren wird? Zum Glück niemand, denn alles ist möglich.

Wenn wir uns morgen das City’s Annual Fireworks Display ansehen, dann jährt sich für mich erstmals ein Londoner Ereignis. Das ist nicht irgendein Feuerwerk, sondern eine Illumination der Sonderklasse. Lange geplant, die Tickets wurden bereits im Juni verkauft, und der Besucherrekord liegt bei 250.000 Menschen. Sie sammeln sich an der Themse, wo das Riesenrad London Eye im Mittelpunkt der Show steht. Besuchertribünen sind am Victoria Embankment aufgebaut, eine Uferstraße am nördlichen Themserand. Der Stehplatz kostet £10. leider muß man schon Stunden vorher dort sein und kann dann nicht mehr weggehen. Aber der Londoner ist gut vorbereitet und bringt sich ausreichend Drinks & Snacks mit. Wer mehr ausgeben kann/will, hat gute Alternativen. Es gibt zahlreiche Rooftop Bars in der City, die einen spektakulären Blick auf das Feuerwerk bieten. Vorbestellung des Tisches am besten im Januar aufgeben. Einen Erste-Reihe Platz, und zwar kostenlos, bieten die Brücken: Tower Bridge, Southwark Bridge and the Millennium Bridge. Allerdings kann es dort richtig eng werden, man sollte keine Angst vor Menschenmassen haben. Wer es selbst krachen lassen will, mietet sich in einem der citynahen Hotels ein. Das Corinthia liegt ideal. Entweder man bucht das New Year Eve’s dinner oder man nimmt ein Zimmer mit Ausblick und macht es sich im Bett bequem.

George schwört auf die Herrentoilette der Shard Bar. Sie liegt im 34. Stock des Skyscrapers und man kann stehend über Groß-London blicken. Einmalig. Leider nichts für Mädchen.

Übrigens sind private Feuerwerke in ganz London verboten. Weder Raketen noch Kanonenschläge dürfen gezündet werden. Man kann sie auch gar nicht kaufen. Nur an ausgewiesenen Plätzen kann man Profis zusehen, wie sie im großen Stil das neue Jahr mit lauten BANG begrüßen. Allerdings gänzlich verzichtet der Londoner nicht auf die kollektive Luftverpestung. Er macht das schon zwei Monate früher, nämlich am ‘Fifth of November’ (Guy Fawkes Night), um dann London mit allem was böllert in die Luft zu sprengen. Bisher glücklicherweise erfolglos.

Wie auch immer, die meisten Londoner Familien werden zu Hause TV sehen und viel Spaß miteinander haben. Das ist genauso gut, wie die öffentlichen Parties in den Parks. Wo auch immer Sie feiern werden, versuchen Sie voller Vorfreude und gleichzeitig OHNE konkrete Erwartungen in das neue Jahr zu kommen. Es hat bestimmt auch für Sie viele Überraschungen im Gepäck. Machen Sie sie nicht gleich zunichte indem Sie von vornherein etwas ganz Bestimmtes erwartet. No conditions, no expectations, no restrictions. Ich beschränke mich auf zwei Wünsche, die ich an zwei besonders schönen Raketen festmachen werde. Der erste wird sein: Ich schiesse symbolisch etwas in den Himmel, vielleicht sogar bis auf den Mond, was ich einfach nicht mehr länger in meinem Leben haben will. Und der zweite Wunsch heißt: Ich lasse etwas Neues in mein Leben krachen. Letztes Jahr hat das einwandfrei funktioniert. Alles Gute – a Happy New Year!