Was ist bloß los? Da berichte ich seit Jahresanfang von den netten, harmonischen Engländern und plötzlich ereignen sich schlimme Dinge. Streit und Aggression wohin man auch schaut. Hoffentlich nur eine kurzfristige Verirrung. Vielleicht liegt es am Beginn des Sommers? Die Sommersonnenwende veranlasst ja so manchen zu merkwürdigen Ritualen.  Oder ist es die Mars-/Sonne-Konjunktion in den Zwillingen, die das Blut in Rage bringt? [Ouups, da muß ich aber auch aufpassen, das betrifft mich ja ganz persönlich! Astrologen verstehen es ;-)]

Bevor ich also heute von dem täglichen Wahnsinn der Großstadt berichte, stellen wir erst einmal ein kluges britisches Lebensmotto voran: Life isn’t about waiting for the storm to pass, it’s learning to dance in the rain. Leider kenne ich den Autor nicht, ich würde ihn gerne angeben. – Mit diesem Mantra im Hinterkopf liest sich das Nachfolgende leichter.

London ist im Sommer voller Touristen. Die kommen dann täglich zu den gut 4.000.000 (4 Mio!) Pendlern hinzu und das bedeutet bedrückende Enge. Da der Engländer den körperlichen Kontakt eher meidet, -es sei denn er will ihn selbst haben, dann kann’s nicht eng genug sein,- steigt der Blutdruck, das Adrenalin kreist im Körper und braucht schließlich ein Flutventil. So jedenfalls erkläre ich mir die Vorfälle, die sich in den letzten Tagen in London ereigneten.

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Die Busfahrerin wird handgreiflich …

Da war zum Beispiel der Doppeldecker-Bus, der sich seinen Weg durch den dichten Verkehr suchte. Er war in South Bank unterwegs. Ein zentraler Stadtteil, dort findet man “The Eye” (Riesenrad) und den Bahnhof Waterloo Station. Die Busfahrerin hatte gerade eine Ampel bei Rotlicht überfahren, was nicht  soooo bemerkenswert ist. Gut, es sind eher die Fußgänger, die die rote Ampel als unverbindlichen Vorschlag verstehen, aber wenn partout keiner kommt, egal ob Fußgänger oder Auto, dann fällt es dem Londoner schon schwer bei rot stehen zu bleiben. 

Eine Fußgängerin hatte das Delikt beobachtet und mit ihrem Handy gefilmt. Ich vermute es war eine Touristin. Vielleicht sogar eine Deutsche, die pflichtbewußt “Beweismaterial” sammelte, eine Handlungsweise, die dem Engländer völlig fremd ist.

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und dann wird es lautstark. Das Opfer gerät leider aus dem Mittelpunkt aller.

Nun wurde die Sache aber ganz und gar unbritisch, denn die Fahrerin stoppte ihren Bus, stieg aus, schritt energisch auf die Videofilmerin zu und griff ihr recht unsanft an den Hals. Lautstark sagte man sich die Meinung und schließlich fiel die überraschte Filmerin auf den Boden und blieb für einen Augenblick reglos liegen. Zeugen eilten herbei, man zeigte Zivilcourage, niemand sah weg oder ging einfach seines Weges. Aber dann wurde es doch etwas eigenartig. Statt der am Boden liegenden Frau zu helfen, standen die “Retter” rings um die Bewußtlose herum und der Streit ging nun munter in großer Runde weiter. Zum Glück kam die Frau schnell wieder zu sich und war zumindest nicht körperlich verletzt.

Als semi-professionelle Fotografin kann ich nur sagen: Beim Knipsen Vorsicht walten lassen. Nicht jeder will zum Objekt werden. Und als deutsche Bürgerin füge ich noch schnell hinzu, kümmert euch erst mal um eure eigenen Taten. Und bevor sich jetzt jemand erregt, versichere ich noch schnell, dass ich immer bei rot an der Ampel stehen bleiben. Egal wie blöd sich das auch anfühlt 😉

Was mir George am Morgen erzählte, passte sich nahtlos an. Er hatte Bereitschaft und war zu einem Unfallort gefahren. Nicht selten sind Unfallopfer nicht nur durch die Ereignisse schockiert, sondern manchmal auch handfest angetrunken. So war es wohl auch bei diesem Mann, der stark blutend auf der Straße lag. Die beruhigende Ansage “die Polizei ist informiert” wurde von dem Mann mit wenig Begeisterung aufgenommen. Er raunzte los: “If you report the police, I’ll smash your eyes through the back of your head“. Das war doch mal eine klare Ansage. Im Report konnte George guten Gewissens ankreuzen: “Patient ist ansprechbar”.

Langsam verstehe ich auch, warum mein “guter Samariter” seit Jahrzehnten sehr aktiv fernöstliche Kampfsportarten trainiert 😉

Zurück ins turbulente London. Als hätte man es geahnt, wurde gerade rechtzeitig eine riesige Wasserrutsche nahe King’s Cross aufgebaut. Dort können sich die Leute abkühlen. Nun ist es in London auch nicht viel wärmer als bei uns, aber der Londoner ist ja an Kälte seit frühester Kindheit gewöhnt. Ich sage nur fehlende oder kaputte Heizungen, klapprige Schiebefenster, Einfachverglasung usw. Und tatsächlich ziehen sich die Londoner mitten in der Stadt (King’s Boulevard) aus und rutschen los. Brrrrritons …

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Der Engländer liebt es sexy aber bitte immer im Badeanzug. Mir gefällt’s. Sie haben Stil und wissen sich zu benehmen.

Aber die schlimmste Tat in diesen Tagen passierte im hohen Norden. Auf einer der kleinen Inseln, es sind wohl die Hebriden, wurde im einzigen Laden nachts eingebrochen. Man hatte Süßigkeiten, Batterien und Pudelmützen geklaut. Eine eher kleine Beute, aber die Folgen des Einbruchs wogen schwer. Es war der erste Diebstahl seit über fünfzig Jahren (!), der die Einheimischen brutal aus dem Gleichgewicht brachte.

Auf der Insel leben nur 23 Menschen ganzjährig. Sie sind seit Generationen hier zu Hause und  vertrauen sich gegenseitig blind. Und dieses Vertrauen schenken sie auch jedem Fremden, der sich hierher verirrt. Manchmal kommen nachts Fischer vorbei oder ein paar Vogelkundler machen einen Tagesauflug. Sie alle sind willkommen und dürfen rund um die Uhr den Kaufmannsladen nutzen. Er ist nie verschlossen. Man nimmt sich was man braucht, schreibt es auf einen Zettel, legt Geld in eine Box und geht wieder. Manche kochen sich nur einen Tee oder nutzen das WLAN.   

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Diese Pudelmützen wurden gestohlen. Traurige Sache. Aber lustige Übersetzung: hand knitted bobble-hats.

Diese Gastfreundschaft wurde jetzt mit Füßen getreten und das ist in meinen Augen eine Schweinerei. Hoffentlich haben die Diebe ein Gewissen und melden sich. Man wird ihnen verzeihen, wenn sie sich entschuldigen.

Was ist bloß mit “meinen” stets fröhlichen und augenzwinkernden England passiert? Hoffentlich ist es bloß eine kurzfristige Sommerlaune, die die Gemüter so verändert hat. Auch die angekündigte Großdemonstration lässt nichts Gutes ahnen. In London wollen die Menschen gegen die Kürzungen protestieren. Sie sind nicht länger bereit sich einzuschränken, Opfer zu bringen und Verzicht zu leisten. Während der Lohn sinkt, steigen die Mieten. Das macht auf Dauer keine Laune. Trotzdem sind (Protest-) Demos in London eher ungewöhnlich. Warten wir mal ab.

austerity
Austerity is failing – das politische Sparprogramm ist gescheitert. Es reicht uns.

Dann aber finde ich zum Glück noch diesen Leserbrief. Er wurde gestern von Eleanor Patrick geschrieben und heute abgedruckt. Auch sie äußert sich zum Thema “Austerität” [Sparsamkeit, Einschränkung]. Und als ich ihren Brief lese, fasse ich sofort wieder Mut. Er trägt den Titel “The bottom line“:

Austerity has hit the bottom. Nine month ago, each roll of my favourite lavatory paper had 240 sheets. After Christmas, this was reduced to 210. Today I see that the package says 190.

Keeping prices identical while cutting content fools no one. How long before I have to visit the shop every day?”

DANKE Eleanor! Du gibst mir den Glauben an die glücklichen, in sich ruhenden Engländer zurück. So mag ich euch. Kritisch, schlau, schlagfertig, selbstbewußt, humorvoll, augenzwinkernd und immer liebenswert.